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Harriet Tubman: Fluchthelferin, Spionin, Krankenschwester

Harriet Tubman riskierte mehrmals ihr Leben, um Menschen aus der Sklaverei zu befreien – einer Behinderung und allen Widerständen zum Trotz. Die Geschichte einer großen Frau.

Harriet ist nervös. Ihre weiße Haube kratzt sie im Nacken, die beiden Hühner auf ihrem Arm flattern wild mit den Flügeln. Sie ist unterwegs, um eine Gruppe Sklaven zu befreien. Ihr Weg führt sie direkt durch den Ort, in dem sie einst selbst versklavt war. Am anderen Ende der Straße erkennt sie plötzlich ihren ehemaligen Besitzer, dem sie vor Jahren entflohen ist. Wenn er sie entdeckt, ist alles verloren. Ohne lange nachzudenken, zieht sie an der Schnur, mit der die Beine der Hühner zusammengebunden sind. Krakeelend flattern sie über die schmutzige Straße davon. Harriet stolpert ihnen nach, den Blick zu Boden gesenkt. Ihr Besitzer lacht, doch er erkennt sie nicht. Ihre Mission ist gerettet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Harriet Tubman in ihren Heimatstaat Maryland zurückkehrt. Insgesamt dreizehn Mal macht sie sich auf den Weg dorthin, um Sklaven in die Freiheit zu führen. Siebzig Menschen hilft sie durch Wälder und Sümpfe in den sicheren Norden. Dabei orientiert sie sich am Polarstern und den Flussläufen, und mit jeder Rückkehr bringt sie ihr eigenes Leben in Gefahr. Sklavenfänger jagen die Fliehenden, um die für sie ausgesetzte Belohnung einzustreifen. Und Harriet Tubman wurde selbst als Sklavin geboren.

Um das Jahr 1820 kommt Harriet Tubman auf einer Plantage in Maryland zur Welt. Bereits mit sechs Jahren wird sie zur Arbeit gezwungen. Von da an bestimmen Gewalt und Misshandlungen ihr Leben. Als sie als Jugendliche eine schwere Kopfverletzung erleidet, legen ihre Besitzer sie auf eine Bank und überlassen sie ihrem Schicksal. Da sie nach zwei Tagen noch lebt, wird sie wieder zur Feldarbeit geschickt. An den Folgen dieser Verletzung leidet sie ihr Leben lang. Sie hat Halluzinationen und fällt immer wieder unvermittelt für längere Zeit in Ohnmacht.

Harriet ist etwa dreißig Jahre alt, als sie erfährt, dass ihre Besitzer sie verkaufen wollen. Sie beschließt zu fliehen. Am Abend vor ihrem Aufbruch singt sie ein Lied, um ihrer Familie heimlich Bescheid zu geben: „Ich treffe euch am Morgen, ich mache mich auf ins gelobte Land.“ Harriet flieht bei Nacht und versteckt sich tagsüber in den Wäldern. Von Zeit zu Zeit kommt sie bei Sklavereigegnern unter. Diese haben ein Netzwerk gegründet, das sie „Underground Railroad“, die unterirdische Eisenbahn, nennen. Sie helfen entflohenen Sklaven in die Freiheit.

Schließlich erreicht Harriet die Grenze zu Philadelphia. „Es war alles so herrlich; die Sonne schimmerte wie Gold durch die Bäume und über die Felder und ich fühlte mich, als wäre ich im Himmel“, erzählt sie später. Doch das Glück hält nicht lange an. Als Harriet erfährt, dass ihre Nichte und deren kleine Kinder verkauft werden sollen, kehrt sie zurück, um sie zu befreien.

Es ist der Beginn ihrer Karriere als „Schaffnerin“ der Underground Railroad. Jede ihrer Missionen wird ein Erfolg. Stolz sagt sie später: „Ich habe meinen Zug nie entgleisen lassen und keinen Passagier verloren.“ Für ihre Missionen nutzt sie den Decknamen „Moses“, nach dem Propheten, der die Israeliten aus Ägypten befreit hat. Es wird vermutet, dass der beliebte Gospel „Go down Moses“ zumindest von einigen Sklaven als Loblied auf sie gesungen wurde.

Als der Amerikanische Bürgerkrieg ausbricht, arbeitet Harriet Tubman als Spionin und Kundschafterin für die Unionstruppen. Nebenher pflegt sie als Krankenschwester verwundete Soldaten gesund. Nach Ende des Kriegs zieht sie sich nach Auburn im Bundesstaat New York zurück, wo sie ein kleines Stück Land und ein Haus gekauft hat. Dort pflegt sie ihre alten Eltern und bietet bedürftigen Schwarzen Unterschlupf.

Für ihre Arbeit im Dienste der Unionstruppen erhält Harriet Tubman nie eine Bezahlung. Obwohl sie in Armut lebt, schenkt sie ein Stück ihres Landes her und lässt darauf ein Altersheim für bedürftige Schwarze errichten. Dort verstirbt sie im Alter von 93 Jahren. Ihre letzten Worte sind „Ich gehe, um einen Ort für euch vorzubereiten.”

Mehr als hundert Jahre später gründen zwei junge Frauen die Kampagne „Women on 20s“. Sie setzen sich dafür ein, eine verdienstreiche Frau auf dem 20 Dollar-Schein abzubilden. In einer öffentlichen Abstimmung stimmen Hunderttausende für Harriet Tubman. 2016 wird verkündet, dass ihr Bild künftig tatsächlich den Schein zieren soll. Damit würde sie den Sklavenhalter Andrew Jackson ersetzen, der bisher darauf abgebildet war. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps wurde dieser Plan auf unbestimmte Zeit verschoben.

Ricarda Opis

Ricarda Opis wurde 1996 in Graz geboren und studierte ebendort Journalismus und Public Relations (PR). Sie erzählt am liebsten die Geschichten von Frauen und Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Für diese Serie verbindet sie ihre beiden größten Leidenschaften, indem sie die Geschichten großer Frauen nicht nur erzählt, sondern auch bebildert. Wenn sie nicht gerade schreibt oder zeichnet, begeistert sie sich für alles, was sonst noch kreativ ist, und die Geschichte, Kulturen und Politik des Nahen Ostens.

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