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Kleine Welt ganz groß?

Das vergangene Frühjahr holte die Flugzeuge auf den Boden und ließ die Grenzbalken niedergehen. Wir haben uns damit getröstet, in einem schönen Land zu leben. Reicht das auf Dauer?

Beginnen wir persönlich. Ich bin in den 1960er-Jahren in einem kleinen Dorf in Niederösterreich groß geworden. Es gab zu Hause wenige Schätze. Einer der größten für mich war eine Glückwunschkarte mit der Aufschrift „Congratulations“. Sie stammte von einer Cousine meines Vaters, die nach dem Krieg mit ihrem Mann nach Chicago ausgewandert war, und wurde meinen Eltern anlässlich ihrer Hochzeit zugestellt. Eine Karte aus Amerika! Sie regte meine Fantasie an. All meine übrigen Verwandten lebten im Umkreis von höchstens 30 Kilometern. Wie sehr habe ich mir gewünscht, wir mögen doch mehr Familie irgendwo auf der Welt haben. Chicago! Keine Ahnung, wo das war, aber es klang nach dem Versprechen einer größeren, interessanteren Welt.

Vor wenigen Jahren studierte ein Patensohn in Chicago, und da war es Zeit, nicht nur ihn, sondern auch meines Vaters Cousine zu besuchen. Wir verbrachten einen netten Nachmittag. Ihr Leben war als Schneiderin wenig glamourös verlaufen und ihre gefühlsmäßige Heimat hatte sie in einem Österreicher-Chor gefunden. Das Heimweh ist nie ganz verschwunden. Trotzdem hat mir der Besuch in ­Chicago wieder einmal das besondere Gefühl des Reisens vermittelt: Einblick in die Lebenswelten anderswo, ein sinnliches Wahrnehmen der Menschen und ihrer Gewohnheiten, vieles, was mir heute hilft, Nachrichten aus den Vereinigten Staaten besser einzuordnen. Darauf möchte ich auch in Zukunft nicht verzichten. Österreich ist als Heimatbasis wunderbar. Aber ich möchte nicht auf eine kleine Welt zwischen Neusiedler- und Bodensee beschränkt sein. Die offene Welt hat durch die Corona-Epidemie kurzfristig einen schlechten Ruf bekommen. Reisende seien der effizienteste Weg für Viren, sich zu verbreiten. Also bleiben wir lieber zu Hause. Außerdem sei das besser für das Klima. Oder auch eine ­Chance für gestresste Gemüter, endlich „zu sich selbst“ zu kommen. Das bestreite ich. Ich komme zu mir selbst, wenn ich mich anregen lasse, wenn ich mit meinen Sinnen Fremdes aufnehmen und auf mich wirken lassen kann, wenn ich mich so gesehen erweitere und nicht verenge. Noch nie war ich eine große Freundin der These, dass ich alles Wichtige in mir habe und daher nur „nach innen“ hören müsse.

Mich treibt die Neugier. Die Welt ist so unglaublich reich und vielfältig, dass es mich grämt, nur so wenige Lebensjahre zu haben, um Bruchteile davon zu erkunden. Es stimmt, dass unsere Art zu reisen und uns die Welt anzueignen noch zu viele Ressourcen verbraucht und die gesamte Weltgemeinschaft aus Menschen, Pflanzen und Tieren schädigt. Aber ist das ein Grund, damit aufzuhören? Ich finde: ganz im Gegenteil. Unser Erfindergeist ist unbeschränkt. Wir sind noch nicht am Ende unserer Weisheit angelangt, was klimafreundliches Reisen angeht. Wie sich am Beispiel des bösen C-Virus zeigt, braucht es die klügsten Köpfe von überall auf der Welt, um Neues zu erfinden, in dem Fall Medikamente und Impfungen. Dasselbe gilt für viele andere Fragen. Entwicklung geht nur im Austausch. Wir sollten nach vorne blicken und nicht zurückschauen. Diese eine gemeinsame Welt verstehen wir noch bei Weitem nicht. Wir müssen unseren Horizont noch viel stärker weiten. Reisen ist eine Möglichkeit. Es zeigt uns etwa, dass wir Menschen rund um den Globus ziemlich ähnlich ticken. Das ist eine gute Basis, um die Zukunft auch gemeinsam zu gestalten. Hoch die Grenzbalken und in die Lüfte mit den Fliegern – wenn möglich mit anderen Antriebsmitteln. Aber das ist eine andere Geschichte. Nochmals zurück zum Horizont meines Heimatdorfes: Das erste eigene Buch meiner Kindheit hieß „Feuerschuh und Windsandale“. Darin wandert ein Bub mit seinem Vater durch die Lande. Sie erleben abenteuerliche Geschichten. Diesen Kindheitstraum wird man uns nicht abgewöhnen können.

Christine Haiden vermisst unter anderem in diesem Sommer eine Reise mit ihren Patenkindern nach Rom.

Reisen? Ja bitte!

Fast sechs Millionen ÖsterreicherInnen haben im Jahr 2018 zumindest eine Reise im Inland oder ins Ausland gemacht, hat die Statistik Austria errechnet. 2020 wird diese Zahl dramatisch einbrechen. Nicht nur in Österreich. Die weitreichenden Reisebeschränkungen in viele Länder der Welt sind für den Tourismus eine unglaubliche Herausforderung. Städte wie Venedig oder Hallstatt, die noch vor wenigen Monaten überlegten, den Zugang für TouristInnen zu beschränken, freuen sich nun über jeden Gast. Umgekehrt sollte sich der ökologische Fußabdruck vieler Menschen 2020 verbessern. Die Umweltschäden aus dem Reiseverkehr fallen weg. Nach den Reisemotiven befragt, gaben die ÖsterreicherInnen 2018 für den Inlandsaufenthalt hauptsächlich Aktivurlaub und Verwandtenbesuche an. Bei Auslandsreisen standen Kultur-, Besichtigungs- und Städtereisen an der Spitze, gefolgt von Badeurlauben. Das durchschnittliche Urlaubsbudget lag 2018 pro EuropäerIn bei 2.000 Euro. Davon werden wir in den nächsten Jahren vermutlich nur träumen können.

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