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Gehsteige garantieren kein Lebensglück

Willa Drake, der wir gleich, unvermittelt, hautnah sozusagen, im ersten Teil des Buches beim Verkaufen von Schokoriegeln für einen wirklich guten Zweck begegnen, weiß eines: Nie wird sie in einer Stadt wohnen, in der es wie in ihrer Heimatstadt Lark City, Pennsylvania, keine Gehsteige gibt. Auf den ersten, zu schnellen Blick wird Willa unbekümmert, sie beendet die Verkaufstour mit Sonya Bailey mit einem Lachanfall und kehrt nach Hause zurück. Und dort herrscht genau die Stimmung, die auch im zweiten Romanteil prägend ist: Etwas – hier konkret die Mutter – fehlt, Wut müsste sich eigentlich breit machen, aber die wird mit banalem Gerede des Vaters zurückgehalten. Also ist Mutter wieder einmal ausgezuckt, weggefahren, fühlt sich unverstanden – was sie vermutlich auch ist – und überlässt ihre beiden kleinen Töchter Willa und Elaine dem gutartigen, passiv aggressiven und verbrannte Käsetoasts fabrizierenden Vater. Mutter, die Schauspielerin, die das Extreme liebt und mit ihrer Familie die Achterbahn der Gefühle häufig besucht.

Niemand darf wissen, dass Mutter manchmal abhaut, Willa übernimmt bei solchen „Anfällen“ der Mutter viel Verantwortung, die Fassade nach außen aufrecht zu erhalten und wird wütend, wenn der Vater und die kleine Schwester all ihre Mühen dabei nicht zu bemerken scheinen. Und wirklich, da ist ja Mutter wieder und ruft „Raus aus den Federn, meine Entchen“, das Haus riecht nicht mehr nach verbrannten Toasts.

Das machte sie oft nach einem Anfall – so tun, als wäre nichts geschehen. War doch egal, dass sie ohne einen Gedanken an ihre Töchter weggefahren war. Es hatte nicht das Geringste zu bedeuten, sollte sie damit wohl sagen. Meine Güte, ihr werdet es überleben! (S. 38)

1967 also beschließt Willa, einmal völlig anders als ihre Eltern leben zu wollen: Sie verliebt sich während ihres Studiums in Derek, der immer das Richtige zu tun scheint, bestimmt und nicht so unterwürfig wie ihr Vater agiert. Willa heiratet ihn, gibt ihr Studium auf, die zwei Söhne haben es gut, auch nach dem plötzlichen Unfalltod – er ist schon immer sehr rücksichtslos gefahren –  von Peter.

Ironie ist Tylers Stärke, ebenso der genaue Blick auf die Nuancen, die ihre Figuren ausmachen, etwa Willas zweiten Ehemann, den Golf spielenden Anwalt Peter. Der zweite Teil des Romans konfrontiert Willa mit der Mittelmäßigkeit ihres Sohnes Sean, seiner bedrückenden Angepassheit und seinem Desinteresse am Schicksal seiner Exfreundin Denise, die auf offener Straße angeschossen wurde. Na ja, Willa und Peter reisen nach Baltimore, versorgen Denise und ihre Tochter Cheryl: Willa scheint dabei zu erwachen, all die Enge ihres Lebens mit Peter immer unerträglicher zu finden, sie findet Gefallen am unorthodoxen Leben von Denise und deren Nachbarn. Ehrliche Zeiten brechen an und die verlangen eine klare Entscheidung: Willa erkennt, wie unbegrenzt ihre Möglichkeiten doch sind!

In ihrem neuen Leben wird sie irgendwo ein Zimmer mieten. Oder in Mrs. Mintons Haus einziehen. Oder eine Wohnung mit einem Pool finden, in dem Cheryl schwimmen kann. Sie wird Bens Flüchtling in Englisch unterrichten oder Cheryls Schulfreunde in Spanisch. Oder etwas ganz anderes, jetzt noch gar nicht Vorstellbares ausprobieren. (S. 303)

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: die Entwicklung einer ungewöhnlichen Frau, Aufbruch und Revolution im Alltag, feinste Ironie, gekonnte Schilderungen des Alltagsirrsinns, bizarre Charaktere, den Stoff, aus dem Träume gewebt sind, auch den Mut, jetzt und sofort etwas zu verändern, Geduld mit der eigenen Familie, Beharrlichkeit, gekonntes Erzählen.

Die Autorin wurde 1941 in Minneapolis, Minnesota geboren, studierte Slawistik und veröffentlichte, beginnend 1965, 22 Romane und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Mehrere ihrer Romane wurden verfilmt, besonders erfolgreich als Buch und Film „Die Reisen des Mr. Leary“.

Michaela Grabinger – diese Angaben musste ich recherchieren, da nicht im Buch erwähnt – seit 1987 freiberufliche Übersetzerin für Belletristik und Sachbüchern verschiedener Verlage, lebt in München, hat Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie in München studiert, war auch als Lektorin und Korrektorin für verschiedene Verlage tätig.

Anne Tyler:
Launen der Zeit.
Roman.
Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger.
Zürich – Berlin: Kein & Aber Verlag 2018.
302 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“