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Hamburg, Alster – im Sonnenschein

So leer war mein Kalender noch nie. Ein schönes Spiel ist es, sich einfach im Paralleluniversum aufzuhalten.

Ich führe noch einen analogen Terminkalender, ein Heftchen der Marke „Quo Vadis“ im DIN A6 Format, handlich, nicht zu dünn, nicht zu dick. Seit etlichen Jahren schon verwende ich dieses Modell, trage alle Vorhaben händisch in den zweiseitigen Wochenüberblick ein und vermerke zusätzlich das Wichtigste in der ausfaltbaren Jahresübersicht. Am „Quo Vadis“ lässt sich gut verfolgen, wie die Ereignisse 2020 sich ausdünnen. Bis Kalenderwoche 10, Anfang März, ist noch alles vollgeschrieben, dann folgen viele Durchstreichungen und ab Kalenderwoche 14 bleiben die Seiten leer – was jetzt zu tun ist, kann ich mir ohne Eintrag merken. Durchgestrichen sind auch die Vermerke in der Jahresplanung – Vortrag Ludwigshafen im April, Tagesseminar Ende April in Wien. Eine lange Klammer markiert von Mitte Mai bis Ende Juni „Stipendium Hamburg“. Die schönste Zeit des Jahres wollte ich in der norddeutschen Stadt verbringen.

Manchmal beame ich mich in diese Parallelwelt und stelle mir das Leben vor, als sei alles weitergelaufen wie geplant. Ich wäre jetzt schon sehr aufgeregt, weil ich vor dem Hamburgaufenthalt noch so vieles zu erledigen hätte. Das zu denken tut ein bisschen weh, wie alle Konjunktive. Es macht aber auch gute Laune, denn ich säße nämlich bald mit meinen Hamburger Freundinnen in der Sonne an der Alster und ließe es mir gutgehen. Ich wohnte mit dieser netten WG in dieser coolen Ecke von St. Pauli, und ich wäre tatsächlich für sechs ganze Woche dem Höllenlärm der Baustelle vor meinem Haus in Wien entkommen.

„Quo Vadis“ – kein schlechter Name für einen Terminkalender: Wohin gehst du? Nirgends hin gerade. Irgendwann im Lauf meiner Jahresübersicht 2020 werden auch die Durchstreichungen weniger. Dann trifft sich die weiße Coronazeit mit der noch ungeplanten Zukunft. Was wir gerade erleben, fühlt sich an wie ein langes Jetzt ohne Gegenwart. Wir füllen es mit Erinnerungen – die deutsche Sportschau zeigt legendäre Fußballspiele der Vergangenheit – mit wilden Zukunftsszenarien oder, mein Vorschlag, mit einem trotzigen Schuss Paralleluniversum.

Andrea Roedig

liebt das Hinausgehen ins Freie – zu Fuß und im Kopf. Wohnstatus: ohne Garten, ohne Terrasse. Aber die beiden Sitzkissen am Fußboden vor dem Fenster heißen „Balkon“ – immerhin. Sprache kann die Welt verändern.

Foto: Alexandra Grill

Über Welt der Frauen

„WELT DER FRAUEN“ BESCHREIBT UND REFLEKTIERT VIELFÄLTIGE BEZIEHUNGEN UND BEZÜGE VON FRAUEN UND SIEHT SICH DABEI ALS INSPIRATIONSQUELLE FÜR MEHR PERSÖNLICHE LEBENSQUALITÄT.

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