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Buchempfehlung: Luftholen zwischen To-do-Listen

Hilary Leichters Roman „Die Hauptsache“ erzählt von einer jungen, namenlosen Zeitarbeiterin. Ihr Ziel? Die Entfristung.

Die Ich-Erzählerin ist einem gleich sympathisch, sie bleibt stets namenlos, arbeitet sich schnell ein und erfüllt die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Jeder einzelne Job ist eine Metapher etwa „Arbeit in der Stadt“, „Arbeit zu Wasser“ … „Fleißarbeit“: Es ist das Ziel der namenlose Arbeiterin, an einer Stelle länger bleiben zu können. Ob ihr Traum vom unbefristeten Job, der Beständigkeit in Arbeit, Lohn und Privatleben erfüllt wird? Ob er überhaupt erfüllbar ist?

Arbeit kommt als Thema der zeitgenössischen Literatur wohl zu kurz. Zeitarbeit, Ausbeutung durch Leihfirmen, als eine Facette der Erwerbsarbeit, wird im vorliegenden Roman exzellent geschildert: Knapp wie die Menschen durch den Alltag hetzen, zynisch, wie das System zu ihnen ist, mit kleinen Hoffnungsszenen, ohne die dieser Wahnsinn kaum aushaltbar wäre. Für die Betroffenen, nicht für die LeserInnen, die sich jederzeit ablenken, abwenden und sich einen Espresso machen können.

Fällt eine Arbeitskraft aus, ist die namenlose Protagonistin zur Stelle, überhaupt nicht zimperlich, sie ersetzt Vorstandsvorsitzende ebenso wie die „entfernte“ Piratin am Piratenschiff.

Mein Arbeitsleben spielt sich im Kurzformat ab: kurze To-do-Listen, kurze Zeiträume, kurze Röcke. Die Agentur in Uptown ist ein Palast voller pudrig duftender Frauen mit praktischen Schuhen und manikürten Händen, in die ich, so und nicht anders will es die Tradition, meine Erwerbstätigkeit lege.

Während sie, die ewige Springerin, Vertreterin, durch Büros hetzt, beobachtet sie die Unkündbaren an ihren Schreibtischen.

Ich mache mir Sorgen, ich könnte das Leben einer dreckigen Kaffeetasse führen. Schrundiger Schimmel, der die Kaffeepfütze bedeckt, ein Lilienblatt auf einem letzten vergessenen Rest.

Stets von Befristung begleitet, kommt ein „Traumjob“ nach dem anderen. Sarkasmus trieft aus den Beschreibungen, Betroffenheit kommt gleich hinterher: Jammern ist hier nicht gefragt, durchzutauchen das Arbeitsmotto, immer mit Blick auf die Unbefristeten, die ihr Glück nicht wahrzunehmen scheinen.

Manche Aushilfen werden nie entfristet und sterben, noch bevor sie im Leben Fuß gefasst haben.

Dialoge mit unterschiedlichen Freunden rund um Alltag, Arbeit und Beständigkeit, liefern Einblicke in das schmale Privatleben, die ordentliche Mutter, die ihrer Tochter einen guten Freund und eine gute Arbeit wünscht. Doch diese stolpert von Stelle zu Stelle, stets auf das erlösende „Sie sind ab jetzt fest angestellt“ hofft.

Der Begriff des „sich-Hocharbeitens“ nimmt hier konkrete Formen an: Die Namenlose hat im Central-Park Passanten die Schuhe geputzt und dabei ein paar Tanzschritte von diversen Showbiz-Legenden gelernt. Sie kennt sich aus, kann also sogar einen Vorstandsvorsitzenden vertreten und auf dem Piratenschiff alle Listen perfekt führen. Doch auch Angebote, zu morden, kriminell zu agieren, sind ihr nicht fremd.

Das letzte Buchkapitel trägt den Titel „Abschlussgespräch“. In diesem inneren Monolog, der sich als Befragung verkleidet, fasst die Autorin noch einmal Stationen der Befristungen, des Lebens- und Arbeitens auf Abruf zusammen:

Mein Tod wird sich wie eine Blitzkündigung anfühlen, dachte ich, ich werde nicht einmal Zeit haben, meinen Schreibtisch leer zu räumen.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen

Humor, die Fratze des Kapitalismus, Dystopie, Surreales, Überlebenskampf, Leih- bzw. Zeitarbeit auf die Spitze, in die Groteske getrieben, Denkanstöße über Kapitalismus, Arbeitsverträge, Lebensentwürfe

Die Autorin Hilary Leichter

1Jahrgang 1985, hat an der Columbia University in New York studiert, wo sie jetzt kreatives/literarisches Schreiben unterrichtet. „Die Hauptsache“ ist ihr Romandebüt. Leichter lebt in Brooklyn, New York.

Hilary Leichter:

Die Hauptsache
Übersetzt von Gregor Runge
Arche Verlag.
224 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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