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Esperanza

An manchen Tagen in der Heimisolation frage ich mich, ob je wieder ein normales Leben möglich sein wird. Eine kleine Zukunftsbotin in gelben Hosen schenkt mir Hoffnung.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießend, sitze ich auf dem Balkon und lese Zeitung. Als ich zum Wissenschaftsteil umblättere und mich in einen Artikel über den Klimaschutz vertiefe, kommt plötzlich ein kleines, schwarz-gelbes Wesen angeflogen und setzt sich auf das Wort „Übereinkunft“. Ich identifiziere das sechsbeinige Tierchen als Biene und halte das Blatt so ruhig wie möglich, um sie nicht zu verscheuchen. Sie beginnt, sich zu putzen, angefangen bei den Hinterbeinen. Zuerst das linke, dann das rechte. Es folgen die mittleren. Zwischendurch reibt sie sich die Facettenaugen, als hätte sie noch nie etwas von Corona gehört. Man soll sich doch nicht ins Gesicht fassen, rüge ich sie. Ungerührt schrubbt sie ihre Vorderbeinchen und die zarten Flügel, um dann wieder von vorne anzufangen.

Bei genauerer Betrachtung fällt mir auf, dass sich an ihren Hinterbeinen kleine goldene Päckchen befinden. Später sagt mir Google, dass es sich dabei um sogenannte „Pollenhöschen“ handelt. Die entstehen, wenn die Biene in eine Blüte kriecht, mit ihren Kiefern die Staubbeutel aufbeißt und sich dann im Blütenstaub wälzt. Danach verlässt sie die Blüte und „säubert durch schnelle Bewegungen der Beine ihren Körper“. Für diese Phase des Blütenstaub-Sammelns hat sich meine Biene offensichtlich eine rosafarbene Zeitung erwählt. Ich überlege, welchen Namen ich ihr geben könnte und entscheide mich für Esperanza, das klingt exotisch und hoffnungsvoll. Vielleicht kommt Esperanza öfter zu Besuch und erzählt mir von ihren Flügen durch die Gärten der Menschen und über die Dächer der Stadt auf der Suche nach dem besten Nektar. Was wohl ihre Lieblingsblume ist? Wo mag sich ihr Stock befinden? Und ist sie auch in Corona-Kurzarbeit? Statt einer Antwort startet sie die Propeller und schwirrt davon. Was bleibt, ist ein winziges Häufchen goldener Blütenstaub.

Ich beneide das kleine Insekt um seine Freiheit, zu gehen wohin immer es auch will. Diese Freiheit wird es für uns Menschen eine Weile nicht geben. Die eigenen vier Wände und ein gelegentlicher Spaziergang im Wohnviertel sind das höchste der Gefühle. Aber so selbstverständlich wie Esperanza zu ihrem Stock heimkehrt, werden auch wir wieder unsere Eltern und Großeltern besuchen und in der Schule unsere Freundinnen und Freunde treffen. Wir werden uns in Bars betrinken und zum Bummeln ins Einkaufscenter fahren. Und wir werden uns am Strand von Teneriffa auf einer Liege räkeln, mit einem Glas süßen Nektar in der Hand. Prost, auf die Hoffnung!

Lisa-Maria Langhofer

lässt sich gerne inspirieren von guten Büchern, schlechten Filmen (manchmal auch umgekehrt), den Menschen, der Natur und dem Regen & denkt vor dem Einschlafen noch gerne an drei gute Dinge, die heute passiert sind.

Foto: privat

Foto: Pixabay

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