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Korruption in Kopenhagens Kunstszene und die Manipulation einer Müllverbrennungsanlage haben mehr Berührungspunkte, als man allgemein vermutet

Sie kennen das Anna-Karenina-Prinzip? Leo Tolstoi schreibt im 1877 veröffentlichen Roman „Anna Karenina“: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Das gilt auch für die Familien in diesem Kriminalroman: Die eine Familie scheint reich, elegant und fleckenfrei zu sein. Die andere versucht gerade, ihr Patchwork-Muster zu finden, die andere Kleinfamilie versinkt in Müdigkeit. Doch dann wird der Sohn der Galeristen-Familie – irre Wortschöpfung! – entführt und plötzlich bröckelt der Glücksanstrich der Familie.

Damit Kommissar Jeppe Kørner und seine Kollegin Anette Werner ermitteln dürfen, braucht es mehr als das Verschwinden eines Reichen-Söhnchens. Eine Leiche lässt sich aber finden, noch dazu in der Müllverbrennungsanlage, die wunderbare Ergebnisse im Bereich des CO2-Austoßes erzielt. Als sich herausstellt, dass der Tote der Lehrer des verschwundenen Buben ist, nehmen die Ermittlungen Fahrt auf.

Brüchig, verletzlich und immer wieder aufs Neue das Gute suchend, so zeichnet Katrine Engberg Jeppe Kørner und Anette Werner. daneben erzählt sie auch noch vom Zusammenleben der Hobby-Ermittlerin und emeritierten Literaturprofessorin Esther de Laurenti, die mit ihrem Hund nicht nur Kopenhagen unsicher macht. Esther liefert ihrem Herzensfreund Jeppe immer wieder Informationen, hat Zeit zu recherchieren, ist die Fachkraft für Details, originelle Verknüpfungen und stures Dranbleiben an einer Spur.

Sie war gerade siebzig Jahre alt geworden, und mit jedem Jahr, das sie näher an das Ende ihres Lebens brachte, erlebte sie das Eintreffen des Frühlings wie einen Lottogewinn. ... Eigenartig, dass der Tod so nahe kommen konnte, ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen.
Seite 45

Jeppe und Werner stecken in ihren eigenen Liebeseziehungen fest, hängen ihren Träumen nach und gehen mit großer Menschenliebe daran, die Angehörigen und Freunde des getöteten Lehrers zu befragen. Auch hier führt die Geschichte in unterschiedliche Milieus, nicht überall möchte man Kaffee trinken und das liegt nicht an der Güte des Heißgetränks. Viel Gespür, Lebenserfahrung, politische Klarsichtigkeit sowie ein guter Geruchssinn bringen Jeppe und Werner auf die richtige Spur und ziehen ihren Hut vor so groß angelegten Täuschungsmanövern, wie denen, die ihre Tage gefüllt haben.

Nichts ist mehr so, wie es schien, manches hat sich zum Besseren verändert, Geheimnisse sind gelüftet und Lügen aufgedeckt worden. „Wir haben nur dieses eine kleine Leben. Es geht darum, es bis zum letzten Tropfen auszupressen.“ – Diese Worte klingen wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen:

witzig-hintergründige Dialoge, Weiterentwicklung der Charaktere der ersten drei Romane, Auseinandersetzung mit Krankheit und Alter, Patchwork-Familien-Idylle mit Hindernissen, Pubertät in stark ausgeprägter Form, Gentrifizierung, aufeinanderprallende Milieus, wobei der Aufprall durch sexuelle Anziehung immer etwas abgefedert wird, Kälte und Einsamkeit, Aufwärmphasen und wirklich gute Gespräche – in Dänemark sind auch die Krimis, wenn nicht sogar so manche Tatorte, ziemlich hygge.

Die Autorin Katrine Engberg

hat für Theater und Fernsehen gearbeitet, war in ihrer Heimat Dänemark – sie ist 1975 in Kopenhagen geboren – eine bekannte Tänzerin, Choreographin und Regisseurin, an diesen Erfolg schließt sie mit ihrer Kopenhagen-Serie mit dem Ermittler-Duo Jeppe Korner und Anette Werner nahtlos an. Ihre Kenntnis der Kunstszene sowie ihr Schmunzeln über manche dort anzutreffenden Eitelkeiten schimmert auch im vorliegenden vierten Band der Reihe wieder deutlich durch.

Katrine Engberg:
Das Nest. Der Kopenhagen-Krimi.
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg.
Diogenes 2021.
414 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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