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Von Windelsäcken, Fallen und Rollenzwängen

Helene Schulz ist tot, ihre Freundin Elvira Katzenschlager ordnet nicht nur ihren Nachlass, sondern wühlt bzw. mischt diesen ordentlich auf. Elvira bereitet in Hintermoos die Beerdigung der Freundin vor, ja, sie kommen alle, die ehemaligen Bekannten, die Größen der Literatur- und Kulturszene. Wenn die wüssten, wie Helene über sie dachte? Oder wissen sie es? Keiner von denen und schon gar nicht ihr Exmann ist Helene gerecht geworden.

Die Scheidung war reine Formsache. Helene hatte ihr Häuschen, ihre kleine Pension, ihre Freiheit. Rainer hatte wieder eine Frau an seiner Seite, eine neue Verwalterin für sein Haus, seine Freizeit, seine Blutwerte.
Seite 30

Elvira denkt an die vielen Windelsäcke, die sie in Hintermoos fand, mit ihnen müsste man Statuen bauen, dekorieren, entfremden. So könnte man an den Tod erinnern, so könnte man  das Altern wieder als Gesprächsthema etablieren, so könnte man die falsche Ordnung stören. Während Elvira in dem alten Haus die letzten Zeichen von Helenes Alkoholsucht findet und beseitigt, gibt sich der digital native, der junge Kameramann Adrian einer neuen Liebe hin. Na ja, die neue Liebe weiß noch nichts davon, dass Adrian im Begriff ist, sich zu verlieben. Detailreich beschreibt Klemm, wie diese Begegnungen ablaufen, hier scheint es der junge Mann zu sein, der Frühstückswünsche, Treffen und Übernachtungsmöglichkeiten verwaltet: Katalyn schläft in Adrians Bett, während dieser in der Bäckerei dem Nahrungsmittelallergietrend widersteht und fette Krapfen, Laugengebäck und Semmeln aus Weißmehl kauft. Es ist ein Interview, das Adrian nach Hintermoos zu Elvira führt: Die Widerständige trifft den smarten Kameramann, der in ständiger Geldnot lebt. Helenes Buch „Der Drohnenkönig“ ist posthum für den Deutschen Buchpreis nominiert, die Kritiker widmen mehr Zeichen Helenes Gesundheitszustand als ihrem Schreiben. Doch, die Worthülse „vergessene Autorin der feministischen Avantgarde“ geht sich dabei noch aus.

Aufbruch und Widerstand, das ist nach Elviras Geschmack, Adrian überzeugt sie mit einem ordentlichen Wochenhonorar, die ersten Windeln hat sie selbst an geeigneter Stelle an- bzw. ausgebracht. Elvira startet gemeinsam mit Adrian ihren Feldzug gegen Vergessenes, Vergessene, Frömmelnde, Sexismus und Heuchelei.

Sagengestalten wie Lindwürmern errichtet man meterhohe Statuen in zentralster Lage, sagt sie, aber die Bachmann kriegt nur einen lausigen Gipskopf, der dann durch einen lausigen Bronzekopf ersetzt wird, den man dann noch dazu in einem abgelegenen Platz versteckt.
S. 326

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Erinnerungen an die großartige Autorin Brigitte Schwaiger, Würdigung deren Arbeit, Bestandsaufnahme der Literaturszene, detailreiche Situationsschilderungen, ProtagonistInnen, die man sofort malen möchte, auch Tee mit ihnen zu trinken, wäre eine Option. Dynamisch, genau, witzig-ironisch, bissig, sensibel: So fährt ein Uralt-Bus durch die Erinnerungen, man springt an wie dieses alte Gefährt.

Die Autorin Gertraud Klemm, 1971 in Wien geboren, Studium der Biologie, seit 2006 freie Autorin. Zahlreiche Auszeichnungen, 2014 Publikumspreis beim Bachmannpreis, 2015 war ihr Roman „Aberland“ auf der longlist des Deutschen Buchpreises.

Gertraud Klemm:
Hippocampus.
Roman.
Kremayr & Scheriau 2019.
384 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”

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