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Buchempfehlung: Ich bin nicht was ich bin

Jo Nesbø liefert mit „Eifersucht“ eine Kurzgeschichtensammlung zur titelgebenden Emotion der Eifersucht.

Jo Nesbø ist dermaßen bekannt, dass allein die Ankündigung seines neuen Buches seine Fans in Ungeduld stürzt. Mich begeistert diese Zurückgenommenheit, wenn am Klappentext der Übersetzer des Buches sogar mehr Zeilen mit seiner Vita füllt, als es der Autor für nötig hält. Es ist ja auch nicht nötig, der Nesbø hat wieder ein Buch veröffentlicht, genauer gesagt hat er sieben Geschichten rund um das Thema „Eifersucht“ geschrieben: genial, spannend, verwirrend, bestürzend.

Ein neuer Jo Nesbø – aber ohne Harry Hole

Wer sich allerdings darauf freute, mit Harry Hole, dem genialen, trunksüchtigen, zerbrochenen und immer wieder aufstehenden Ermittler, durch einen neuen, 13. Band und damit durch viele Bars zu ziehen, muss eine Minute der Enttäuschung erleben. Kein Harry. Dafür viele kaputte und brüchige Figuren, gefinkelt in Normalität gehüllt, die aber nie lange hält. Also: In so manchem Protagonisten der sieben Kurzgeschichten steckt ein Hauch von Harry, Verwegenheit, Trauer, Mut zum Wahnsinn.

Die erste Geschichte ist besonders perfide: Da sitzen zwei Menschen, klar, ein Mann und eine Frau, in der Business-Class und gehen ihren Gedanken nach. Der Ich-Erzähler hat Zeit, ein Du, die Frau, zu beobachten und dann auch noch anzusprechen. Sie weint, sie trinken gemeinsam, sie teilt ihr Geheimnis mit: Sie hat einen Vertrag unterschrieben, nach dem sie innerhalb einer bestimmten Zeit getötet wird. Selbstmord auf Verlangen sozusagen, denn alles ist sinnlos, eine Liebe zerbrochen, in den Seidenlaken der Ehe räkelt sich jetzt eine andere.

Würde ich mir das Leben nehmen und einen Brief hinterlassen, in dem ich Robert Untreue vorwerfe, würde er das nur leugnen. Er würde darauf pochen, dass ich wegen Depressionen behandelt wurde, was auch stimmt, und behaupten, ich hätte schließlich zusätzlich Paranoia entwickelt. Melissa und er waren sehr diskret, es ist gut möglich, dass wirklich niemand davon weiß.
Seite 21

So manchen Abgründen der Eifersucht kommt man hier näher als man es mit dem Raum nehmenden Harry Hole je gekonnt hätte.

Der Autor Jo Nesbø

Jahrgang 1960, zählt zu den renommiertesten KrimiautorInnen – nicht nur Skandinaviens – und ist zudem Ökonom und Musiker. Er lebt In Oslo.

Der Übersetzer Günther Frauenlob

Jahrgang 1965, arbeitet seit über zwanzig Jahren als literarischer Übersetzer für Dänisch und Norwegisch.

Jo Nesbø
Eifersucht
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob.
Ullstein Verlag 2021.
272 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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