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Gick oder Gock, Hü oder Hott<br>ab 6 Jahren

In jeder Beziehung gibt’s einen Motor und eine Bremse. Für den einen ist das Glas halb leer, für die andere halb voll, so auch bei den Freunden Lester UND Bob, gezeichnet von Ole Könnecke.

Von ihm stammt auch „Das große Buch der Bilder und Wörter“ *) – zweifellos aktuell das beste Bildwörterbuch für Kleinkinder. Trotzdem war ich kein Könnecke-Fan. Bei seinen homogenen Farbflächen und klaren Konturen habe ich immer an digitale Grafikprogramme gedacht. Und die sind in meinem Kopf „böse“. Ich mag es, wenn man einem Bild deutlich ansieht, wie es gemacht ist, wie es gezeichnet wurde. Digital ist deswegen aber nicht böse. Die Polarität analog–digital sollte statt Konkurrenz friedliche Koexistenz sein wie E-Book und Papierbuch, bestenfalls Ergänzung: Motor UND Bremse.

Meine Skepsis Könnecke betreffend hat sich grundlegend geändert auf der Hamburg-Reise, die ich kürzlich mit meiner Tochter unternommen habe. Ganz oben auf meiner Liste für die Hauptstadt der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur **): Das Kinderbuchhaus https://www.kinderbuchhaus.de/. Und dort lief gerade die – nun bis 31. Oktober verlängerte – Ole Könnecke Ausstellung „Einfach ligneal!“

Beim Blick in die Vitrine seiner Zeichenutensilien ist mein Mund vor Überraschung buchstäblich offengeblieben. Er arbeitet analog: mit Tusche, Feder, Pinsel und Wasserfarben! Auf zarte und konzentrierte Art setzt er die flüssige Farbe aufs Papier. Und ich war der fixen Überzeugung, seine Bilder wären rein digital entstanden. Jetzt schäme ich mich, dass ich ihn derart klassifiziert habe. Und da steht doch tatsächlich unter seinem Touchstift RELIKT AUS DIGITALEN ZEITEN (!), auf dem Foto oberhalb der langen, zerzausten Feder zu sehen.

In der Vitrine bin ich dann auch Lester und Bob begegnet, den beiden Helden aus dem genialen Bilderbuch zum Vorlesen und späteren Selberlesen. Lester trägt das Tintenfass, Bob schultert die Zeichenfeder. Einfach ligneal!

Eigentlich untypisch, denn Lester ist der aktivere, extrovertiertere. Voreilig betrachtet ist Bob der, der gibt – den Kuchen bäckt –, und Lester der, der nimmt – den Kuchen futtert. Doch Lester ist mutig, risikofreudig, lebensfroh, und er hat dem phlegmatischen, leicht pessimistischen Bob so viel mehr zu geben als Kuchen. Und Lester ist gewitzt und pfiffig. Ohne hinterhältig zu sein, trickst er Bob immer wieder aus, um an das zu kommen, was er will. Der ein wenig träge Bob merkt es nicht (?) oder es kümmert ihn nicht wirklich, weil er im Grunde heilfroh um die Freundschaft und dankbar um Lesters Gesellschaft ist.

Lester hat Format und Eleganz, weiß, wie man sich kleidet, wenn man zur Nobelpreisverleihung geht, Bob ist bodenständig, gutmütig und ein wenig täppisch. Lester prescht vor, Bob bremst. Die beiden Freunde – Stubenhocker und Lebemann – kommen prächtig miteinander aus.

Eine kleine Zeichnung am Vorsatzpapier zeigt Bob, der Lester aus der Wunderlampe steigen lässt. Das ist einerseits eine Fortführung des Aladin-Verlagslogos, andererseits taucht in mir der Gedanke auf, ob nicht Lester vielleicht Bobs Imagination ist, seine Wunschvorstellung eines idealen Freundes oder auch seine Sehnsucht, im Geheimen ein wenig mehr wie Lester zu sein … Sein Draufgängertum und die Bereitschaft, zu scheitern – raus aus der Deckung, auch wenn er womöglich sogar von Krokodilen aufgefressen wird – das sind Lesters Qualitäten. Damit zeigt er Bob, wie Leben gehen kann. Dafür ist er beliebt und umschwärmt, cool, ein Held der Unterwelt, mit Ganoven auf „Du“. Noch dazu ein souveräner Kicker und ein Boulespieler von Weltklasse sowieso. Die Tankstelle bei Bob, wenn es einen seiner berühmten Kuchen gibt, genießt er aber doch. Nein, Lester ist bestimmt real. Auf dem Nachsatzpapier lässt er „seinen“ Bob aus der Wunderlampe steigen, seinen Gegenpol der Verlässlichkeit, Häuslichkeit, Vorsicht und Stabilität. Die beiden Freunde Lester und Bob brauchen einander. Jeder hat seine ganz eigenen Qualitäten, die wertfreie Betrachtung verdienen.

Lasst uns doch gemeinsam mehr dieser Bilderbücher über die Pluralität der Charaktere lesen! Wie schon Mira Lobe in „Die Geggis“, Jens Rassmus in „Der Zapperdockel und der Wock“ oder Rotraut Susanne Berners in „Pick Pick Picknick“ festgestellt haben: Das Glas ist nicht einfach nur halb leer oder halb voll. In Wahrheit ist die Chose viel differenzierter! Unsere individuellen Unterschiedlichkeiten fordern uns zur Entwicklung aneinander heraus.

Ole Könnecke:
Die Abenteuer von Lester und Bob
Ab 6 Jahren
Aladin 2014

Und es gibt einen zweiten Band:

Die neuen Abenteuer von Lester & Bob
Aladin 2015
*) Das große Buch der Bilder und Wörter
Ab 1-2 Jahren
Pappe
Hanser 7. Auflage 2014

Könnecke bringt darin nicht nur das gesamte Alphabet unter, er vermittelt Farben, Formen, Emotionen in Gesichtsausdrücken und stellt einen Lebensablauf als witzige Abfolge evolutionsähnlicher Entwicklungsstufen dar: etwas zum Schmunzeln für die erwachsenen Mitbetrachtenden.

 

Ole Könnecke ist in Deutschland geboren, in Schweden aufgewachsen, hat Germanistik studiert und lebt heute mit seiner Familie in Hamburg. Das Zeichnen hat er nebenbei begonnen. Zusätzlich arbeitet er als Übersetzer aus dem Schwedischen. Wie die Übertragungen von Rolf Erdorf aus dem Niederländischen sind mir Ole Könneckes Übersetzungen ein Qualitätshinweis.

**) die Stadt kann nicht nur mit einer großen Anzahl reiner Kinderbuchverlage (Carlsen, Aladin, Oetinger und viele kleinere) aufwarten, auch zahlreiche international bekannte Illustrator*innen und Autor*innen sind hier ansässig, so neben Ole Könnecke auch Regina Kehn oder Stefanie Harjes, die regelmäßig für Welt der Frauen illustriert.

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.