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Göttliches Experiment<br>ab 4 Jahren

Zugegeben: Gedanklich eine Brücke zu Weihnachten zu schlagen, das war vermutlich nicht die Absicht, die Herr Jeffers mit seinem neuesten Bilderbuch im Sinn hatte. Doch jahreszeitlich bedingt muss „Hier sind wir“ nun einfach herhalten als mein Tipp fürs Weihnachtsbuch 2018, das sich ausgezeichnet eignet als Geschenk zur Geburt eines Kindes.

Wenn ein neues Menschengeschöpf erstmals ins Licht dieser Welt blinzelt, dann ist das das größte Wunder, das eine sich vorstellen kann. Die Ankunft eines jeden Kindes ist ein Wunder. Auch wenn nicht die „Menschwerdung Gottes hier auf Erden“ gemeint ist, die wir am 24. Dezember mehr oder weniger gläubig als Christen feiern.  Ich bin fest davon überzeugt, dass etwas Göttliches in jedem Menschen ist, Er sich durch uns auf diesem Planeten erfährt und mit jedem Kind etwas Neues, noch nie Dagewesenes Göttliches in die Welt kommt. Und dass Leben auf der Erde möglich ist – soweit wir wissen ist es der einzige Planet weit und breit, der diese Voraussetzungen bietet –, das kann auch als Wunder betrachtet werden.

Dreimal hab ich diese göttlichen ersten Lebensmomente von Neugeborenen als Mutter erleben dürfen und bin für diese blinzelnden Augenblicke unendlich dankbar. Ich erinnere mich aber auch an die Sorge beim Bewusstwerden, dieses Geschöpflein nicht immer beschützen zu können, nach dem Naturgesetz früher wieder abzutreten und nur beschränkten Einfluss auf die Zukunft „meines“ Kindes nehmen zu können.

Verwandte Gedanken beschäftigen alle frischgebackenen Eltern, auch Oliver Jeffers, der sein bisher persönlichstes Buch anlässlich der Geburt seines Sohnes geschrieben und gezeichnet hat. Ob das göttliche Experiment mit der Menschheit auf dem Planeten Erde gelingt, ob sie es schafft, diese Spezies Homo sapiens, die Lebensgrundlage für ihre Art zu erhalten, das ist mehr als fraglich.

Wir bekommen weiter Kinder, vermehren uns immer noch hoffnungsvoll, obwohl wir wissen, dass es allmählich eng wird mit den Ressourcen, obwohl wir wissen, wie riskant hoch inzwischen die Bevölkerungszahl auf unserem fragilen Heimatstern geworden ist. Wenn wir immer mehr werden, und alle Menschen haben ein Recht auf die Annehmlichkeiten unseres westlichen Lebensstils, und wir auch in Zukunft gut hier leben wollen, dann müssen wir uns ernsthaft einiges einfallen lassen, was wir gegen die Klimaerwärmung unternehmen können.

Eine Bestandsaufnahme der Basisinformationen „Hier sind wir. Anleitung zum Leben auf der Erde“ kann da nicht schaden. Oliver Jeffers richtet das Wort direkt an seinen neugeborenen Sohn, den er im Arm hält, und unternimmt gedanklich einen flotten Rundgang auf unserem Planeten.

Die Struktur seines Textes erinnert entfernt an die Schöpfungsgeschichte: Weltall (Himmel) und der Planet Erde. Und darauf grundsätzlich zwei Teile: Hier das Land (Felsen und Erde), dort das Meer (Wasser).

In simplen Worten erklärt er unsere physischen Bedürfnisse als Menschen. Ein konstruktives Dasein beginnt mit gesunder Selbstfürsorge. Obdachlose, die sich nächtens am Feuer wärmen und Pizza aus dem Karton verzehren – oder sind die Drei urlaubende Camper am romantischen Lagerfeuer? – wissen das am allerbesten.

Jeffers feiert die Diversität der Menschen genauso wie die der Tiere. Hier spielt ein Schotte Dudelsack, ein Imker wird von Bienen umschwärmt. Da hält ein lesbisches Pärchen Hochzeit, ein Emo steht mit hängenden Schultern steht rum. Hier jongliert ein Einrad fahrender Harlekin mit allerhand Obst neben einem Astronauten und einem Inuit, ein Derwisch tanzt versunken, ein hoch dekorierter General schleckt Eis, eine Frau in blauer Burka steht zwischen einer asiatischen Schönheit und einem Cowgirl mit roten Zöpfen. Ein eindeutig britischer Punk nimmt elegant seinen Tee, mit abgespreiztem kleinen Finger …

Und diese bunten Leutchen stehen nicht einfach nur in der undefinierten weißen Landschaft des Zeichenpapiers herum, sondern betrachten einander teilweise neugierig bis wohlwollend. Eine große bunte Menschenfamilie in fröhlich-zuversichtlicher Grundstimmung.

Wenn es auf Dauer gut weitergehen soll mit der Menschheit auf der Erde, dann nur, wenn wir kooperieren. Durch die 3 Zitate, die Oliver Jeffers an den Schluss gestellt hat, wird das Kinderbuch auch für uns Erwachsene zum dringlichen Auftrag. Das erste Zitat stammt von der Astronautin und Physikerin Dr. Sally Ride: „Zurückschauen und deinen Planeten einfach nur als Planeten zu sehen, ist überwältigend. Es ist eine komplett neue Perspektive und lässt dir bewusst werden, wie zerbrechlich unsere Existenz doch ist.“

Das zweite von dem Erfinder R. Buchminster Fuller, der den Planeten Erde  als „integral designtes Raumschiff“ verstanden haben will, „das man warten muss, damit es weiterhin erfolgreich seine Runden drehen kann.“

Und das dritte Zitat stammt von Oliver Jeffers Vater und er gibt es an seinen Sohn weiter:

„Es sind nur drei Worte, nach denen du leben musst, mein Sohn: Rücksicht, Respekt und Toleranz.“

Mit dieser Ausrichtung besteht Hoffnung auf ein Gelingen des göttlichen Experimentes „menschliches Leben auf dem Planeten Erde“. Es wird nur gemeinsam gehen, ohne Zäune, Mauern, Grenzen – die inneren wie die äußeren.

Und falls die Eltern des neuen Erdenbürgers einmal nicht da sind, um auf Fragen zu antworten, dann kann immer noch jemand anderes gefragt werden. Die Familie stellt sich in mystischem Violett in Reih und Glied an, um das Wickelkind zu begrüßen, beinah wie die Hirten an der Krippe. „Denn du wirst nie allein sein auf der Welt“. All die farbprächtigen Menschen von der wimmeligen Doppelseite schließen sich als große Menschenfamilie an, laden ein zu Begegnung und Austausch.

Tief in uns wissen wir Menschen doch alle, welches die Ressource ist, die immer mehr wird, wenn wir aus ihr schöpfen und sie weitergeben. Mit dieser Kraft wird es gut werden. Die Tage werden länger, der Frühling kehrt wieder.

 

https://nord-sued.com/programm/hier-sind-wir/

Oliver Jeffers:
Hier sind wir.
Anleitung zum Leben auf der Erde
NordSüd Verlag 2018
ab 4 Jahren

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX in Linz möchte sie auf Bücher aufmerksam machen, die aus der Reihe tanzen und auf den zweiten Blick auch noch Überraschendes bereithalten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt gemeinsame Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.