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Irgendwie ist immer alles in Ordnung

Herr Kato macht sich Sorgen, er ist darin ein Weltmeister. Doch seine Blutwerte sind in Ordnung, dabei hatte er doch gehofft, man würde etwas finden. Eine Diät gäbe ihm beispielsweise ein Gefühl der Wichtigkeit: Etwas wäre dann eben nicht in Ordnung. Seine Frau würde sich um ihn kümmern, anders als jetzt, wenn sie ihm Zettel schreibt, wenn sie außer Haus geht. Nein, es ist doch alles in Ordnung!

Herr Kato ist jetzt also in Pension, ein Zustand, ein Lebensabschnitt, der ihm nicht behagt. Immer öfter denkt er an seinen ehemaligen Arbeitskollegen, der immer wieder auftauchte, um die ehemaligen Arbeitskollegen mit seinen Storys zu langweilen. Ja, der hatte sich selbst neu erfunden, doch auf keinem Foto war sein schnittiges Motorrad zu sehen, erzählte er Märchen? Oder glaubte er selbst diese Märchenreisen als furchtloser Cowboy auf einer Maschine? So würde er, Herr Kato, nie enden, sagt sich Herr Kato, der selten Gefühle zeigt. Doch, einmal hat er im Taxi geweint, aber da war er angeheitert, der Taxifahrer wird es wohl niemandem erzählt haben.

So erstellt Herr Kato Listen, die er jetzt, wo er doch Zeit hat, abarbeiten will: Schallplatten ordnen, das Dach reparieren, die Stufen entmoosen und mit den Kindern telefonieren. Dann sitzt er da in seinem Pyjama, in seinem Haus und empfindet seine eigene Lächerlichkeit und Wut auf seine Frau, die ihm jedes Jahr zum Geburtstag neue Hauspantoffeln schenkt. Doch jetzt kommt es heraus: Seine Frau hat einen Ballettkurs für Ältere belegt, sie strahlt, als sie nach Hause kommt.

Und er sieht sie vor sich, gegen die Tür gedrückt, merkwürdig groß, obwohl er sie um mindestens einen Kopf überragt, und wie sie ihn bittet, sehr höflich, ein Mädchen aus gutem Hause, keinen Lärm zu machen, die Eltern schliefen bereits, worauf er schon damals riesige Lust bekam, Krawall zu schlagen, und es nur deshalb nicht tat, weil ihm der Griff unter die Bluse nicht genug war, er noch mehr haben wollte, während sie ihn anlächelte wie jetzt, sodass er sich dumm vorkam, er immer derjenige ist, der stolpert, während sie – tanzt. (S. 50)

Nach einer bizarren Begegnung auf dem Friedhof lässt sich Herr Kato von der Organisation „Happy Family“ engagieren: Er schlüpft dort in die Rolle „bestellter“ Familienmitglieder, hört einsamen Menschen zu, gibt einen besorgten und fürsorglichen Verwandten, repariert in dieser Rolle auch ein Fahrrad, findet sich immer besser in seine Rollen ein. In Japan gibt es diese Agenturen, die Menschen „vermieten“: So wird einer alten Dame von einer „Nichte“ besucht, mit der sie Tee trinken und über alte Zeiten sprechen kann. So zart die Haut der Jungen, so gelangweilt ihr Blick, doch all das lässt sich besser ertragen als Einsamkeit.

Am Ende des Romans sind Kato und seine Frau Großeltern, die künstliche Befruchtung hat geholfen. Das Leben verrinnt, Herr Kato arbeitet noch weitere Aufträge seiner Liste ab und lauscht seiner Frau, die Französisch lernt. Auch das aufgrund eines Irrtums, aber eigentlich ist auch das wieder in Ordnung.

 

Die Autorin, 1980 in St. Pölten geboren, verkaufte ihren Debütroman „Ich nannte ihn Krawatte“ über 100.000 Mal; der vorliegende Roman dominiert Bestenlisten, sie trifft den Nerv, die Gefühle, verwirrt mit ihren Konstruktionen. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und ja, ihre Mutter ist Japanerin.

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Ruhe, Gelassenheit, stille Momente, Verzicht auf Inszenierung, exakte Sprache, Gesellschaftskritik, Szenen einer Ehe, Szenen eines Suchenden, eines Angepassten, eines, der geliebt werden möchte, Skizzen von der Suche nach Glück

Milena Michiko Flasar:
Herr Kato spielt Familie.
Roman.
Berlin: Klaus Wagenbach Verlag.
169 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“