Aktuelle
Ausgabe:
Geburt
11/12/25

Gleichberechtigung: Wie bringe ich meinem Kind Fairness bei?

Gleichberechtigung: Wie bringe ich meinem Kind Fairness bei?
Foto: Shutterstock
  • Teile mit:
  • Veröffentlicht: 18.03.2024
  • Drucken

Gleichberechtigung ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Wie aber bringen wir das schon den Kleinsten bei? Welchen Einfluss Eltern wirklich haben.

Viele Eltern bemühen sich um gleichberechtigte Erziehung, aber letztlich müssen Mädchen mehr im Haushalt mithelfen als Burschen, Töchter bekommen weniger Taschengeld als Söhne, wie Studien zeigen. Sind alle Bemühungen umsonst?

Sascha Verlan: Ich würde sagen, der Wunsch, Kinder gleichberechtigt zu erziehen, ist da, aber es scheitert an der Umsetzung. Sich nur etwas zu wünschen, ist zu wenig. Es fängt damit an, sich als Eltern kritisch zu hinterfragen: Wie ist mein eigenes Verhalten? Und in welchem Maße beziehe ich den Sohn in die alltägliche Care-Arbeit ein? Tatsächlich leisten immer noch Frauen den Großteil der Sorge arbeit. Wir Erwachsenen müssen uns zuerst für das eigene Verhalten und die Prägungen sensibilisieren und dann vielleicht auch unser Verhalten ändern.

Philipp Leeb: Es gibt Familien, die durchaus moderne Rollenbilder leben, teilweise findet aber auch eine Retraditionalisierung statt, es wird auf überholte Konzepte zurückgegriffen – von Männern wie Frauen. Interessant finde ich, wenn ich mit Burschen aus traditionellen Milieus arbeite, dass sie auch etwas anderes leben wollen als ihre Eltern.

Verlan: Eltern bilden ja keine Insel. Irgendwann gehen die Kinder hinaus, entdecken die sozialen Medien. Je älter Kinder werden, desto größer ist der Einfluss von außen. Es liegt also nicht alles nur an den Eltern und ErzieherInnen. Aber wir können entscheiden, ob diese Rollenbilder reproduzieren oder nicht.

Foto: privat
„Väter können aber schon auch Druck aufbauen im Berufsleben und sagen: „Ich möchte unter diesen und jenen Bedingungen arbeiten.“ Es braucht den Dialog – in der Partnerschaft wie im Beruf.“
Philipp Leeb

Welche Rollenbilder sollten Eltern vorleben, um Söhne (und Töchter) zu stärken?

Verlan: In Deutschland nimmt sich eine große Mehrheit der jungen Männer vor, aktive Vaterschaft zu leben und die Care- Arbeit fair aufzuteilen. Und dann, wenn das erste Kind kommt, bricht die traditionelle Rollenaufteilung über sie herein, auch weil Arbeitsstrukturen dies nahelegen, und junge Väter fügen sich hier auch sehr bereitwillig. Ich würde mir mehr Mut von den Männern wünschen, ihren eignen Weg zu gehen.

Leeb: In Österreich dauert der Wandel sogar noch länger. Dazu kommt der Gender-Pay- Gap (Anm.: das geschlechtsspezifische Lohngefälle) – das ist Familienerpressung! Väter können aber schon auch Druck aufbauen im Berufsleben und sagen: „Ich möchte unter diesen und jenen Bedingungen arbeiten.“ Es braucht den Dialog – in der Partnerschaft wie im Beruf. Genügend ArbeitgeberInnen werden darauf eingehen. Leider ist die Familienpolitik in Österreich sehr rückschrittlich. Es wäre für unsere Kinder wichtig, dass Eltern gleichberechtigte Partnerschaft vorleben – auch wenn das nicht in jeder Familie möglich sein wird, aber der Rahmen sollte geschaffen werden. Ich habe mich übrigens immer an den Frauen in meiner Familie orientiert und von ihnen die Sorge- und Beziehungsarbeit gelernt. Kinder übernehmen für sich die Anteile, die für sie persönlich produktiv sind.

Wie haben Sie die Care-Arbeit aufgeteilt?

Leeb: Je nach Lebensbedingungen 70 zu 30 oder 30 zu 70. Wir arbeiten beide selbstständig. Auch, als ich noch Lehrer war, habe ich aktiv entschieden, zu Hause zu bleiben.

Verlan: Bei uns hat das zwischen 80 zu 20 oder 20 zu 80 variiert, im Fünfjahresmittel kommen wir wohl auf Halbe-Halbe. Wichtig ist der Dialog, und dafür braucht es Zeit: Was wollen wir für uns selbst und für uns als Familie?

Foto: Larissa Neubauer
„Wir leben in einer Kultur, die das Weibliche abwertet, man braucht nur den Fernseher einzuschalten. Es ist eine fortwährende Missachtung des Grundgesetzes, das auf Gleichberechtigung zielt.“
Sascha Verlag

Kinder lernen früh die Abwertung des Weiblichen, man denke an Bemerkungen wie „schießt den Ball wie ein Mädchen“ oder an gegenderte Schimpfwörter wie „Zicke“ oder „Schlampe“. Wie bringt man Buben bei, Mädchen zu respektieren?

Verlan: Die Eltern sind natürlich als Vorbild wichtig, und Väter sind in besonderem Maße in der Verantwortung, den respektvollen Umgang vorzuleben. Aber je nach Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, ist das schwierig. Wir leben in einer Kultur, die das Weibliche abwertet, man braucht nur den Fernseher einzuschalten. Es ist eine fortwährende Missachtung des Grundgesetzes, das auf Gleichberechtigung zielt. Es bräuchte eine grundsätzliche Neuausrichtung: Tut uns das gut? Tut das unseren Kindern gut?

Leeb: Bei unseren Workshops in Schulen geht es zunächst darum, den Jugendlichen zuzuhören. Und dann zu fragen: „Warum denkt ihr so?“ Sie kommen dann untereinander ins Gespräch – die Peers spielen ja auch immer eine Rolle –, und wir beziehen dabei ganz klar Haltung, dass wir für Frauen- und Menschenrechte sind. Ich hatte schon heftige Diskussionen mit 14-Jährigen, die jetzt, wo sie erwachsen sind, ganz anders denken als in ihrer Teenagerzeit. Wichtig ist, Kontakt zu halten und an der Beziehung zu arbeiten, auch wenn Jugendliche schwierig sind. Dazu gehört auch, sich für ihre mediale Welt zu interessieren – sich das selbst einmal anzuschauen und darüber zu reden. Was haben wir uns in der Jugend nicht alles reingezogen? Dank des Feminismus hat sich viel getan, davon profitieren alle. Viele Jugendliche nehmen das Nachdenken über Geschlechterrollen mit, da bin ich optimistisch.

Zu den Personen

Philipp Leeb, Gründer des Vereins Poika für gendersensible Bubenarbeit (poika.at), zwei Kinder

Sascha Verlan, Autor, Journalist und Gründer der Initiative Equal Care Day (equalcareday.de), drei Kinder („Mama, Papa … wie passiert Krieg?“, Gutfreund Verlag)

Julia Langeneder

Redakteurin

in Linz geboren, schon während und nach dem Publizistik- und Französisch-Studium in Salzburg und Paris bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen in unterschiedlichen Ressorts, seit 14 Jahren als Redakteurin für Welt der Frauen tätig. Leidenschaft für Familien- und Frauenthemen, Psychologie, Kultur, Nachhaltigkeit und Gesundheit, gerne unterwegs beim Wandern, Radfahren oder mit dem Campingbus.

[email protected]

Foto: Alexandra Grill


mehr von Julia Langeneder lesen

Post aus der Redaktion

Mit unserem Newsletter bekommen Sie regelmäßig Einblicke hinter die Kulissen, persönliche Empfehlungen und das Beste aus der Redaktion direkt in Ihr Postfach.

Jetzt abonnieren