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Raus aufs Land!

Filomenas Eltern haben beschlossen, von der Stadt aufs Land zu ziehen. Sie wollen aufs Auto verzichten und mitten in der Natur leben. Viel frische Luft und Platz ohne Ende – nicht erst seit März 2020 für StadtbewohnerInnen eine überaus attraktive Vorstellung!

Per Inserat haben sie eine bunte Gruppe von MitbewohnerInnen gefunden, und alle gemeinsam beziehen sie ihr neues Zuhause, den Himmelhof: Der Bauernhof beherbergt ab sofort nun Filomenas Familie, dann noch eine zweite Familie mit Sohn Merlin, der wie Filomena 9 Jahre alt ist, außerdem zwei alleinstehende ältere Menschen und drei Studenten. Von Anfang an tut Merlin sich hervor durch körperliche Geschicklichkeit, und noch dazu kennt er sich gut mit Tieren aus. Kein Wunder, seine Mutter arbeitet im Zoo. Und, auch kein Wunder: Filomena mag Merlin nicht. Er ist ein Idiot, findet sie, und ein Angeber.

Überhaupt ist sie vom Umzug aufs Land nicht sonderlich begeistert. Ihr erster Besuch im „Geschäft“, das zugleich Tankstelle, Kaffeehaus und Post ist, und in dem es eigentlich eh alles gibt, beeindruckt sie zwar tief. „Man muss sich nur einmal im Kreis drehen“.

Filomena Grau

Aber niemand hat sie gefragt, ob sie eigentlich aufs Land will. Fürs Protokoll: Sie will nämlich nicht. Filomena vermisst ihre Freund*innen, die alte Schule und ihre gewohnte Umgebung:

Sie haben mich aus meinem alten, gemütlichen Leben gerissen und jetzt wollen sie mich hier wieder einpflanzen.

Um sich in ihrem neuen Leben zu orientieren, schreibt sie sich alles von der Seele, was sie bedrückt oder nervt, und zwar ins Notizbuch ihrer Mutter, dass sie sich als Tagebuch unter den Nagel gerissen hat, um wenigstens irgendwo selbstbestimmt sein zu können. Ihre Einträge sind abwechslungsreich und lassen uns ihre wechselhaften Gefühle unvermittelt nachempfinden: Sie ist, wie eine Neunjährige eben, neunmalklug und voll hoher moralischer Ansprüche an sich und ihre Umgebung. Nach ihrer anfänglichen Ablehnung beschließt sie, das Beste aus den Umständen zu machen, weil auch die anderen am Hof sich ja bemühen. Das wirkt streckenweise angestrengt, aber ihr quirliger Plauderton und die eingestreuten Sprachspiele sind liebenswert. Nach und nach hat sich die naseweise Filomena meine ungeteilte Sympathie erobert.

Selten hab ich so große Lust verspürt, die Figur eines Kinderromans real kennenzulernen. Ich möchte ihr sogar ein Buch ans Herz legen und bin mir sicher, es würd ihr gefallen – vielleicht nach anfänglicher Ablehnung: „Die kleine Waldfibel“ von Linda Wolfsgruber, erschienen bei Kunstanstifter, wäre mit all den Gedichten und feinen Bildern neben den Sachinformationen genau der richtige Lesestoff für so eine sprachverliebte Person wie Filomena. An einem Punkt der Handlung, als sie gar nicht mehr weiter weiß, flüchtet sie sich in den Wald. Tags zuvor hatte das Monsterhuhn hat sie beim Eierholen schlimm mit dem Schnabel in die Hand erwischt, und jetzt planen die Großen ein Fest mit Lagerfeuer und finden ganz plötzlich, man könnte doch dafür den alten Birnbaum fällen – der hat sowieso keine Früchte mehr getragen. Für Filomena ist das alles zu viel, sie versteht diese ausgelassenen „Verrückten“ nicht, und haut kurzerhand ab in den Wald. Sie weiß nicht einmal mehr, was sie in ihr Tagebuch notieren will, so sehr ist sie aus dem Häuschen. Und da ihr die Worte fehlen, wechselt sie das Medium und beginnt zu zeichnen.

Just in dem Moment taucht dort dann ein Zottelwesen auf, das mit einem Mal Filos Landleben gründlich und ganz mühelos zum Guten wendet. Und auch Filos Sprache zurückbringt.

Die Autorin Sarah Michaela Orlowski baut in Filomenas Tagebuch verschiedene Schriftstücke und Textsorten ein, was Michael Rohers Zeichnungen kongenial ergänzen. Es ist nicht das erste Mal, dass Orlowski und Roher zusammenarbeiten, schon in „Valentin, der Urlaubsheld“ greifen Wort und Bild fließend ineinander. Die Struktur von Filos Tagebuchs eignet sich ideal, da gibt es Pro-Kontra-Listen, Lagepläne, Skizzen von Innenräumen, Filmplakate aus Filos Kopfkino, gezeichnete Briefe, selbstgereimte Liedtexte, Sprechblasen mit den Argumenten der Erwachsenen, die sie anschließend eloquent widerlegt. So entsteht ein vielgestaltiges Protokoll der ersten Monate auf dem Land, ein Einblick in Filomenas Gedankenwelt in dieser Umbruchszeit. Das Buch eignet sich zum Vorlesen für Leseanfängerinnen – wenn der Spaß für die Vorlesenden gesichert ist, kann die Lust an Literatur von Groß auf Klein überspringen – genauso wie zum Selberlesen für Neun- bis Zehnjährige. Ein außergewöhnlich sorgfältig und witzig gestalteter Lesestoff!

Filomena GrauSarah Michaela Orlovský, Michael Roher:
Filomena Grau
Picus Verlag 2019
ab 8 Jahren

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Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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