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Infektionen einmal anders, Teil 1

Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Alle paar Wochen stecke ich mich mit einem neuen Schriftsteller oder einer neuen Schriftstellerin an.

Es gibt nichts Besseres, als hemmungslos in die Bücher von jemandem ein- und abzutauchen, den man neu für sich entdeckt hat und der einen begeistert. Es ist, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft: Von einem Mittelpunkt aus – dem Lesen des ersten Buchs – breiten sich in konzentrischen Kreisen Wellen aus, bis man schließlich alles gelesen hat, was er oder sie veröffentlicht hat. Erst dann kann man befriedigt aufseufzen und den Blick wieder auf andere Dinge lenken.

Ich darf kurz berichten – und auch gleich zur Lektüre empfehlen –, welche fiebrigen Lesephasen dieser Art ich in den letzten Jahren so durchlaufen habe: Wochenlang laborierte ich zum Beispiel an einer fast unstillbaren Joan Didion-Sucht (Das Jahr des magischen Denkens, Woher ich kam).

Danach steckte ich mich aufs Heftigste mit einem Robert Macfarlane- und Roger Deakin-Fieber an, womit wir uns im Herzen der gelehrten, verschrobenen, weit ausmäandernden britischen Naturschriftstellerei befinden (Macfarlene: Alte Wege, Im Unterland; Deakin: Logbuch eines Schwimmers, Wilde Wälder).

Außerdem durchlief ich anhand von C. S. Lewis’ stilistischer und denkerischer Brillanz (Überrascht von Freude, Pardon, ich bin Christ, Über den Schmerz) eine für mich selbst äußerst überraschende spirituelle Ansteckungskrankheit; gefolgt von einem längeren Abgleiten in die Geistes- und Körperzustände des hohen Alters anhand der Bücher von Ilse Helbich (Schmelzungen, Grenzland Zwischenland) und Diana Athill (Irgendwo ein Ende, Alive, alive, oh!).

Dann kam, im Vorjahr, meine Sebastian Junger-Phase. Sie ähnelte mehr einem Unfall oder einem Faustschlag ins Gesicht, dessen Spuren mich zeichneten, bis ich auch das letzte verfügbare Junger-Buch auf Deutsch und im amerikanischen Original durchhatte. Brutaler Stoff, feinsinnig verwoben: So könnte man Jungers Reportagen über Menschen, zumeist Männer in Extremsituationen (Der Sturm, War, Tod in Belmont) nennen.

Eine der schwersten und nachhaltigsten, ich möchte fast sagen: chronischen Lese-Infektionen, die ich mir je zugezogen habe, trägt allerdings den Namen eines – weiteren – Briten: Patrick Leigh Fermor (1915–2011). Als er starb, habe ich doch tatsächlich geweint, weil ich wusste, dass der dritte Band der Beschreibung seiner Fußwanderung von England nach Konstantinopel, die er in den 1930er-Jahren als 18-Jähriger gemacht hatte, nun unvollendet bleiben würde (Die Zeit der Gaben, Zwischen Wäldern und Wasser).
Er ist mein Held, er bleibt mein Held! Lest ihn, lest!

Julia Kospach

lässt sich gerne inspirieren von allem, was da wächst & blüht und kreucht & fleucht, und natürlich immer von Büchern, Büchern, Büchern & denkt vor dem Einschlafen gern an das Morgenlicht-Leuchten des nächsten Tages.

Foto: Rita Newman

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