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Ida B. Wells: Aufdeckerin, Aktivistin und Journalistin

Ida B. Wells setzte ihr Leben aufs Spiel, um die Verbrechen aufzudecken, die in den Südstaaten der USA gegen Afroamerikaner begangen wurden. Die Geschichte der Frau, die die dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte ans Licht brachte.

Das Büro der Zeitung „Memphis Free Speech“ brennt. Helle Flammen züngeln aus den Fenstern und fressen sich durch den Dachstuhl, johlende Männer taumeln durch den beißenden Rauch. Sie zertrümmern die Einrichtung, zerstören die Druckerpresse, werfen Gegenstände aus den Fenstern. Doch die Frau, die sie suchen, ist nicht da: Ida B. Wells, die afroamerikanische Journalistin, die es gewagt hat, über Lynchmorde zu schreiben. Nun soll ihr wenigstens der Brand eine Warnung sein. Sollte sie jemals nach Memphis zurückkehren, wäre das ihr Tod.

Ida B. Wells wird 1862 im Bundesstaat Mississippi als Tochter versklavter Eltern geboren. Als sie sechs Monate alt ist, wird die Sklaverei in den USA durch die Emanzipationsproklamation offiziell abgeschafft. Die Familie kommt frei. Idas Vater eröffnet eine Tischlerei, die Mutter findet Arbeit als Köchin. Doch als Ida sechzehn Jahre alt ist, verliert sie ihre Eltern und einen kleinen Bruder an Gelbfieber. Nun ist sie allein für ihre jüngeren Geschwister verantwortlich. Sie gibt ein falsches Alter an, um einen Posten als Lehrerin zu bekommen, und ernährt von dem Lohn ihre Familie.

Schon damals ist Ida unerschrocken. Als sie auf einer Zugfahrt vom Schaffner genötigt wird, ihren Sitzplatz für eine weiße Frau aufzugeben, wehrt sie sich erst mit Worten, dann mit Fäusten. Mehrere Männer schleifen sie schließlich aus dem Zug. Ida verklagt die Bahngesellschaft und bekommt vor Gericht Recht zugesprochen. Doch als wenig später die rassistischen Rassentrennungsgesetze eingeführt werden, wird auch Idas Fall neu aufgerollt. Sie verliert.

Nach dem Vorfall im Zug beginnt Ida zu schreiben. Sie zieht nach Memphis und berichtet dort für die Zeitung „Memphis Free Speech“ über rassistische Vorfälle und Diskriminierung. Als junge, afroamerikanische Frau in den Südstaaten des 19. Jahrhunderts lebt sie damit gefährlich. Doch Ida lässt sich nicht einschüchtern und erschreibt sich mit der Zeit einen Ruf als furchtlose, ehrliche Journalistin. 1889 wird sie Herausgeberin und Miteigentümerin der Zeitung.

Doch drei Jahre später gerät ihre Welt ins Wanken. Ihr Freund Thomas Moss wird von einem Mob weißer Männer entführt und erschossen. Auch zwei seiner Angestellten werden ermordet. Thomas hatte ein Lebensmittelgeschäft geführt, das so beliebt war, dass ein weißer Lebensmittelhändler in der gleichen Straße Kundschaft verlor. Ganz Memphis weiß, wer hinter den Lynchmorden steckt, doch der Lebensmittelhändler und seine Komplizen haben keine rechtlichen Konsequenzen zu fürchten. Afroamerikanische Familien verlassen in Scharen die Stadt. Ida kauft sich eine Waffe und bleibt. Sie beginnt, gegen die Verbrechen anzuschreiben, die in den Südstaaten gegen Schwarze verübt werden. Kurz darauf steht das Gebäude ihrer Zeitung in Flammen. Ida verlässt Memphis und kehrt nie mehr dorthin zurück.

Doch sie lässt sich den Mund nicht verbieten. Stattdessen beginnt sie, dutzende Fälle von Lynchjustiz zusammenzutragen und sorgfältig zu untersuchen. Dabei entdeckt sie, dass die meisten Morde unter dem Vorwand stattfinden, dass sich ein schwarzer Mann an einer weißen Frau vergangen habe. Idas Recherchen entlarven das als Mythos. Die meisten Opfer, erkennt sie, wurden ermordet, weil sie weißen Menschen wirtschaftlich Konkurrenz gemacht oder versucht hatten, ihre Rechte wahrzunehmen und wählen zu gehen. Ida veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Recherchen in einem Band namens „Southern Horrors“. Mit einem Schlag rückt das Problem der Lynchjustiz ins Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit.

Und Ida ist nicht aufzuhalten. Wenig später veröffentlicht sie das Buch „The Red Record“, in dem sie noch mehr Fälle analysiert und konkretes Zahlenmaterial vorlegt. Diesmal zeigt sie auf, dass sich viele angebliche Vergewaltiger tatsächlich in einvernehmlichen Beziehungen mit weißen Frauen befanden. Die Fixierung der weißen Täter auf angebliche Gewaltverbrechen komme daher, so Ida, dass sie sich selbst an schwarzen Frauen vergingen. Ihr bohrender Blick in die dunkelsten Ecken der amerikanischen Seele bringt ihr einige Bewunderer, aber vor allem viele Feinde ein. Auch vielen ihrer afroamerikanischen MitstreiterInnen ist sie zu radikal. Die New York Times nennt sie eine „verleumderische, bösartige Mulattin“.

Unbeirrt widmet sie ihr ganzes Leben dem Kampf gegen die Lynchjustiz. Immer wieder reist sie in die Südstaaten, um Verbrechen aufzudecken, und versucht in den USA und Europa Verbündete zu gewinnen. Als sie Mutter wird, nimmt sie ihre Kinder zu ihren Auftritten mit. Später setzt sie sich auch für das Frauenwahlrecht und in der Bürgerrechtsbewegung ein. Im März 1931 verstirbt sie im Alter von achtundsechzig Jahren in Chicago. Lange nach ihrem Tod beginnt die „New York Times“ Nachrufe auf bedeutende Frauen zu veröffentlichen, die sie zuvor nicht ausreichend gewürdigt hatte. Ida B. Wells ist eine der ersten Porträtierten.

Ricarda Opis

Ricarda Opis wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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