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In zwei Welten zuhause

Sehnsüchtig hockt das Struppige in der Dunkelheit, mutlos und verloren. Zu gerne würde es dort hinüberkönnen, wo die Farben leuchten. Doch auch das Zarte, sich träge im Sonnenschein räkelnd, ist neugierig auf die dunkeldüstere Welt. Es lebt zwar ein wenig abseits der bunten Häuser, aber keineswegs in solch großer Einsamkeit wie das Struppige.

Das traumwandlerisch-seiltänzerisch schöne Bilderbuch von Kerstin Hau (Text) und Julie Völk (Bild) entführt uns in magische Welten voll fragiler Wesen und zarter Pflanzen in flirrender Farbigkeit und voll starker Kontraste. Die Meisterin des zarten Bleistiftstrichs hat als Technik die Cyanotypie gewählt, eine der ältesten Fototechniken in intensiven Blautönen, wie auf der letzten Doppelseite zum Ausprobieren erklärt wird. Ergänzt werden die Cyanotypien mit Bleistift und Kreidezeichnungen. Die Dunkelheit und das helle Sonnenlicht spielten wie in der Handlung auch bei der Entstehung der Bilder entscheidend mit.

Sich der Grenze zwischen Hell und Dunkel zu nähern, das erfordert von beiden Gestalten großen Mut. Das Zarte hilft sich mit der Taschenlampe. Es dauert, bis die beiden einander wahrnehmen und an eine Begegnung denken können.

Nach und nach kommt es zu Dialogen über die Grenze hinweg. Die Spiegelung in den Bildern findet sich im Text wieder: Das kleine Herz des Zarten flattert aufgeregt wie ein Falter, als es erstmals behutsam fragende Worte an das Struppige richtet. Und das des Gegenübers hüpft vor Freude wie ein Frosch während der Einwilligung ins Freundschaftsangebot des Zarten. Falter und Frosch lassen sich inmitten farbenfroh zierlicher Blütenpflänzchen am unteren Bildrand entdecken.

Täglich treffen sich die Freunde in dem Streifen Dämmergraublau, wo es weder dunkel ist noch hell. Endlich traut sich das Struppige an der Hand des Zarten ans Licht, mit Sonnenschirm natürlich. Das Symbol der Brücke, die die beiden gegensätzlichen Wesenheiten zueinander bauen, in aktivem Rot, der Farbe des Herzens und der Liebe, begleitet die Handlung vom Coverbild weg bis zu der Stelle, wo die beiden Hand in Hand ins Licht gehen. „Hab keine Angst. Ich bin bei dir.“ sagt das Zarte dem Struppigen. Und: „Wir gehen jetzt jeden Tag ein bisschen ins Farbenleuchten.“ Und sie lebten glücklich und zufrieden … Nein, die Geschichte könnte hier zwar zu Ende sein, doch es kommt anders.

Als eines Tages das Zarte zu lange auf sich warten lässt, um das Struppige an der Hand zu nehmen und aus der Dunkelheit zu führen, wagt das pelzige Wesen entschlossen und eigenständig den entscheidenden Schritt, nimmt Anlauf und springt mutig ins Licht. Sogar den Sonnenschirm wirft es übermütig von sich!

Mit Schrecken sieht es, dass dort, wo das Zuhause des Zarten war, nun ein Loch klafft. Voll Panik galoppiert es wie ein wildes Tier zurück ins Dunkle und wird überrascht: Vor seiner Tür steht weinend das Zarte und klagt, etwas habe sein Zuhause verschluckt. Urpötzlich sei es in der Finsternis gelandet. Die Rollen kehren sich um, das Struppige meint „So war das bei mir auch“ und drückt das Zarte tröstend an sich. Der Text von Kerstin Hau deutet bereits früh in Nebensätzen an, dass das Struppige früher auch in der Welt der Farben gelebt hat. Eine traumatische Erfahrung hat es in die tiefe Finsternis geworfen, aus der es sich mit Hilfe des Freundes herausgearbeitet hat. Langsam stabilisiert sich der Zustand des Zarten. Es gewöhnt sich an das Dunkeldüster mit all seinen Wesen, den Vielaugen, den Greiflingen und den Grummelkröten, die wirklich nichts tun. Die beiden spielen bald Fangen und Verstecken mit den Wesen der Dunkelheit. Und nähern sich gemeinsam wieder der Grenze, verweilen im Dämmerungsgraublau und kehren wieder um. „Hab keine Angst. Ich bin bei dir.“ heißt es wieder im Text. Diesmal richtet das Struppige die beruhigenden Worte an das Zarte. Erst allmählich wird ein nochmaliges diesmal gemeinsames Überschreiten der Grenze aus der schützenden Dunkelheit hinaus ans gleißende Sonnenlicht möglich.

Aus der anfangs einseitig erscheinenden Freundschaft, die darin besteht, dass das Zarte das Struppige aus seiner dunklen Welt lockt und ihm zu Mut verhilft, wird eine beiderseitig partnerschaftliche Beziehung.

Das Dunkle ist das Fruchtbare, der Schlamm, die Geborgenheit spendende Höhle, aus der wir bei unserer Geburt ans Licht gekrochen sind. Den dunklen Kreis im Bild, das Loch, das offen dort klafft, wo einmal das Zuhause des Zarten gewesen ist, wird, wer genau hinschaut als Rondell, das bepflanzt wird, wiedererkennen. Der Humus nimmt Samen und Blumenzwiebeln auf, aus ihm wächst helles und buntes Leben, das die schwarze Erde zum Leuchten bringt. „Kerstin Hau lernte, dass alles Neue der Dunkelheit entspringt“, heißt es im Autorinnen-Kurztext vor dem Impressum.

Zu guter Letzt bauen sich die Freunde ein neues Zuhause im runden Blumenbeet, dort, wo die Farben wohnen, dort, wo einst das Loch war, inmitten orangerot leuchtender Blütenkelche. „Das andere Haus behalten sie trotzdem. Die Finsternis macht ihnen keine Angst.“

Vielfach interpretierbar ist dieses faszinierende Bilderbuch: vordergründig eine Freundschaftsgeschichte, die von Angst, Mut und Zusammenhalt handelt, tiefgründiger eine Beschreibung von psychischen Krisen wie depressiven Phasen, die nur mit Entschlossenheit und Unterstützung von Freunden überwunden werden können. Polaritäten wie Melancholie und Fröhlichkeit erzeugen Spannung und fordern Entwicklung. So ist es auch ein Buch über die Sehnsucht, anders zu sein, woanders zu sein und darüber, sich mit der eigenen Persönlichkeit anzufreunden, mit allen Licht- und Schattenseiten.

Kerstin Hau/Julie Völk:
Das Dunkle und das Helle
Für Große und Kleine ab 4 Jahren
NordSüd 2019

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Veronika Mayer-MiedlVeronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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