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Furchtlose Piratentochter

Vorlaut und frech würde ich die deutsche Übersetzung mit diesem Umschlagbild gern als Mogelpackung bezeichnen: Das schüchterne „Covergirl“ vor ruhig plätschernder See transportiert wenig von der Stärke der Heldin. Die faszinierenden Tiefseemonster vom Original fehlen gänzlich. Emilia mobilisiert ihre inneren Kräfte erst durch die bedrohliche Situation, der sie sich ausgesetzt fühlt.

Es überwiegt aber meine Dankbarkeit gegenüber dem Thienemann-Verlag für die Veröffentlichung des mehrfach ausgezeichneten niederländischen Kinderromans von Annet Schaap. Die Illustrationskünstlerin gibt damit ihr Debut als Autorin und überzeugt mit einer Figur, die sich vielfach bewähren muss und über sich hinauswächst. Der erste Satz schon macht klar, hier geht es um Abschied, um Loslassen und Neubeginn.

Eine Insel, die am Festland hängt wie ein lockerer Zahn an einem Faden, nennt man Halbinsel. Auf der Halbinsel, von der hier die Rede sein soll, steht ein Leuchtturm, dessen Licht nachts über die kleine Stadt und das Meer hinwegstreicht.

Emilia befindet sich in mehrschichtigen Übergangswelten: Zwischen Land und Meer auf ihrem Weg vom Leuchtturm weg, wo sie mit ihrem Vater lebt, in die Stadt, um die unverzichtbaren Streichhölzer zu kaufen. Während des Sturms wird sie ins Meer und dann an den Strand geschleudert, wähnt sich an der Schwelle zwischen Leben und Tod und kommuniziert mit ihrer Mama im Jenseits.

Emilias Ursprungsfamilie ist zerbrochen, die Mutter seit Jahren tot. Der einbeinige Vater ist überfordert, wird einmalig gewalttätig gegenüber seiner Tochter und gerät unter Arrest. In der Sturmnacht blieb der Leuchtturm dunkel, ein großes Schiff ist gestrandet, er als Leuchtturmwärter trägt die Verantwortung. Emilia soll die Schuld abbüßen. Am abscheulichsten Ort, den sie sich vorstellen kann, soll sie 7 Jahre lang als Dienstmagd arbeiten: im „Schwarzen Haus“, in dem es zumindest spukt, wenn nicht sogar ein Monster im Turmzimmer unterm Dach haust.
Doch Martha, die Haushälterin mit ihrem herben Spruch, ihr zurückgebliebener doch sanftmütiger Sohn Lenny mit seinen Hunden und der wortkarge Nick, eine Art Verwalter, der meist im Zimmermannshäuschen werkelt und Emilias Vorhaben mit Geschick unterstützt – diese Leute geben eine passable Ersatzfamilie ab. Von ihr erhält sie Begleitung im Übergang zwischen Kind und Teenager. Für diese Leser*innengruppe von reifen Neunjährigen bis zu Zwölfjährigen ist der packende Roman, der mich in seinen Bann besonders gut geeignet.

Aus der düsteren Ausgangssituation entwickelt sich durch Emilias Furchtlosigkeit, Zuversicht und Herzensgüte eine schillernde Geschichte, in der allerhand buntes Volk – Jahrmarktdarsteller, und Zirkusleute – seinen Auftritt hat. Das Geschöpf im verbotenen Zimmer, das angsterfüllt regelmäßig Personal zähnefletschend angreift und in die Flucht schlägt, ist ein märchenhaftes Mischwesen. Mit Geduld gelingt es Emilia, das Vertrauen des „Jungen aus dem Meer“ zu gewinnen und sich mit ihm anzufreunden. Sie setzt sich ein für sein Anders-Sein. Mitgefühl und Toleranz bestimmen ihr Verhalten. Der literarische Roman bleibt spannend und zunehmend facettenreich bis zuletzt und hat mit einem Happy-End à la Bert Brechts Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper (1930) aufzuwarten.

Die Autorin schöpft mit bildgewaltiger Sprache aus der Fülle von Andersens Märchen als Humus für ihre Geschichte. Grandios ins Deutsche übertragen wurde „Lampje“ (im Original) von Eva Schweikart, die dafür mit dem Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis 2019 ausgezeichnet wurde. Aus der Jury-Begründung: „Stimmung, Ton, Atmosphäre sind wesentliche Charakteristika des Romans. (…) Eva Schweikart hat diese Herausforderung bravourös gemeistert. Ihr deutscher Text ist zunächst bedrückend, intensiv, karg, dann hoffnungsvoll schimmernd und märchenhaft magisch wie das Original… “

Mehrfache Verwandlungen gehen vor sich: Emilias Vater, der einbeinige Leuchtturmwärter Augustus, entpuppt sich als Steuermann eines Piratenschiffs, stilecht mit Holzbein. Rührend entschuldigt er sich Emilia geschlagen zu haben. Edward, der Junge aus dem Meer, den sein Vater, der Admiral, als Krüppel wahrnimmt, dem er qualvolle Übungen zum Trainieren des Gehens auferlegt, wird zum Meerjungmann. Er fühlt sich nach der Befreiung durch Lämpchen (Lampje), wie Emilia genannt wird, so wohl wie ein Fisch im Wasser. Fantastische Tuschezeichnungen von ihren Romanfiguren sind auf Annet Schaaps Website zu sehen und verleihen der Lektüre zusätzliche Tiefe.

Annet Schaap:
Emila und der Junge aus dem Meer
Mit Illustrationen von Annet Schaap
und aus dem Niederländischen von Eva Schweikart,
Kinderbuch ab 10
Thienemann Verlag, 2019

> Zur Beschreibung  & Leseprobe

 

Illustration: Annet Schaap

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren, ist Buchhändlerin, Mutter von 3 Kindern und lebt in Ottensheim, wo sie 17 Jahre im Kleinen Buchladen tätig war. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ war wegweisend. Glückliche Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl“ inspirierten zu Bilderbuch-Stunden für Eltern-Kind-Gruppen, zu Literaturvermittlung für Vorschulkinder und zu Referententätigkeit für Kindergartenpädagogik. Aktuell rollt sie mit Eisenbahn oder Fahrrad die Donau entlang nach Linz, wo sie als Mitarbeiterin der Buchhandlung ALEX am Hauptplatz Bücher empfiehlt, die auf den zweiten Blick noch Überraschendes bereithalten. Mit ihrer Freundin vom Figurentheater [isipisi] teilt sie die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und gibt Vorführungen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Fallweise tritt sie als Grille, rebellische Juliane oder sogar Meerjungfrau auf.

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