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Die ausgeschlafene Prinzessin

Prinzessin Bertie wohnt allein in einem Turm wie Rapunzel und hat kilometerlange Haare. Sonst hat sie mit der schmachtenden Schönheit aber nicht viel gemeinsam. Ihr Haar ist weder blond wie gesponnenes Gold noch nutzt sie es als Strickleiter für Prinzen. Sie schläft zwar jahrelang wie Dornröschen, lässt sich aber nicht durch einen Kuss wecken. Lieber wacht sie einfach selber auf, wenn ihr danach ist. Und sie will nicht irgendein Frühstück.

Ich habe einen Bärenhunger … Ich will ein Schokocroissant, aber sofort!

Das klingt verdächtig nach verwöhnter Prinzessin. Bertie ist aber vielmehr eine bemerkenswert entscheidungsfreudige Person. Sie formuliert Ziele klar, verfolgt Vorhaben konsequent. Samt ihren langen Haaren, die sie wie eine Schleppe hinter sich herzieht, startet sie entschlossen los ins Dorf. Irgendwo wird dort schon ein „Schokocroissantladen“ zu finden sein!

Tatkräftig statt verwöhnt

Hutmacher, Schwertschmied und Käsehändler – niemand kann ihr weiterhelfen. Dann hört sie hinter einer Ecke Kinder spielen und lachen.

„He, du kleiner Lauser, sag mir, wo ich Schokocroissants bekomme, aber sofort!“, verlangt die Prinzessin.

Frech ist sie schon, aber mit der Krone auf dem Kopf kann sie sich den herrischen Ton erlauben. Der Junge bietet auch gleich dienstbeflissen seine Hilfe an und bringt sie zum Bäcker am Ende der Straße. Die ringsum spielenden Kinder hat sich Jean-Luc Englebert unbekümmert von Großmeister Bruegels Gemälde „Die Kinderspiele“ ausgeliehen. In seinem hölzernen Stil ist das für die erwachsenen Vorlesenden äußerst witzig.

Ich will ein Schokocroissant. Sofort!

Die Kinder folgen ihr neugierig: Eine Prinzessin haben sie noch nie gesehen. Wie frisch ausgewalzter Asphalt zeichnen Berties Haare surreal den Weg durch das Labyrinth aus Gassen, Straßen und Plätzen. Die lästige Schleppe hält sie plötzlich zurück. Sie hat sich um die Häuser gewickelt und ist hängen geblieben.

„Das ist eine Frechheit!“, ärgert sich die Prinzessin. „Ich komme ja keinen Schritt weiter!“

Ich will ein Schokocroissant. Sofort!

Glücklicherweise steht sie direkt vor einem Friseurladen. Der Coiffeur strengt sich mächtig an, aber Bertie ist anspruchslos. Sie will sich nur von der unpraktischen Haarpracht befreien lassen und spendet Perückenmaterial für sämtliche Hofdamen. Sollen die sich doch aufdonnern, im Leben der modernen Prinzessin geht es wahrlich um Wesentlicheres! Nichts soll sie mehr aufhalten, schließlich ist sie immer noch hungrig.

Umverteilung

Endlich kann Prinzessin Bertie mit praktischer Kurzhaarfrisur ungehindert zum Bäcker und kauft gleich alle Schokocroissants, die es gibt. „Eines für mich und eines für jedes Kind im Dorf, das mir geholfen hat.“ Das klingt fair. Eine Thronfolgerin, die ihre Krone als Bezahlung nutzt, um alle Kinder zu versorgen, hat verstanden: Nur Umverteilung der Reichtümer bringt Gerechtigkeit. Und außerdem ist ein gutes Gewissen Voraussetzung für weitere Jahre sorgenfreien Schlafs.

Weiches Herz und freier Geist

In knappen Sätzen teilt Bertie ihre Bedürfnisse mit. Charme oder Höflichkeit sind überflüssig. Die oberflächlich betrachtet unhöfliche, kratzbürstige und unerzogene Prinzessin besitzt ein großes Herz und einen wachen Geist. Darauf käme es an bei Herrscherinnen und Regierenden. Eine zweifellos große Bilderbuch-Heldin!

Und da wäre dann noch der Ritter, hoch zu Ross, der ihr gegen Ende der Geschichte „mit großem Getöse“ begegnet. Er sucht die Prinzessin, die darauf wartet, von ihm geholt zu werden. Denkste! Da ist er an die Falsche geraten. Niemand hat auf den eingebildeten Pimpf gewartet. Und mit ihren struppigen Haaren und ohne Krone nimmt er ihr die Prinzessin ohnehin nicht ab und hält sie für eine Hexe. Das ist auch das Stichwort für die Kinderschar, das Weite zu suchen. Und für Bertie ist es wohl auch Zeit, nach Hause zu gehen.

Ich will ein Schokocroissant. Sofort!

Unspektakulär geht das Abenteuer zu Ende. Gähnend steigt Prinzessin Bertie die Treppe ihres Turmes empor, um sich wieder für ein paar Jahre ins Bett zu legen.

Jean-Luc-Englebert zeigt uns beeindruckend, was Willenskraft und Autonomie bedeutet. Bertie weiß, worauf es ankommt. Bitte mehr von solchen Prinzessinnen für unsere Welt!

Jean Luc Englebert: Ich will ein Schokocroissant. Sofort!Jean-Luc Englebert:
Ich will ein Schokocroissant. Sofort!
Picus Verlag 2020
ab 4 Jahren

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Veronika Mayer-MiedlVeronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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