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01-02/24

Wie „Housing First“ Ninas Leben veränderte

Wie „Housing First“ Ninas Leben veränderte
Symbolbild; Foto: Adobe Stock

Das Projekt „Housing First“ hat Nina nicht nur zu ihrer ersten eigenen Wohnung verholfen. Unterstützt von ihrer Betreuerin gelang es der jungen Frau, ihr Leben nach der Wohnungslosigkeit wieder auf einen stabilen Weg zu bringen.

„Ich war kein Wunschkind.“ Mit diesen Worten umschreibt die heute 21-jährige Nina schüchtern das Verhältnis zu ihrer Mutter. Von Anfang an sei ihr Zusammenleben angespannt und von Streit geprägt gewesen. Deswegen entschloss sie sich, mit nur 16 Jahren bei ihrer Mutter aus- und bei ihrem Vater einzuziehen. Doch auch dieses Zusammenleben scheiterte. Er habe sie zum einen nicht akzeptiert, zum anderen gab es Probleme mit der Stiefmutter. Ihre Lehre hatte sie inzwischen abgebrochen. Erneut war Nina gezwungen, ihren Wohnort zu wechseln – dieses Mal ging es in eine WG mit Freunden. Über die begehrten „eigenen vier Wände“ verfügte sie nie. „Ich wusste nicht, was ich wollte, und war mit meinem Leben völlig überfordert“, erinnert sie sich heute.

Wohnungslose Frauen sind unsichtbar

So wie Nina ging es im Jahr 2022 vielen Menschen in Österreich. 19.450 Personen, genauer 13.330 Männer und 6.120 Frauen, waren zumindest einmal in einer Einrichtung für wohnungs- oder obdachlose Menschen gemeldet. Dass Frauen wie sie statistisch gesehen weniger von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffen sind, täuscht jedoch. Vielmehr tritt bei Frauen häufig eine spezifische Erscheinungsform auf, die sogenannte „verdeckte Wohnungslosigkeit“. Um Wohnungslosigkeit zu vermeiden beziehungsweise verdeckt zu leben, möglichst lange unerkannt zu bleiben und ohne institutionelle Hilfe auszukommen, werden trotz aller Schwierigkeiten Unterkünfte bei ZweckpartnerInnen und Zufallsbekanntschaften angenommen. Damit bleiben sie für das System unsichtbar, für die statistische Erfassung braucht es eine Meldung im zentralen Melderegister beziehungsweise bei einer der Einrichtungen. 

„Ich musste und wollte etwas aus meinem Leben machen, um später, sollte ich welche bekommen, auch meinen Kindern etwas bieten zu können.“
Nina

„Am Anfang habe ich mich geschämt“

In Ninas Fall hielt auch die Wohngemeinschaft nicht. Im Alter von 20 Jahren kam sie schließlich bei ihrem besten Freund unter. Er war es, der sie auf das Linzer UFO, die einzige Jugendnotschlafstelle Oberösterreichs, aufmerksam machte: „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Am Anfang habe ich mich auch geschämt, aber ich bin trotzdem hingegangen. Wenn es die Möglichkeit gibt, Hilfe zu bekommen, muss man sie nutzen.“

Für einen begrenzten Zeitraum durfte sie daraufhin in der Notschlafstelle, die sich in der Linzer Hauptstraße befindet, bleiben. Ein Wendepunkt, denn ab diesem Zeitpunkt sei für sie klar gewesen, dass sich ihr Leben ändern muss. „Ich wusste, dass ich nicht die ganze Zeit vom AMS abhängig sein kann. Ich musste und wollte etwas aus meinem Leben machen, um später, sollte ich welche bekommen, auch meinen Kindern etwas bieten zu können.“

Internationales Konzept

Die junge Frau nahm verschiedene Beratungsangebote in Anspruch und wurde in das „UFO Housing First“-Projekt aufgenommen. Angelehnt an das international erfolgreiche Konzept der Wohnungslosenhilfe, dessen Hauptziel es ist, wohnungslose Menschen dauerhaft mit eigenem, leistbarem Wohnraum zu versorgen, wird das Angebot in Linz seit 2017 im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe OÖ von der Sozialen Initiative umgesetzt. Zielgruppe sind junge Erwachsene, die weder auf eine unterstützende Familie noch auf ein verlässliches Hilfesystem zurückgreifen können, alle Optionen des sozialen Wohnbaus ausgeschöpft und daher kaum eine Chance haben, aus der Wohnungslosigkeit zu kommen. 

Um diese Möglichkeit zu erhalten, müssen einige Kriterien erfüllt sein, erklärt Christiane Grill. Sie arbeitet seit Anfang 2023 in der Notschlafstelle und ist unter anderem für Ninas Betreuung zuständig: „Am Beginn steht ein Gespräch, in dem alle Grundvoraussetzungen geklärt werden. Um aufgenommen zu werden, muss die Person zwar nicht in der Notschlafstelle wohnen, doch es muss ständigen Kontakt geben. Außerdem muss sie sich an alle Termine und Vereinbarungen halten. Auch die Schulden der Person werden genau betrachtet, schließlich muss abgeklärt werden, wie die Wohnung finanziert werden kann.“

Auch gemeinsam mit Nina machte sich Christiane Grill damals auf die Suche nach einer geeigneten Wohnung. „Wir haben in der Sozialen Initiative ein Immobilienteam. Die Kolleginnen suchen kleine, leistbare Wohnung, und die Soziale Initiative mietet diese für die betreuten jungen Menschen an, das war auch bei Nina so. Außerdem haben wir auf Onlineplattformen nach passender Einrichtung gesucht und darauf geachtet, dass die Wohnung nett eingerichtet und die Grundausstattung vorhanden ist“, erzählt die Betreuerin.

„Wie eine Familie“

Wer Teil des Projektes ist, muss gewisse Regeln beachten. Während die jungen Frauen und Männer finanzielle und psychosoziale Unterstützung erhalten, sind sie nach wie vor selbst für sich und für das Aufbringen der Miete verantwortlich. Auch der Kontakt zu den BetreuerInnen muss stets aufrecht bleiben. Dafür gibt es zwei bis drei Termine pro Woche, die je nach Lebenssituation angepasst werden können. 

Worauf es Christiane Grill bei der Betreuung der Jugendlichen ankommt? „Ein bisschen wie eine Basis zu sein. Wenn etwas schief geht, können diejenigen, die ein gutes Familiengefüge haben, nach Hause kommen und erhalten Unterstützung. Egal, ob es um Krisen, ein kaputtes Auto oder finanzielle Nöte geht. Bei manchen gibt es diesen Rückhalt aber nicht. Oft kommen dann auch noch Suchtproblematiken dazu. So ist diese Basis häufig zerstört. Für uns geht es um das bedingungslose Dasein. Auch wenn ich Arbeitszeiten habe, weiß Nina, dass immer jemand im UFO da ist.“ Die 21-Jährige bestätigt: „Es ist wie eine richtige Familie. Das hatte ich so nie. Ich kann herkommen und über meine Probleme reden. Dafür bin ich sehr dankbar.“

„Wenn ich ein Mädchen sehen würde, das obdachlos ist und sich nicht mehr zurechtfindet, dann würde ich ihr raten, in die Notschlafstelle des Ufo zu gehen.“

„Schau nach vorne, nicht zurück“

Für Nina hat sich seither viel verändert. Neben ihren eigenen vier Wänden hat sie im Herbst eine neue Ausbildung begonnen. Anderen betroffenen Frauen rät sie, „sich helfen zu lassen. Das habe ich früher auch nicht gemacht, aber man muss das, was man hat oder was man kriegt, zu schätzen wissen. Wenn ich ein Mädchen sehen würde, das obdachlos ist und sich nicht mehr zurechtfindet, dann würde ich ihr raten, in die Notschlafstelle des Ufo zu gehen. Ich würde ihr sagen: Schau nach vorne, schau nicht zurück. Wenn du nur zurückblickst, erreichst du nichts im Leben.“

Die Ufo-Notschlafstelle ist eine Einrichtung der Sozialen Initiative. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2002 bietet sie Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 14 bis 24 Jahren Unterstützung, Beratung und Schlafmöglichkeiten. Die Einrichtung ist täglich von 18 bis 9 Uhr geöffnet und in dieser Zeit von zwei sozialpädagogischen Fachkräften besetzt. An zwei Vormittagen, immer dienstags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr, ist ein Journaldienst vorhanden. Junge Menschen können das Angebot der Notschlafstelle an insgesamt 90 Nächten getrennt oder am Stück beantragen. Neben verschiedenen Beratungsmöglichkeiten und Arbeitstrainings wird auch eine kostenlose medizinische Grunduntersuchung fallweise angeboten.

Foto: Soziale Initiative
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  • Veröffentlicht: 26.01.2024
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