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Hurra, da bist du ja!

Wo ist meine Kraft? Manchmal weiß ich es nicht mehr. Aber wenn ich genau nachdenke, fällt es mir doch wieder ein.

Es gibt Abende, da falle ich satt in mein Bett, zufrieden mit mir und der Welt. Da spüre ich die Kraft, die mich durch den Tag getragen hat, ich nehme sie mit in meine Träume und erlaube ihr, mich auf wilde Abenteuerreisen oder in erhabene Luftschlossgemächer zu entführen. Hand in Hand schlafen wir, meine Kraft und ich, an solchen Abenden ein.

Und dann gibt es andere Abende. Solche wie heute. Die sind das Ende von kraftlosen Tagen, durch die ich mich irgendwie, mehr schlecht als recht geschummelt habe. Da liege ich allein im Bett, ohne meine liebste Begleiterin. Wenn ich um Hilfe rufe, kommen höchstens ein paar Gespenster vorbei. Die verscheuche ich, so gut ich kann, mit Buchseitengeraschel oder einer stürmisch einsamen Polsterschlacht. Manche der Geister huschen dann trotzdem zu mir unter die Federn und raunen mich durch die Nacht.

Wo ist meine Kraft? Das frage ich mich an solchen Abenden. Verloren, sagen die Gespenster. Ausgeronnen, ausgegangen und ausgeschöpft. Ich werfe einen Polster nach ihren hämischen Stimmen. Und lasse ihnen, wenigsten heute, einmal nicht das letzte Wort. Ich denke lieber nach. Wo ist meine Kraft denn wirklich? Wenn ich ehrlich bin und mich genau entsinne, dann weiß ich es. Ich habe doch heute, sogar heute, immer wieder einen Zipfel ihres Kleides blitzen gesehen. Wo war das noch einmal? Ah ja: In der Tasse Kaffee, mit der ich mir in der Früh die Hände gewärmt habe. Im heißen Geprassel der Dusche, und gleich darauf auch in meinen Schultern, denen das Prasseln gefallen hat. Später kam sie noch einmal vorbei, als ich meiner Tochter ein Buch vorlas und Burgfräulein Bös sprechenden Hut zu Wort kommen ließ. Ja, da war sie eindeutig bei uns. Gut, den Rest des Tages hat sie sich frei genommen. Aber wenn ich in die Stille lausche, höre ich, wie sie mir zuflüstert, wo ich sie morgen suchen kann. In meinen Unterschenkeln, wenn ich durch die Wiese gehe. Im Lied vom betrunkenen Matrosen. Unter meinen Achseln, wenn ich die Arme zum Himmel strecke. In meinen Buntstiften, mit denen ich Pferde, Hunde, Katzen und Löwen zeichnen kann. Die sehen zwar alle fast gleich aus, das stört sie aber nicht. Hauptsache, sie bekommen einen Lachmund. Und … den Rest zeigt sie mir im Traum.

Gute Nacht, liebes Leben. Liebe Kraft. Wir treffen uns morgen. Verlässlich bei einer Tasse Kaffee. Und so wie es aussieht, wird es nicht bei diesem einen Rendezvous bleiben.

Barbara Pachl-Eberhart

lässt sich gerne inspirieren von dem, was zu Papier kommt, wenn sie ihrem Stift freien Lauf lässt. Vor dem Einschlafen denkt sie noch gerne an die Zahl sieben, um nicht zu früh aufzuwachen.
www.barbara-pachl-eberhart.at

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Foto: Alexandra Grill

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