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Frauen, die sich mehr trauen

Sie stehen gegen Unrecht auf und setzen sich ein für Menschen in Not, für demokratische Werte und eine lebenswerte Zukunft. Drei Frauen, die die Welt ein Stück besser machen wollen.

Katharina Rogenhofer (25)

Die Klima­schützerin

Die Biologin hat die „Fridays for Future“-Bewegung nach Österreich geholt. Als Chefin des Klimaschutzvolksbegehrens steckt sie nun all ihre Energie in den Umweltschutz.

Eigentlich steht sie nicht gerne im Vordergrund. „Ich bin nicht die klassische Demo-Geherin, die alle mitzieht. Ich war immer sehr wissenschaftlich und zurückhaltend“, sagt Katharina Rogenhofer. In der Öffentlichkeit zu agieren sei für sie nur Mittel zum Zweck: „Ich habe das Gefühl, das ist die größte Ebene, um etwas zu bewegen.“
Katharina Rogenhofer ist eine eloquente, zielstrebige junge Frau. Mit ihren rötlichen Naturlocken, dem dunklen Oberteil – „Meine Kleidung ist eine Mischung aus Second-Hand- und nachhaltig gefertigter Mode“ – und den Birkenstock-Sandalen wirkt sie älter, als sie ist. Zum Interview kommt sie mit dem Zug, wie es sich für eine Klimaschützerin gehört. Auch zu ihrem Masterstudium nach England ist die Vegetarierin mit der Bahn gereist.
Mit den Öffis fahren, weniger Fleisch essen, auf das Plastiksackerl verzichten: Um die Klimakrise in den Griff zu kriegen, reiche das nicht aus, sagt Rogenhofer. „Es ist natürlich gut, das zu tun, aber es ist auch ein Abwälzen der Verantwortung: Ich als Konsumentin kann nicht darüber entscheiden, ob die Welt untergeht, indem ich ein Plastiksackerl nehme oder nicht.“ Auch sie selbst sei im Supermarkt überfordert: „Soll ich die Bioäpfel nehmen, die in Plastik eingepackt sind, oder die regionalen Äpfel ohne Verpackung, aber auch ohne Biopickerl? Wie soll man das entscheiden können?“ Es ist auch nicht immer eine Frage der Entscheidung. „Wenn ich auf dem Land wohne und die Zugverbindung schlecht ist, verstehe ich jeden, der mit dem Auto in die Arbeit fährt. Es ist auch eine Frage des Geldes, der Zeit. Ich kann auch nicht entscheiden, wie lange noch Öl und Gas gefördert werden und wohin die Züge fahren.“

NEUE KRANKHEITEN
Die Politik müsse die Rahmenbedingungen schaffen, um klimafreundliches Handeln leichter und leistbar zu machen. Eine umfassende Verkehrs- und Energiewende und eine Verankerung des Klimaschutzes in der Verfassung sind auch Kernforderungen des Klimavolksbegehrens.
Die Auswirkungen des Klimawandels sind längst nicht mehr wegzuleugnen: Der Amazonas-Regenwald brennt, das Arktis-Eis schmilzt so schnell wie nie zuvor, Island hat den ersten Gletscher für tot erklärt. Auch in Österreich ist der Klimawandel spürbar mit Trockenheit, Ernte­verlusten und Borkenkäferbefall. „Die Erderwärmung hat große Folgen für die Ernährungssicherheit und die regionale Versorgung“, erläutert Rogenhofer. Neue Krankheiten und mehr Allergien werden prognostiziert. Laut IPCC-Bericht wäre es noch möglich, das Ruder herumzureißen: „Aber wir müssen jetzt die Schritte setzen!“
Von Angst und düsteren Prognosen dürfe man sich nicht lähmen lassen, meint sie. Wichtig seien auch positive Zukunftsvisionen, wie mehr Grünflächen in Städten, mehr unverbaute Flächen auf dem Land, lebendige Stadtzentren, Regionalität in der Landwirtschaft: „Das sind Dinge, die unser Leben besser machen können.“

VORBILD GRETA THUNBERG
Man spürt Rogenhofers Begeisterung für das Thema. Schon als Kind führte sie ein Naturtagebuch und beobachtete Kaulquappen. Während ihres Biologie- und Zoologiestudiums forschte sie, wie sich die Verbreitung von Tieren und Pflanzenarten durch die Erderwärmung verändert. Die Forschung machte ihr Spaß. Irgendwann spürte sie jedoch: „Ich will etwas machen, das Wirkung auf die Welt hat.“ An der Universität Oxford inskribierte sie das Masterstudium „Biodiversity, Conservation and Management“, darüber hinaus war sie Umweltsprecherin an ihrem College. Im Rahmen eines Praktikums bei der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen fuhr sie zum Klimagipfel ins polnische Katowice. Dort lernte sie Greta Thunberg kennen, die im Konferenzzentrum mit ihrem Schild mit der Aufschrift „Schulstreik fürs Klima“ saß. Für Rogenhofer war das der ausschlaggebende Moment, den Klimastreik nach Österreich zu holen. Bei der ersten Demo protestierte eine Handvoll Leute auf dem Wiener Heldenplatz, beim weltweiten Klimastreik am 15. März gingen 25.000 Menschen auf die Straße.
Wenig später übernahm sie von der Grünen Helga Krismer die Leitung des Klimaschutzvolksbegehrens. „Ich habe nicht gewusst, welche Verantwortung ich auf mich nehme, aber mir war klar, dass es jemanden braucht, der keiner Partei angehört, um möglichst viele Leute zu mobilisieren“, so Rogenhofer. „Ziel ist, dass unsere Forderungen im Nationalrat behandelt werden. Dafür brauchen wir mindestens 100.000 Unterschriften.“

Andrea Schwaiger (43)

Die Flüchtlings­helferin

Die Krankenschwester hat in ungarischen, kroatischen, slowenischen, griechischen und türkischen Flüchtlingslagern geholfen und dabei weder Risiko noch Kosten gescheut.

Ich bin da hineingerutscht“, sagt ­Andrea Schwaiger, burschikose Kurzhaarfrisur, schmales Gesicht und große Augen. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Europa kamen, organisierte sie in ihrem Geschäft für nachhaltige Kindermode spontan eine Sammelaktion. Die Resonanz war unglaublich. Zwei Kleinlaster voll Gewand wurden ins Flüchtlingslager Traiskirchen gebracht.
„Dann bin ich immer mehr hineingekippt“, erzählt sie. Über Facebook stieß Schwaiger auf die Bilder einer afghanischen Familie mit fünf Kindern, die am Bahnhof Budapest Keleti angekommen war und nicht mehr weiterkam, weil Ungarn die Grenze dichtgemacht hatte. Die Mutter trug das Baby auf dem Arm, der Vater seine gelähmte Tochter. Das Foto ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. „Wenn meine Tochter Emily [damals fünf Jahre] so weit gehen müsste, das könnte ich mir nicht vorstellen.“ Am liebsten hätte sich Andrea Schwaiger, Mutter zweier Kinder, selbst ins Auto gesetzt und die Familie über die Grenze geschmuggelt. Sie musste jedoch einsehen, dass es keinen legalen Weg gab. Wenig später fuhr sie mit einem Auto voller Hilfsgüter nach Budapest und Röszke.

SKLAVENARBEIT IN DER TÜRKEI
„Das, was ich gemacht habe, war nie geplant. Es war immer nur der nächste logische Schritt“, sagt Schwaiger mit ungespielter Bescheidenheit. Sie vernetzte sich mit anderen Freiwilligen und half im kroatischen Flüchtlingslager ­Opatovac sowie im slowenischen Brežice. Die Zustände in Brežice waren verheerend: „Die Menschen schliefen im Freien und bekamen kaum etwas zu essen und zu trinken.“ Schwaiger ist ausgebildete Krankenschwester und behandelte hier fast 24 Stunden am Tag Schwangere, Kinder und Kranke. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen erwirkte sie auch, dass das Lager geschlossen und ein neues mit beheizten Zelten aufgebaut wurde.
Nach Hilfseinsätzen auf den griechischen Inseln Lesbos und Kios wollte ­Andrea Schwaiger wissen, wie die Situation dort ist, wo die Leute in die Boote steigen. Über ihre Kontakte erfuhr sie von illegalen Zeltlagern rund um Izmir. Viele SyrerInnen saßen hier in der Türkei fest, hausten in provisorischen Zelten aus Holzlatten und Planen und verrichteten Sklavenarbeit für Großgrundbesitzer. Es gab weder medizinische Versorgung noch eine Schule. Schwaiger und andere medizinisch ausgebildete Freiwillige fuhren bis zu 30 Lager an, einen Syrer, Hassan, hatten sie als Übersetzer angestellt.
„Ich bin meinem Mann sehr dankbar, dass er mir den Rücken freigehalten hat und mir das ermöglicht hat, und bei all den Menschen, die mich dabei immer finanziell unterstützt haben“, betont Andrea Schwaiger. In Gefahr fühlte sie sich nie, auch nicht, als einmal Militärpolizisten ihren Pkw kontrollierten. Zum Glück wurde der Kofferraum, randvoll mit Medikamenten, nicht geöffnet.
Die Situation in der Türkei spitzte sich immer mehr zu, freiwilligen FlüchtlingshelferInnen wurde die Einreise verweigert, es kam zu Verhaftungen. Schweren Herzens beendete Andrea Schwaiger daher diesen Sommer ihre Fahrten in die Türkei: „Man muss seine Grenzen kennen.“

SCHWIERIGER SCHRITT ZURÜCK
Manchmal war es schwierig, nach der Rückkehr aus den Camps wieder den Schritt ins normale Leben zu schaffen: „Ich hab den Überfluss kaum ausgehalten“, sagt Schwaiger.
Was sie antreibt? „Wenn man das Elend gesehen hat, muss man einfach helfen.“ Vielleicht hängt ihr Engagement auch mit ihrer Familiengeschichte zusammen. Schwaigers Mutter ist Sudetendeutsche, sie war auch Flüchtling und erzählte von dem Hungergefühl, das sie als Kind hatte.

SINNSTIFTENDE ARBEIT
Seit einem Jahr arbeitet Andrea Schwaiger als Transplantkoordinatorin, sie organisiert, koordiniert und dokumentiert Organspenden. Eine Arbeit, die sie als sehr sinnstiftend erlebt, dennoch lässt sie der Gedanke an die humanitäre Hilfe nicht los. Wenn ihre Kinder älter sind, möchte sie mit „Ärzte ohne Grenzen“ auf mehrmonatigen Einsatz gehen.
Mitten im Gespräch poppt eine Nachricht des syrischen Übersetzers Hassan auf. Andrea Schwaiger und ihre FreundInnen haben ihn und seine Familie in einem Relocation-Programm untergebracht – das heißt, dass die Familie nach Kanada ausreisen darf, nachdem im Voraus für ein Jahr die Aufenthaltskosten aufgebracht werden mussten. Gerade sitzen sie im Flugzeug nach Toronto.

 

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