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12/22

„Ich bin eine von acht“

„Ich bin eine von acht“

Martina Racz hat die Erfahrung ihrer Brustkrebserkrankung in ein Buch gepackt. Schonungslos ehrlich, aber dennoch einfühlsam und nachdenklich schildert die 42-jährige Ehefrau und zweifache Mutter, wie es ist, eine jener Frauen zu sein, die die Diagnose Mammakarzinom erhalten.

Eine von acht“ – so lautet der Titel des Buches, in dem Sie Ihre Brustkrebserkrankung thematisieren. Haben Sie sich vorgenommen, das Erlebte genau aufzuschreiben, oder musste es einfach raus?

Ein Buch sollte es nie werden. Aber als ich nach den ersten Behandlungen merkte, dass das Erlebte langsam verblasst, begann ich, es aufzuschreiben, um mich daran zu erinnern. Und als ich einem Bekannten davon erzählte, drängte er mich, es zu veröffentlichen. Es wäre eigentlich als Bericht für meine Kinder gedacht gewesen, damit sie sich irgendwann damit beschäftigen können.

 

Wann hatten Sie Zeit und Muße, zu schreiben?

Sobald die Kinder in der Schule waren, setzte ich mich hin, hielt alles fest. Zeit hatte ich ja.

War es ein therapeutischer Akt?

Das war es ganz sicher. Zum Abschalten. Zum Greifbar-Machen. Zum Abschließen.

 

Den Moment, in dem Sie die Diagnose bekamen, beschreiben Sie in Ihrem Buch unfassbar hart und direkt. Knallhart für die Leserin.
In der Realität war es noch weitaus härter. Aber das Buch sollte keine Abrechnung werden. Außerdem fahre ich ja immer noch zur Nachsorge ins Krankenhaus. Ich sehe es aber auch sehr differenziert.
Die Ärzte sind einfach zunehmend überlastet und lernen, denke ich, auch nicht, wie man schlechte Nachrichten einfühlsam überbringt.

 

Wie war der Wortlaut des Arztes, als er Ihnen die Diagnose Brustkrebs mitteilte?

Er sagte: „Wir haben den Schlimmsten von allen erwischt.“ Danach habe ich vom Gespräch kaum mehr etwas mitbekommen, der Rest ist nur sehr verschwommen in meiner Erinnerung.

 

Was ging Ihnen in dem Moment durch den Kopf?

In dem Moment dachte ich, ich sterbe. Und dann waren da sofort die Gedanken an die Kinder. Weil ich einfach eine furchtbare Panik davor hatte, dass sie ohne mich groß werden müssen. Meine große Hoffnung ist einfach, dass ich noch so lange wie möglich bei ihnen sein kann, zumindest, bis sie halbwegs alleine zurechtkommen.

 

Wie haben Sie Ihrem Partner von der harten Diagnose erzählt?

Das war sehr schlimm. Ich glaube, ich habe es ihm so weitergegeben, wie es mir mitgeteilt wurde.

 

Wie der Einschlag einer Bombe.

Genau so. Im Nachhinein weiß ich, dass das unfair war. Ich habe es ihm per Telefon mitgeteilt, er war in der Arbeit. Er war nicht völlig unvorbereitet, aber seine Mutter war zwei Jahre zuvor an Krebs gestorben, und das hatte er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht verarbeitet. Aber in diesem Moment konnte ich gar nicht wirklich an ihn denken, ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt.

„Geht zur Vorsorge: Die Chancen stehen gut, wenn man es rechtzeitig bemerkt.“

Dann startet relativ rasch ein Behandlungsmarathon, nicht?

Zwei Wochen nach der Diagnose hatte ich schon die erste Chemo. Aber da ging es mir dann besser, weil endlich etwas getan werden konnte.

 

Was bedeutet es, die erste Chemotherapie zu bekommen?

Zuerst wurde mir der Port-a-Cath, ein Reservoir für Medikamente, hineinoperiert. Im Nachhinein hätte ich es mir nicht ohne Kurznarkose verabreichen lassen. Aber man sagte mir zuvor, dass das ohne Narkose üblich sei, dass man das immer so mache. Die Chemo danach hatte ich mir schlimmer vorgestellt, aber man bekommt relativ unspektakulär dieses Mittel verabreicht. Erst ging es mir sehr schlecht, dann habe ich mich wieder gefangen. Nach den ersten vier Chemos wurde das Präparat gewechselt und das Intervall verkürzt – da ging es mir richtig schlecht. Morgens nach dem Aufstehen hoffte ich, die Kinder würden bald zum Bus und in die Schule gehen, weil meine Kraft weg war, mich um sie zu kümmern, und ich mich einfach nur noch hinlegen wollte.

 

Im Buch starten Sie jedes Kapitel mit Sätzen, die Erkrankten als „Lebensweisheiten“ mitgegeben werden. Welche davon sind Ihnen am häufigsten begegnet?

Sätze wie „Dir steht die Glatze so gut“, ein furchtbarer Satz, denn ich hatte keine Wahl. Und der Satz „Du musst nur positiv denken, dann wird es schon“ – ebenfalls schlimm, weil kein Mensch über so eine lange Dauer durchgehend positiv denken kann, und weil es impliziert, dass man eine Mitschuld trägt, wenn es nicht gut ausgeht.

 

Welche Sätze haben Ihnen im Gegensatz dazu gutgetan?

Mir tat es gut, wenn mir jemand angeboten hat, die Kinder zu nehmen, oder mich fragte, ob Essen gebracht werden darf. Denn die Kraft zum Kochen war nicht da. Und es tat gut, wenn Menschen ehrlich sagten, dass ihnen die Worte fehlen und sie nicht wissen, was man da sagen soll. Das empfand ich ehrlicher als alles andere.

 

Im Buch beschreiben Sie, dass Sie Ihren Eltern die Diagnose noch nicht mitteilen wollten, dann aber just an jenem Tag ihrer Mutter am Gang des Krankenhauses begegneten und sie Ihnen ansah, dass etwas nicht stimmte.

Ich wollte noch damit warten, es meinen Eltern zu sagen, bis ich es 100-prozentig wusste. Es reichte ja, dass ich die Sorgen hatte … Dass wir uns über den Weg liefen in diesem Riesenkrankenhaus, war komplett unwahrscheinlich. Aber meine Mutter sah sofort, was los war.
Wir hatten nicht viel Zeit, aber so viel, dass sie mir sagen konnte, dass es gut wird.

 

Dem Buchtitel und der Brustkrebsstatistik folgend ist jede Achte von uns irgendwann
eine Betroffene. Im Buch verraten Sie, dass Sie manchmal insgeheim durchzählen.

Ja. Weil ich diese Zahl so unfassbar finde. Das ist so viel. Mir war das vorher gar nicht bewusst, wie viele Frauen davon betroffen sind. Junge Frauen. Mich hatte es so kalt erwischt, vielleicht war ich diesbezüglich zu naiv. Aber man rechnet Brustkrebs immer den älteren Frauen zu. Die jüngste Brustkrebspatientin, die ich kennenlernte, war aber erst 19 Jahre alt. Seither zähle ich oft gedanklich durch, im Kino beispielsweise. Auch wenn ich weiß, dass es sich zufällig verteilt und nicht diese Frauen treffen muss. Aber mir wird in diesem Moment dann bewusst, wie viele daran erkranken können.

 

Wenn Sie aus heutiger Sicht auf Ihre damalige Wahrnehmung der Erkrankung blicken, was hat sich verändert?

Ganz viel hat sich verändert. Ich habe meine Brüste vorher nie selbst abgetastet. Keine Zeit, Stress, Working Mum, Sie wissen schon. Mir war nicht bewusst, wie essenziell das ist, dass das jede Frau tut.

 

Wie haben Sie dann Ihren Brustkrebs wahrgenommen, wenn nicht durch Abtasten?

Ich hatte ein wenig Schmerzen, so ziehende Schmerzen. Und dann habe ich eher zufällig meine Hausärztin gefragt, die machte einen Ultraschall und schickte mich weiter.

 

Haben Sie den Knoten dann auch gespürt, als Sie es definitiv wussten?

Ja, selbstverständlich. Und ich hätte ihn eigentlich schon früher spüren müssen, denn er war zu diesem Zeitpunkt bereits 15 Millimeter groß.

 

Haben Sie sich selbst die Schuld dafür gegeben, es nicht bemerkt zu haben?

Nur ganz kurz hab ich mich gefragt: Warum ausgerechnet ich, was hab ich falsch gemacht? Aber nur kurz. Heute weiß ich, es ist einfach statistisches Pech.

„Beim Rutschen denkt man nicht ans Sterben!“

Wenn man Brustkrebspatientinnen im Krankenhaus sieht, spürt man eine große Verbundenheit unter ihnen. Haben Sie das auch so wahrgenommen?

Man trifft sich immer wieder bei den stationären Aufenthalten, man versteht sich blind. Man hat Zeit, miteinander zu sprechen. Und man muss die Dinge nicht erklären, weil diese Community sie kennt. Zwei dieser Frauen sind heute noch meine Freundinnen. Ich habe mich durch sie verstanden gefühlt und wusste: Ich bin nicht allein mit meiner Erkrankung. Im echten Leben fühlte ich mich oft ausgeschlossen, wenn andere Menschen ihre Urlaubs- oder Silvesterplanung betrieben, während ich nichts planen konnte.

 

Wann in all der Zeit befasst man sich mit der eigenen Endlichkeit?

Zum ersten Mal beim Befund – danach täglich.

 

Was haben Sie gedacht und gefühlt?

Der Gedanke an den Tod kam immer, wenn es mir körperlich schlecht ging. Weil in diesen Momenten nicht absehbar war, wie lange ich das noch so aushalten könnte. Am ersten Schultag meiner Tochter dachte ich: Werde ich den ersten Tag im Gymnasium auch noch erleben dürfen?

 

Ihre Kinder wussten ja Bescheid. Wie haben Sie mit ihnen über die Krankheit geredet?

Wir haben nicht von Brustkrebs, sondern von einem Knoten gesprochen, weil ja die Oma infolge dieser Diagnose sterben musste. Sie haben mit meinem Haarverlust durch die Chemotherapie gekämpft und waren sehr anhänglich, hatten große Verlustängste.

 

Eigentlich hätte Ihr Buch nicht „Eine von acht“ heißen sollen, haben Sie mir im Vorgespräch verraten. Sie wollten es nach einem Erlebnis mit Ihren Kindern benennen.

Richtig. Ich war am Tag vor der ersten Chemo mit den Kindern in einem Aquapark und bin den ganzen Tag gerutscht, gerutscht, gerutscht – weil ich ja dachte, es würde dann vielleicht nie mehr möglich sein. Als mich am Abend eine Schwester fragte: „Und, wie war’s?“, habe ich geantwortet: „Beim Rutschen denkt man nicht ans Sterben!“ Stimmt ja, wer lacht und rutscht, der hat keine Zeit, über sein Ende nachzudenken. Deshalb erschien mir dieser Satz als Titel passend. Aber „Eine von acht“ rüttelt vielleicht mehr auf. Und das ist wichtig.

 

Wie steht es im Moment um Ihren Gesundheit?

Ich bin momentan krebsfrei, aber nicht geheilt. In Remission nennt sich das. Ich muss immer wieder zu Kontrollterminen.

 

Was ist nach allem Erlebten Ihr eindringlichster Wunsch für andere Frauen?

Dass sie alle zur Vorsorge gehen und sich regelmäßig abtasten. Weil die Chancen ganz gut sind, dass man es schafft, wenn man es rechtzeitig bemerkt.

 

Was ist Ihr größter Wunsch für sich selbst?

Dass ich meine Kinder aufwachsen sehen kann.

 

Buch:
Martina Racz:
Eine von acht.
Mein Leben mit Brustkrebs.
Verlag am Rande, 22 Euro