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Wenn Hass beim Wort genommen wird

Martin Pietsch ist der perfekte Antiheld, könnte in jedem Song von „Elemet of crime“ vorkommen und bliebe einem dann als „der, der immer zu spät kommt“ in Erinnerung. Mit wenigen Sätzen skizziert Klaus Oppitz seinen Antihelden, der durchaus zur Selbstreflexion tendiert. Vielleicht sogar ein wenig zu viel sich selbst reflektiert.

Ganz schlank war er nie, aber groß genug, genügend Körper, auf den sich sein Übergewicht gut verteilen kann. Es ist, als hätte der Spiegel sein früheres Bild abgespeichert. Wie kann man sich so anders fühlen, so anders leben und dabei so identisch aussehen?

Parallel dazu erzählt der Autor von dem Mord an einem kleinen Mädchen, 150 Kilometer von Martin Pietsch und seiner Selbstbeobachtung. Der Täter, ein Tschetschene, hat das Kind mitten am helllichten Tag abgeschlachtet, so die direkte Beschreibung des Mordes. Pietsch wiederum legt Wert auf einen geregelten Tagesablauf, gerade weil er arbeitslos ist:

Struktur ist das, was ihn von den Arbeitslosen unterscheidet, die ihm am Amt im Wartezimmer begegnen.

Er findet im Facebook-Account der Irene Lust, der er gerne folgt, den Hinweis auf die verschwundene 6-Jährige und wünscht den Eltern via Facebook alles Gute und viel Kraft. Die braucht er selbst auch, das Vorstellungsgespräch beim Getränkehersteller verläuft wie alle Vorstellungsgespräche davor: Er lügt. Weil man will, dass er lügt. Warum sonst fragt ihn jemand: „Würden Sie hier arbeiten wollen?“ „Lügen Sie, Herr Pietsch. Machen Sie sich keine Gedanken, jeder lügt bei Vorstellungsgesprächen“ (Seite 14) – das hat ihm seine Betreuerin auf den Weg der Arbeitssuche in der IT-Branche mitgegeben.

Aus der Nachricht „6-Jährige verschwunden“ ist bereits „Tschetschenen-Mädchen immer noch nicht gefunden“ geworden, der Hass kocht im Netz, das ist nicht neu. Pietsch säuft und hadert mit sich und der Welt, während er im Internet der Geschichte folgt, dieses Internet geht auf den Rücken. Schließlich schreibt er die folgenschweren Sätze:

Redet ruhig weiter. Ich helfe euch. Ich mache das inzwischen für euch. Gebt mir sein Messer und ich schlachte ihn genauso ab wie er das kleine Mädchen.

Sein Facebook-Messenger explodiert, eine gesamte Community ist auf der Jagd nach Timur Bikalev, alle wünschen ihm den Tod. Die Grenzüberschreitungen haben stattgefunden, Pietsch ist vorne mit dabei.

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen

Hass im Netz, Unbedachtheit, Fremdenhass, Skizzen von Arbeitslosigkeit, Dreistigkeiten gegenüber Arbeitssuchenden, viel Verschwiegenes – auch Spannung und differenzierte Zeichnung der Personen.

Der Autor Klaus Oppitz

Jahrgang 1971, ist u. a. Werbetexter, Autor für Bühne und Fernsehen, wer „Wir sind Kaiser“ sieht/kennt, kennt damit Klaus Oppitz als Mitautor dieser ORF-Satire-Sendung. „Auswandertag“, „Landuntergang“ sowie die politische Zitatensammlung „Lösungen sind nicht die Antwort“ sind weitere Publikationen von ihm.

Klaus Oppitz:
Die Hinrichtung des Martin P.
Wien: Kremayr & Scheriau 2019.
192 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
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