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Irgendwann begann sie, die Erinnerungen dann doch zu lesen

Anna Goldenberg, Jahrgang 1989, lässt ihre LeserInnen bei ihrem Romandebüt an ihren Gedanken, Erinnerungen und Entscheidungen direkt und ohne Schnörkel teilhaben. So begegnen wir ihr in der Einstiegsszene in der Eingangshalle des Krankenhauses in Poughkeepsie, im Norden des Bundesstaates New York: Hier haben ihre Großeltern Dr. Hans und Dr. Helga Feldner-Bustin, aus Wien kommend, als Assistenzärzte gearbeitet. Unter ganz anderen Vorzeichen als im Krankenhaus in Wien: Das Gehalt war besser, die Aufgaben anspruchsvoller und interessanter. Die Autorin folgt eingangs der Spur eines Zeitungsartikels, der 1955 in einer amerikanischen jüdischen Zeitung erschienen war und noch immer im Schlafzimmer ihrer Oma Helga in Wien hängt.

Auch an Bord der Saturnia waren Dr. Hans und Helga Feldner-Bustin, die aus Wien kamen, um am Poughkeepsie-Krankenhaus zu assistieren – Dr. Helga wurde 1945 aus einem Konzentrationslager befreit. Dr. Hans sagte, sein Bruder und seine Eltern kamen im KZ um, doch er entkam, weil ihn ein christlicher Arzt adoptierte. (S. 8)

Anna Goldenberg verlässt diesen Ort niedergeschlagen, ringt mit der Erkenntnis, dass sich hier niemand an ihre Großeltern erinnern kann, und beginnt, sich mit ihrer Familiengeschichte intensiv auseinanderzusetzen. Warum wohl kehrten ihre Großeltern 1956 nach Wien zurück, blieben dort für den Rest ihres Lebens, wo sie doch in den USA bessere Arbeits- und Lebensbedingungen vorgefunden hatten? Die 23-Jährige lebt damals in New York und verweist in vielen Gesprächen immer wieder darauf „Ich bin Jüdin“, um Vorurteilen gegenüber ihrer Familie keine Chance zu geben.

Großvater Hansi hat im September 1942 die Chance, bei Josef Feldner, einem Kinderarzt, in der Neubaugasse in Wien unterzutauchen, genutzt; seine Eltern sowie sein jüngerer Bruder kamen ins Sammellager, sie haben den Holocaust nicht überlebt. Der damals 17-Jährige lebt bei Pepi (Josef Feldner) als U-Boot, genießt viele Freiheiten: So nimmt ihn sein Mentor, Bruder- und Vaterersatz sogar mit in die Klinik, wo er als Kinderarzt arbeitet, lässt ihn auch Opernaufführungen besuchen. Jeder Ausflug könnte sein letzter sein, doch es geht immer gut aus. Pepi beschließt, dass sein Schützling den Umgang mit der Waffe lernen sollte und stiehlt in einem Cafehaus einen Revolver.

Hansis Tage endeten mit Pepi. Der holte ihn nämlich oft von der Opa ab. Gemeinsam spazierten sie durch die verdunkelten Straßen Richtung Neubaugasse und diskutierten. Sie kannten einander inzwischen so gut, dass sie oft erahnten, was der andere sagen wollte. (S. 121)

Anna Goldenberg reflektiert präzise ihre eigene Rolle, fühlt sich einsam in New York, wo niemand verstehen will, warum ihre Familie in Wien wohnt wie nach ihrer eigenen Rückkehr nach Wien auch niemand so recht kapiert, warum sie trotz Anstellung und Arbeitsvisum zurück nach Wien gekommen ist. Zwischen allen gefälligen Ausreden klingt ihre Wahrheit so: „… meine Familie, mit der ich aufgewachsen war, fehlte mir.“

Wie sich Anna Goldenbergs Familie aktuell um den großen Familientisch trifft, setzte man sich auch vor dem September 1942 freudig zum Essen und Diskutieren zusammen. Diese Tradition pflegten auch Hansi und Pepi in der Zeit in der Neubaugasse, später auch mit Hansis und Helgas Familie.

Die sechsköpfige Familie zog in den ersten Stock; als im Erdgeschoß eine Wohnung frei wurde, richtete Hansi sie für Pepi ein. Morgen für Morgen frühstückten die beiden gemeinsam. (S. 173)

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Zuversicht, Freude, Bestürzung – je nachdem, welche Seite der Vergangenheit die engagierte Autorin für Sie aufblättert. Sie werden klüger, wenn Sie diese Recherchen, Erinnerungen und aktuelles Erleben lesen. Sie erinnern sich an das Tagebuch der Anne Frank, werden von Kapitel zu Kapitel politischer, vielleicht auch als Mensch verletzlicher. Ein Buch, das Sie gern bei sich tragen, nicht weglegen wollen, das Porträt eines Menschen, mit dem man gern geredet und Kaffee getrunken hätte. Das wäre eine Auszeichnung gewesen.

Die Autorin ist 1989 in Wien geboren, studierte Psychologie an der Universität von Cambridge sowie Journalismus an der Columbia University; sie arbeitete als Redakteurin der Wochenzeitung Jewish Daily Forward in New York. Sie lebt derzeit in Wien und schreibt u. a. für den Falter.

Anna Goldenberg:
Versteckte Jahre.
Der Mann, der meinen Großvater rettete.

Wien: Paul Zsolnay Verlag 2018.
186 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“