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Kreuzkümmel, Zimt und Koriander

Unsere Welt ist kleiner geworden. Doch wer seine Sinne auf große Fahrt schickt, reist grenzenlos.

Es kann der Duft von Kreuzkümmel sein, gemischt mit Kurkuma und etwas Zimt: Und schon sitze ich in einem kleinen Lokal am Strand von Rabat, wo die Wellen gegen die Hafenmauer preschen, vor mir eine Lamm-Tagine mit Couscous. Oder der Geruch von Kokos und Koriander: Kurz dran riechen, und ich habe den Geschmack des Buntbarschs auf der Zunge, den ich in einer einfachen Bude bei den Floating Markets von Bangkok genieße. Oder auch das Aroma der dickhäutigen Zitronen: Man baut sie an der Amalfiküste an und reibt ihre Schale in herrlich cremige Risotti.

Ich muss nur kurz an Gewürzen, Kräutern und Früchten schnuppern und bin sofort ganz woanders. Eine Reiseschriftstellerin am Trockenen, ohne Aussicht auf offene Grenzen, zumindest nicht in den kommenden Wochen und Monaten: fast wie ein Fisch ohne Wasser. Nein, diesen Vergleich mag ich mir nicht durchgehen lassen, zu pathetisch. Ich bin froh, an Land zu sein, in Sicherheit vor dem Virus, das quer über den Erdball zieht. Und trotzdem: Ich vermisse das Unterwegssein und freue mich, demnächst ein paar Ecken von Österreich kennenzulernen, die mir weniger vertraut sind. Exotik ist überall, auch vor der eigenen Haustür.

Wenn mich das Fernweh aber zu sehr plagt, schicke ich mich auf andere Weise in ferne Gefilde. Es kann der Klang eines Namens sein, der mich abheben lässt. Isfahan, Udaipur und Macau, Snæfellsnes, Sauris und Porto Moniz. Die wilden Melodien des Dudelsacks, die mich an die Felsküsten von Galicien und der Bretagne versetzen. Die Farben der Tücher und das feine Gewebe der Stoffe, die ich vor vielen Jahren im Bazar von Fès gekauft habe, um mich herum der Lärm und das Treiben in den engen Gassen.

Die Welt ist kleiner geworden in diesen Zeiten und unsere Freiheit beschränkt. Doch wer seine Sinne auf Empfang stellt, bringt die Gedanken zum Fliegen. Sie erreichen Räume, die sich ins Uferlose öffnen. „Seelenwanderung findet nicht nach, sondern während des Lebens statt“, so Cees Nooteboom, der große Dichter und Reisende. Dafür braucht es keinen Pass, keine Landkarten, keine Busse, Boote, Züge und Flugzeuge.

Ich schließe meine Augen und verschwinde hinter dem ersten von sieben Hügeln. Weitere sieben warten. Kardamom, Muskat und Sternanis weisen mir den Weg. Das Unendliche ist zum Greifen nah.

Susanne Schaber

lässt sich im Morgengrauen vom Vogelgezwitscher inspirieren und denkt vor dem Einschlafen noch gerne an Reisen und Abenteuer im Kopf, um am nächsten Tag beherzt ins Leben zu springen.

Foto: Karl Mühlberger

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