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Haben wir etwas gelernt?

Prophetengleich haben viele schon zu Beginn der Coronakrise gewusst, was wir am Ende gelernt haben würden. Und jetzt, was ist davon geblieben oder gar wahr geworden?

Es gibt so etwas wie den Glauben, dass Menschen sich bessern können. Dass sie Fehler einsehen, umdenken, umlernen und die ethische Reifeprüfung eines Tages doch bestehen. Corona sollte Folgendes wahr werden lassen: weniger Ressourcen verbrauchen, Stress reduzieren, zufrieden sein, auf Bedürftige Rücksicht und dabei eigenen Schaden in Kauf nehmen, mehr lieben statt mehr haben wollen, ehrliche Politik machen, einkaufen in der Region, um nur weniges zu nennen.

Inzwischen fahren mehr Menschen mit dem Auto als noch im März, man lockt uns, endlich das in den vergangenen Wochen gehortete Kleingeld auszugeben, und die meisten wollen nur eines: einfach zurück in ihr altes Leben. Hatten sie darum gebeten, was zu lernen? Auf ein paar Lerneinheiten hätten wir auch verzichten können. Auf die Ängstlichkeit zum Beispiel. Kann ich meinem oder meiner Nächsten trauen oder pflegt er oder sie zweifelhaften Umgang mit VirenverbreiterInnen? Manche haben das Vernadern neu für sich entdeckt. Die Polizei konnte sich phasenweise gar nicht jener BürgerInnen erwehren, die andere der Gesetzesüber­tretung bezichtigten. Zu beklagen ist auch, dass wir es einfach hinnehmen, dass alte Menschen in Heimen oder Kranke in Spitälern über Wochen ohne Kontakt zu ihren Familien bleiben mussten. Diese Menschen wirkten geradezu entmündigt durch die staatliche Fürsorge. Es soll hier nicht geklagt werden. Die Ergebnisse der Beschränkungen deuten auf Erfolg.

Aber sind wir bessere Menschen geworden? Vielleicht stellt nur eine Katholikin diese Frage so. Als solche hat man gelernt, dass der Mensch fehlerhaft ist, ein Wesen, das der Erlösung bedarf. Ist es nach christlichem Glauben ein Mensch, Jesus, der als „Erlöser“ die Menschen aus ihrer Schuld befreit hat, glaubt die säkulare Bewegung an so etwas wie Selbsterlösung. Werde ein besserer Mensch, optimiere dich, egal ob in Richtung Schmerzfreiheit oder Erfolg. Es liegt an dir. Häufig sind die Maßstäbe, an denen das Gute oder Bessere gemessen wird, nicht klar. Zudem wird Druck erzeugt und Gefolgschaft gefordert. Wenn man genauer hinschaut, machen gar nicht so wenige ihr Geschäft damit, andere zu „bessern“. Ein gutes Geschäftsmodell, weil es naturbedingt nie einen Abschluss geben kann. Mir liegt die Ambivalenz näher als die Optimierung. Sie geht davon aus, dass der Mensch ein zwiespältiges, schillerndes, nie ganz zu fassendes Wesen ist. Die Unentschiedenheit hat Vorteile. Man muss die als negativ oder belastend empfundenen Seiten nicht krampfhaft verleugnen. Womit man ganz gut leben kann, das darf auch einmal so bleiben, wie es ist. Ohne Anspruch auf Perfektion kann man so auch das Projekt „Ich werde ein besserer Mensch“ entspannt angehen. DogmatikerInnen aller Richtungen mögen das nicht. Sie haben den Rahmen bereits definiert, innerhalb dessen die anderen sich bewegen dürfen. Ob religiöse und politische FundamentalistInnen oder ökologische oder spirituelle ExtremistInnen, sie sehen die Mängel vor allem bei anderen und wissen daher auch, was diese lernen sollten, nein müssen!

Haben wir aus der „Coronazeit“ nichts gelernt? Doch. Beispielsweise, dass Alleinleben gravierende Nachteile hat, wenn das öffentliche Leben „geschlossen“ ist. Dass unsere Wirtschaft so komplex, aber auch fragil ist, dass binnen weniger Wochen Ausnahmezustand das System nahezu kollabiert. Dass Vertrauen die Grundwährung einer offenen Gesellschaft ist, weil wir viele Fakten glauben müssen und nicht selbst überprüfen können. Dass unsere Freiheit ein hohes Gut ist, wir sie aber zum Nutzen anderer auch willentlich einschränken können. Dass jede Krise Phasen hat, vom Schock über das Funktionieren bis zum kritischen Hinterfragen und neuen Bewerten des Gewesenen. In die Phase, dass wir Schlüsse für mögliche nächste Krisen ziehen, treten wir gerade ein. Wir haben einiges gelernt. Aber bessere Menschen? Müssen wir vermutlich gar nicht werden. Ein wenig klüger als zuvor reicht schon.

Christine Haiden hat Zweifel, ob 2020 als Jahr der Erleuchtung der Menschheit in die Geschichte eingehen wird.

Der Traum vom besseren Menschen

Die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts propagierten den besseren Menschen als deutschen Herrenmenschen oder als antifaschistischen Sowjetmenschen. Beide sind brutal gescheitert. Gerade die vermeintlich besseren Menschen offenbarten die tiefsten Abgründe ihrer Spezies. Auch angesichts der Corona-Pandemie erhofften manche eine kollektive Besserung. Allerdings: Ein Virus trete nicht mit einer politischen Botschaft an, formulierte es ein Virologe treffend. Es ist einfach eine biologische Struktur. Man sollte es nicht dafür instrumentalisieren, aus der Welt einen besseren Ort und aus den Menschen bessere Wesen machen zu wollen. Es genügt, das Virus zu verstehen und dann zu verhindern, dass es seine „Wirte“ schädigt oder tötet. Menschliche und gesellschaftliche Entwicklungen, die zum besseren Verständnis unser selbst und größerer Zusammenhänge führen, gehorchen mehr Tanzschritten als einer Marschordnung. Holpern, stolpern, verzählen, aus dem Takt kommen, das macht uns menschlich. Und das ist gut so.

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