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04-05/2026

Hochdeutsch oder Dialekt: Wie sollte mein Kind sprechen?

Hochdeutsch oder Dialekt: Wie sollte mein Kind sprechen?
Foto: Shutterstock
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  • Veröffentlicht: 23.04.2024
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Unsere Sprache entwickelt sich laufend weiter. Viele Eltern fragen sich deshalb, wie sie mit ihren Kindern reden sollen. Ist Mundart für die Sprachentwicklung hilfreich?

Frau Obersteiner, manche Eltern reden mit ihren Kindern lieber Hochdeutsch als Mundart, weil sie befürchten, die Kinder könnten in der Schule einmal Nachteile haben. Schadet der Dialekt als Alltagssprache der Sprachentwicklung?

Anita Obersteiner: Nein, er schadet nicht! Ein Kind, das mit einem Dialekt aufwächst, wird quasi zweisprachig erzogen. Es lernt Dialekt durch die Umgebungssprache und Hochdeutsch über das Vorlesen von Büchern oder das Hören von Hörbüchern. Kindern, die zweisprachig aufwachsen, werden manchmal höhere sprachliche Kompetenzen zugeschrieben, denn Zweisprachigkeit hilft beim weiteren Sprachenlernen, also wenn in der Schule noch eine Fremdsprache dazukommt.

Frau Schwarz, wie reden Sie mit Ihrem Sohn: Hochdeutsch oder Dialekt?

Stefanie Schwarz: Wir reden mit unserem Sohn, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Ich würde es unnatürlich finden, mit ihm nur Hochdeutsch zu sprechen – gerade wenn es um Gefühle geht. Aber ich kenne einige Eltern, die ihre Kinder zum Hochdeutsch erziehen, vielleicht auch, um nicht „ländlich“ oder „bäuerlich“ zu wirken.

Obersteiner: Eltern, deren Kinder sprachliche Probleme haben, beginnen manchmal, Hochdeutsch mit ihrem Kind zu sprechen, in der Hoffnung, ihm damit weiterhelfen zu können – das beobachte ich in meiner Praxis häufig.

Foto: Privat
„Weil ich in Büchern viele hochdeutsche Ausdrücke wie ‚Matschpfütze‘ oder ‚Ferkelchen‘ fand, begann ich, beim Vorlesen diese Ausdrücke mit ‚Gatsch‘ oder ‚Schweinderl‘ in Dialekt zu übersetzen.“
Stefanie Schwarz

Hilft das Sprechen auf Hochdeutsch denn?

Obersteiner: Nicht wirklich. Wenn es Probleme in der Sprachentwicklung gibt, liegt das nicht am Dialekt, sondern an grundlegenden Strategien für den Spracherwerb, zum Beispiel an der Verarbeitung von Hörreizen, der Imitationsfähigkeit oder der Vorstellungsfähigkeit. Um sprechen zu lernen, braucht es auch viel sprachliche Wiederholung. Sprache entsteht durch Interaktion – und ein Fernseher beispielsweise interagiert nicht.

Schwarz: Wir lesen unserem dreijährigen Sohn viel vor, und weil ich mich als Texterin gerne mit Sprache beschäftige und in den Büchern viele hochdeutsche Ausdrücke wie „Matschpfütze“ oder „Ferkelchen“ fand, begann ich einfach, beim Vorlesen diese Ausdrücke mit „Gatsch“ oder „Schweinderl“ in Dialekt zu übersetzen. So entstand die Idee zu meinen Kinderbüchern über einen kleinen Lausbuben mit seiner Katze Minki in Mundart.

Schon Kindergartenkinder verbringen heute viel Zeit vor und mit Bildschirmmedien. Wie wirkt sich das auf den Spracherwerb aus?

Obersteiner: Gerade in den ersten Lebensjahren entwickelt sich die Vorstellungsfähigkeit, die es wiederum braucht, um Sprache zu erwerben. Also wenn ich ein Wort sage, muss man sich dazu etwas vorstellen können, damit man etwas damit anfangen kann. Beim Fernsehen werden die Bilder schon mitgeliefert, ich muss sie mir nicht mehr vorstellen. Wenn diese Vorstellungskraft nicht in den ersten sensiblen Lebensjahren aufgebaut wird, kann man das später schwer nachholen. Daher sollte man Bildschirmmedien für die ersten drei Lebensjahre des Kindes möglichst ganz weglassen. Oder zumindest gemeinsam fernsehen und darüber reden.

Schwarz: Mein Sohn hat viele Rückfragen, wenn wir gemeinsam fernsehen. Ich finde auch, dass der Fernseher kein guter Babysitter ist, aber ich weiß, dass es nicht so einfach ist, ihn auszulassen, gerade wenn auch Geschwisterkinder da sind.

Foto: Alexandra Grill
„Viele Faktoren haben auf die Sprachentwicklung Einfluss. Einerseits ist es die Genetik, andererseits liegt es am Umfeld und auch daran, wie viel ein Kind zum Reden kommt.“
Anita Obersteiner

Wann sollten Eltern sich Sorgen machen, dass die Sprachentwicklung ihres Kindes nicht normal ist?

Obersteiner: Mit 18 Monaten sollte ein Kind etwa 50 Wörter sprechen und Wörter miteinander kombinieren können. Das sind Richtwerte mit einer individuellen Entwicklungsspanne von einem halben Jahr. Wenn ein Kind mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter spricht und keine Wörter kombiniert, sollte man sich Unterstützung suchen.

Schwarz: Unser Sohn plappert total viel. Ich frage mich, ob das daher kommt, dass wir als Eltern untereinander und auch mit ihm sehr viel reden.

Obersteiner: Viele Faktoren haben auf die Sprachentwicklung Einfluss. Einerseits ist es die Genetik, also manche Kinder lernen von Geburt an Sprache anders als andere Kinder, andererseits liegt es am Umfeld und auch daran, wie viel ein Kind zum Reden kommt.

Kann man Rückstände in der Sprachentwicklung aufholen?

Obersteiner: Man kann Rückstände auf jeden Fall aufholen. Je früher man damit anfängt, desto besser funktioniert es. Bis zum Schulalter sollte ein Kind jedoch ein gewisses sprachliches Niveau erreicht haben, weil es sonst in der Schule einfach nicht mitkommt.

Was sollten Eltern tun, wenn sie eine Sprachauffälligkeit vermuten?

Obersteiner: Der erste Schritt führt meistens zum Kinderarzt, der dann an eine/n LogopädIn verweist. Gerade bei sehr jungen Kindern unter zwei Jahren setze ich auch viel auf Elternberatung. Die Eltern werden dann meist ruhiger, weil sie wissen, was sie tun können, und sie sind auch froh, dass sie etwas tun können. Das wirkt sich dann wiederum auf das Kind aus. Eltern wollen ihr Kind ja unterstützen, nur wissen sie oft nicht wie.

Wann spricht man denn von einer Sprachauffälligkeit und wann von einer Sprachentwicklungsstörung?

Obersteiner: Wenn eine Sprachauffälligkeit über das halbe Jahr der individuellen Entwicklungsspanne hinausgeht, spricht man von einer Sprachentwicklungsstörung.

„Mundart sollte geschützt und gepflegt werden. Die Dialektsprache vermittelt Authentizität.“
Anita Obersteiner

Nehmen Sprachprobleme bei Kindern zu?

Obersteiner: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Heutzutage wird vielleicht schneller Unterstützung gesucht. Fest steht, dass Allergien zunehmen, und wenn die Nase oder die Ohren verstopft sind, wirkt sich das auch auf das Hörvermögen und das Sprechen aus. Durch die digitalen Medien hat vielleicht auch die gemeinsame Interaktion in der Familie und mit anderen Kindern abgenommen.

Schwarz: Viele Eltern und Großeltern haben mir erzählt, dass sie sich gemeinsam mit den Kindern und Enkelkindern mein Buch angeschaut haben und Zeit miteinander verbracht haben, anstatt in den Fernseher oder das Handy zu schauen. Das ist für mich die größte Freude: dass die Menschen wieder dazu angeregt werden, sich gemeinsam ein Buch anzuschauen und dann darüber zu diskutieren.

Obersteiner: Ja, Bücher wie Ihres sind ein großer Gewinn, auch wenn es darum geht, Dialekte zu erhalten. Mundart sollte geschützt und gepflegt werden. Die Dialektsprache vermittelt auch Authentizität, was in diesen Zeiten immer wichtiger wird: Man sehnt sich danach, dass der Text nicht von irgendeinem Programm geschrieben ist.

Schwarz (lacht): Ja, Dialekt zu schreiben, schafft die Künstliche Intelligenz vermutlich noch nicht.

Was möchten Sie Eltern noch ans Herz legen?

Obersteiner: Gemeinsam Zeit mit dem Kind verbringen und gemeinsam Dinge machen. Gemeinsames Spielen ist auch sehr hilfreich, weil man dabei in Interaktion geht. Oder gemeinsames Singen – so bekommen Kinder ein Gefühl für die Struktur von Sprache. Eltern sollten auch den eigenen Medienkonsum hinterfragen, denn sie sind Vorbilder für ihre Kinder.

Zu den Personen

Anita Obersteiner, Logopädin; Onlinekurs: „Mein Kind spricht nicht – was tun?“; logopaedie-obersteiner.at

Stefanie Schwarz, Autorin, Texterin; „Da kloa Stritzi – Abenteuer ausm Salzkammergut“, Eigenverlag; schwarzaufweiss.xyz

Julia Langeneder

Redakteurin

in Linz geboren, schon während und nach dem Publizistik- und Französisch-Studium in Salzburg und Paris bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen in unterschiedlichen Ressorts, seit 14 Jahren als Redakteurin für Welt der Frauen tätig. Leidenschaft für Familien- und Frauenthemen, Psychologie, Kultur, Nachhaltigkeit und Gesundheit, gerne unterwegs beim Wandern, Radfahren oder mit dem Campingbus.

[email protected]

Foto: Alexandra Grill


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