Kein Fleisch, keine Eier, keine Milchprodukte: Ist die vegane oder vegetarische Ernährungsweise für Heranwachsende geeignet – und was sollten Eltern beachten? Expert:innen geben Rat.
Immer mehr Menschen ernähren sich vegan, vermeiden also Lebensmittel und Nebenprodukte tierischen Ursprungs. Sie wollen Tiere und Umwelt schützen und sind zudem oft überzeugt, dass diese Ernährungsform gesünder ist als die herkömmliche. Ist es ein Problem, wenn das Kind beschließt: ab heute nur noch vegan?
Petra Rust: Die deutsche und auch die österreichische Gesellschaft für Ernährung empfehlen eine rein vegane Kost für manche Personengruppen wie Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche nicht. Auch, weil wir zu wenig Daten haben, wie sich diese Ernährungsform auf Kleinkinder bis hin zum Jugendalter auswirkt. Es ist nicht unmöglich, aber es braucht eine sehr hohe Ernährungskompetenz, um sich vegan zu ernähren.
Anna Maynert: Das sehe ich genauso. Ich bin selbst seit zehn Jahren Veganerin, meine Söhne sind Vegetarier, mein Mann und meine Tochter Flexitarier (Anm. d. Red.: FlexitarierInnen essen selten ausgewähltes Fleisch). Sich einfach mal so vegan zu ernähren und alles wegzulassen, was nach Tier ausschaut, ist nicht empfehlenswert, vor allem in sensiblen Phasen bei Kleinkindern und im Teenageralter. Ich würde eine Begleitung und Fachberatung empfehlen, um diese Ernährungsweise sicher durchführen zu können.
Was gilt es bei einer veganen Ernährung zu beachten?
Rust: Bei einer vegetarischen Ernährung muss man speziell auf das Vitamin B12 achten, das ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorhanden ist. Bei einer veganen Ernährung gibt es noch viel mehr zu berücksichtigen: Es kann sein, dass die Energiezufuhr hier insgesamt niedriger ist, daher sollte man auf eine ausreichende Versorgung mit pflanzlichen Proteinen, die speziell kombiniert werden müssen, und Omega-3-Fettsäuren achten, die insbesondere im Fisch enthalten sind, aber auch in Leinöl und Rapsöl. Omega-3-Fettsäuren sind gerade im Kindesalter sehr wichtig, weil sie die Entwicklung des Gehirns beeinflussen. Wichtig sind auch Eisen, Zink – zum Beispiel in Vollkorngetreide und Linsen – und Jod, das etwa in jodiertem Speisesalz enthalten ist. Um die Aufnahme von Eisen aus pflanzlichen Quellen zu steigern, sollte man etwa Hafer oder Gerste mit Vitamin-C-reichem Obst und Gemüse kombinieren.
Maynert: Ich möchte gerne noch Vitamin D und ganz besonders bei Kindern im Wachstum das Kalzium hinzufügen. An erster Stelle steht immer die Information, im zweiten Schritt geht es um die Organisation, also darum, wie man Lebensmittel, die besonders reich an kritischen Nährstoffen sind, in den Alltag einbaut.
„Da gilt es, sich in Ruhe hinzusetzen, sein Herz dafür zu öffnen, dass das Kind sich für die vegane Ernährung entscheidet, und dann gemeinsam zu recherchieren und zu schauen: Welche Lebensmittel mit welchen Inhaltsstoffen werden in meiner Familie gut angenommen? “
Ist die Zufuhr von Vitamin B12 und Nahrungsergänzungsmitteln für VeganerInnen notwendig?
Rust: Bei Vitamin B12 ist eine Substituierung notwendig. Normalerweise werden wasserlösliche Vitamine nicht gespeichert, Vitamin B12 ist eine Ausnahme, das heißt, wenn man sich heuteentscheidet, sich vegan zu ernähren, bekommt man nicht sofort einen Vitamin-B12-Mangel. Bei Erwachsenen können die Speicher bis zu einem Jahr reichen, bei Kindern deutlich kürzer. Bei den anderen Nährstoffen würde ich zur ärztlichen Bestimmung eines Ernährungsstatus raten. Grundsätzlich sollte man darauf achten, die Nährstoffe durch die Ernährung und durch regelmäßigen Aufenthalt im Freien zu decken und nur in kritischen Lebensphasen zu substituieren. Es gibt einen wachsenden Markt an Fleisch- und Milchersatzprodukten, die zum Teil hoch verarbeitet sind. Wir wissen noch zu wenig über deren gesundheitliche und auch ökologische Auswirkungen. Eine Ernährungsweise mit einem hohen Anteil an Fertigprodukten und (hoch) verarbeiteten Lebensmitteln ist häufig energiedicht, reich an gesättigtem Fett, Salz oder freiem Zucker und/oder enthält wenig Ballaststoffe.
Maynert: Ich substituiere Vitamin B12 regelmäßig und vor allem im Winter Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren in Form von Algenöl. Konventionelle Convenience-Produkte verwende ich selten, außer den mit Kalzium angereicherten Pflanzendrink. In regelmäßigen Abständen gebe ich meinen Kindern einen Multivitaminsaft aus Obst- und Gemüseextrakten, damit sie gut versorgt sind. Ich esse sehr nährstoffdicht und behalte auch meine Blutwerte im Blick. Ich habe einige Nahrungsergänzungsmittel im Schrank, wie zum Beispiel Magnesium, weil ich viel Sport treibe, Kalzium, Zink, Selen, Jod und Vitamin C. Ein wichtiger Punkt, den wir beim Supplementieren beachten müssen, ist, dass heute viele zu Convenience-Produkten greifen, die bereits zugesetzte Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Das sollte man unbedingt berücksichtigen!
Bei welchen Nährstoffen ist eine Überdosierung bedenklich?
Rust: Zu viel Eisen kann Schwächegefühl oder starke Müdigkeit nach sich ziehen, Zink überdosiert kann sich negativ auf das Immunsystem auswirken, Omega 3 in Überdosis kann zu Blutungen führen.
Ist die vegane Ernährung automatisch gesünder als die vegetarische oder Mischkost?
Rust: Es gibt viele Studien darüber, dass eine pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten viele gesundheitliche Vorteile bringt: eine geringe Energiedichte, eine hohe Nährstoffdichte, mehr Ballaststoffe. Wir haben dadurch ein höheres Sättigungsgefühl und das Risiko für Übergewicht und Adipositas wird gesenkt. Blutfettwerte werden positiv beeinflusst und das Gesamtcholesterin wird gesenkt, zudem gibt es positive Effekte auf den Blutdruck. Wir wissen jedoch nicht, wie sich die neue Form der vegetarischen Ernährung mit vielen hochverarbeiteten Produkten auswirkt. Studien zeigen, dass sich bei konventioneller Ernährung ein hoher Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln negativ auf die Gesundheit auswirkt. Das Adipositasrisiko steigt sowie das Risiko für Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Viele Start-ups arbeiten intensiv an der Formulierung von Alternativprodukten und ich würde mir wünschen, dass man nicht versucht, tierische Produkte zu imitieren, denn das erfordert aktuell die Verwendung zahlreicher Zusatzstoffe und komplexe Verarbeitung, um Geschmack und Konsistenz, die genau jener des Fleisches entspricht, zu erreichen.
Die vegetarische Grillwurst ist also nicht gesünder als die herkömmliche?
Rust: Es ist stark abhängig vom Produzenten. Manche Produkte haben einen viel zu hohen Salzgehalt beziehungsweise variiert der Gehalt an den verschiedenen Fettsäuren in Abhängigkeit der eingesetzten Fettquellen.
„Es ist so wichtig, die Kompetenz der Menschen zu steigern. Das richtige Produkt kann man nur finden, wenn man das entsprechende Wissen hat. “
Ab welchem Alter sollten Kinder selbst über ihre Ernährungsweise entscheiden dürfen?
Rust: Ich würde das nicht an einem bestimmten Alter festmachen, weil sich Kinder unterschiedlich entwickeln. Wenn man gut informiert ist, kann man sich in jeder Lebensphase vegan ernähren. Bei Heranwachsenden geht es bei Ernährungsgewohnheiten oft auch um Abgrenzung, Peergroups spielen eine größere Rolle und ich denke, diesen Prozess muss man auch erlauben.
Frau Maynert, ab welchem Alter dürfen Ihre Kinder über ihren Ernährungsstil entscheiden?
Maynert: Von Anfang an. Der Jüngste war die ersten eineinhalb Jahre vegan, bis er mitbekam, dass seine Geschwister Käse essen. Mit eineinhalb hat er also entschieden, vegetarisch zu essen, und vor kurzem sagte er, er wolle ein Würstchen probieren. Er hat es angebissen und mochte es gar nicht. Wenn Kinder früh pflanzlich ernährt werden, prägt das den Geschmack. Mein Sohn mag auch keine Fleischersatzprodukte. Mein mittlerer Sohn hat mit neun Jahren entschieden, sich vegetarisch zu ernähren.
Was kommt bei Ihnen zuhause auf den Tisch?
Maynert: Ich koche vegan. Auf Wunsch gibt es auch etwas mit Käse überbacken. Ich verwende ausschließlich vegane Sahne und habe keine Kuhmilch im Kühlschrank, Joghurt und Käse allerdings schon.
Rust: Früher gab es den Sonntagsbraten – dieser hatte wahrscheinlich eine gute Qualität, mit Tierwohl hergestellt. Wir könnten in dieser Hinsicht wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehren. Die vegetarisch-vegane Ernährung stellt man sich oft so träumerisch vor. Wir glauben an den Bio-Bauernhof, der Kreislaufwirtschaft betreibt. Aber auch in der Bio-Landwirtschaft gibt es Monokulturen – auch wenn auf Pestizide verzichtet wird.
Frau Maynert, wie kann man für Entspanntheit am Familientisch sorgen? In manchen Familien wollen die Kinder nicht mehr am Tisch sitzen, wenn tote Tiere verzehrt werden. Wie kann man solche Konflikte lösen?
Maynert: Zuerst rate ich mal, sich zu entspannen. Jeder, der sich für die vegane Ernährung entscheidet, ist am Anfang total dogmatisch. Ich habe schon mit vielen VeganerInnen gesprochen. Wenn Kinder Videos von toten Tieren sehen, ist das für sie richtig schlimm, noch schlimmer als für uns Erwachsene, weil wir gelernt haben, unsere Gefühle zu kontrollieren. Das Gesehene und neue „Wissen“ muss erstmal verarbeitet werden und das geschieht oft durch eine radikale Einstellung. Ich finde es stark, wenn Kinder ihre Meinung so sehr vertreten, es fordert uns Eltern heraus, über unser Verhalten nachzudenken. Je offener Eltern sind und je mehr man mit den Kindern in einen achtsamen Austausch geht, desto leichter wird es für beide Seiten. Für die Eltern braucht es in jedem Fall ein Hinauswachsen über die Komfortzone. Die Eltern öffnen sich für die Ernährungsweise ihrer Kinder und die meisten werden in ihrem Ernährungsverhalten pflanzlicher.
Rust: Ein Problem ist die Gemeinschaftsverpflegung. Manche würden gerne frische Produkte verwenden, aber es fehlt das Personal. Gemüse frisch schneiden dauert Stunden.
Maynert: Vegan kochen heißt nicht unbedingt mehr zeitlichen Aufwand. Eine Gemüsepfanne mit Hülsenfrüchten und Quinoa ist in 20 Minuten fertig. Es ist eine Frage der Küchenorganisation und des Meal Prep.
Rust: Ein Fleisch ins Rohr zu schieben ist trotzdem oftmals einfacher und dauert kürzer.
Maynert: Ja, das mag sein, aber das selbstgekochte Essen ist auch ein gesundheitlicher Faktor: Die Zeit ist mir mein Körper und meine Gesundheit wert. Und wenn mehrere Leute in einer Familie sind, kann auch jeder ein wenig mithelfen.
Rust: Mehr Aufmerksamkeit dem Essen und seiner Gesundheit zu widmen, möchte ich gern unterstreichen.
Zu den Personen:
Petra Rust, Ernährungswissenschaftlerin an der Uni Wien.
Anna Maynert, dreifache Mutter, Veganerin, Ernährungscoachin und Autorin (anna-maynert.de)
