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12/22

Buchempfehlung: „In den Kriegen“

Buchempfehlung: „In den Kriegen“

Durch ein verwüstetes Land zu ziehen, Tote zu sehen, Abgeschlachtete zu finden, Angst und Kälte gleichermaßen grimmig zu spüren, das bildet eine Gemeinschaft, die niemand mehr trennen wird.

Durchatmen und nach vorn blicken

Jens und Iwo, zwei Söldner, wissen nicht genau, wohin es gehen soll, genauer gesagt, wohin sie jetzt, nach dem Tod ihres Kameraden Andrij gehen sollen. Andrijs Verlobte, Tanja, will einfach gehen, die Trauer so weit weg wie möglich durch dieses unglückliche Land tragen: Die Rede ist von der Ukraine, in der die jungen Männer als Freiwillige für die ukrainischen Nationalisten kämpfen. Vitalij, der Poplyriker, kommt zufällig zu dieser bizarr anmutenden Friedens-Wallfahrts-Gruppe dazu. Dieser Roman erschien, bevor Russland die Ukraine am 24. Februar 2022 überfiel.

Eine ukrainisch-deutsche Pilgergruppe zieht also durch das verwüstete Land, sieht Tote, sieht zerstörte Häuser, Dörfer, verlassene Kleinstädte und ausgeplünderte Supermärkte. Selbstverständlich irritiert der Begriff der Wallfahrt, aber das ist Programm. Durch ein verwüstetes Land zu ziehen, Tote zu sehen, Abgeschlachtete zu finden, Angst und Kälte gleichermaßen grimmig zu spüren, das bildet eine Gemeinschaft, die niemand mehr trennen wird. Jeder der Gruppe verliert sich in seine Gedankenwelten, der eine, Jens, denkt über Präpositionen nach, der Poplyriker spielt Luftgitarre und erzählt von der Hungersnot in der Ukraine, damals von Stalin ausgelöst.

„„Was hatte man von uns verlangt in der Ausbildung? Das Wort Stressmanagement war nicht vorgekommen, keiner hatte auch nur daran gedacht, es zu erwähnen. Wer hierher kämpfen kam, hatte das alles längst hinter sich, selbst wenn er zum ersten Mal in seinem Leben eine Waffe in der Hand hielt. Solche hatte es tatsächlich gegeben.““
Seite 8

Im Gehen in Richtung Krim ordnen sich die Gedanken, um gleich darauf wieder aufgrund eines weiteren Leichenfundes durcheinander zu kommen. Bald werden sie am Meer sein. Doch die Fragen bleiben: Was taten ihre Väter, wo und wie kämpften sie, woran waren sie beteiligt?

„„Ich versuchte, einen Himbeergeschmack aus dem Mund zu bekommen, hatte ich eine Pastille drin? Oder hatte mich Tanjuschka mit ihrem unlogischen Mund in eine Himbeerwolke geredet? Wir gingen vorsichtig und leise, bis es mir durch den Kopf schoss, dass wir die Uniformierten nicht mit unserem plötzlichen und unerwarteten Erscheinen erschrecken sollten, was sie zum Griff nach ihren Waffen bringen könnte.“ “
Seite 237

Was Sie versäumen, wenn Sie den Roman nicht lesen:

Verlorenheit, Krieg, die Bedeutung einer „Wallfahrt gegen den Krieg“, Freundschaft, Beziehungen, Auseinandersetzung mit Vorfahren und ihren Taten oder Untaten, Weltsicht zweier Söldner

Evelyn Schlag

1952 in Waidhofen an der Ybbs geboren, arbeitet zudem als Übersetzerin und Literaturkritikerin. Studium der Germanistik und Anglistik in Wien, zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 1997 Anton-Wildgans-Preis, 2015 Österreichischer Kunstpreis für Literatur.

Evelyn Schlag
In den Kriegen.
Roman.
Wien: Hollitzer Verlag 2022.
244 Seiten.
ISBN 978-3-99012-969-2

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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