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Es ist nie zu spät, wütend zu werden

Ein bekannter Name, ein renommierter Referent, ein treffender Titel: Schon hat man das Buch gekauft. Und dann kommt die Überraschung: Man ist lesend bei sich und will so gar nicht mehr gestört werden. Da gibt es keinen Ratschlag, da gibt es keine fünf Punkte zum Glück-Wunder, man darf man selbst bleiben und hat Seite für Seite eine wichtige und treffende Erkenntnis. Sieben gehaltvolle Kapitel sind hier in die „Einladung“ und „Persönliche Einstimmung“ sowie in den „Nachklang“, „Literatur- und Filmtipps“, „Personenregister“ und „Zum Autor“ eingebettet, richtig gut zugedeckt, die Reise kann beginnen.

Wer Pierre Stutz zu kennen glaubt, erinnert sich an einen sanften, freundlichen Blick und liest dann auf Seite 9, im Kapitel „Einladung“ Folgendes:

Ich weiß, wovon ich rede. Jahrelang glaubte ich irrtümlicherweise, zu den glücklichen Menschen zu gehören, die keine Wut empfinden. Was habe ich nicht alles geschluckt und in mich hineingefressen: Meine Bauchschmerzen und mein ständiges Erbrechen waren klare Signale meines Körpers, die ich nicht wahrhaben wollte. Auch meine Arbeits-Wut als Workaholic ließ grüßen! (S. 9)

Pierre Stutz fasst das Reflektierte noch einmal in kurze Texte zusammen, man mag sie dann wohl spirituell nennen. Ich liebe seine Ablehnung einer Wohlfühlspiritualität, seine Klarheit in Bezug auf den „Umgang“ der katholischen Kirche – ihrer VertreterInnen natürlich, die Bauten tun einem ja nix – mit „Homosexualität“, mit Scheitern und Neuanfang. „Mehr sein als meine Leistung“ – ja, damit kann man viel anfangen, auch mehr Lebendigkeit wäre schön, dann muss man wohl weiterlesen, über die eigenen Grenzen und die Angst vor der eigenen großen Wut.

Pierre Stutz zitiert mehrmals Song-Texte, er weiß um die Weisheit beispielsweise eines Leonhard Cohen, der meinte, dass erst durch einen Riss das Licht hineinstrahlen kann –

nicht durch perfekt-selbstgerechte Leistungen. Weise Worte, die jedoch nicht missbraucht werden dürfen, um Gewaltopfern kein Gehör zu verschaffen. (S. 177)

Das Private ist das Politische, man reist mit dem Autor weiter, hin zu seiner engagierten Gelassenheit, weiß wieder, wie viel noch von Viktor Frankl zu lesen und zu lernen ist.

Ein spiritueller Weg schenkt nicht nur Balance, sondern auch den Mut, sich nicht verbiegen zu lassen. Sich wehren zu können für die eigenen Rechte und die Menschenrechte sind zentrale Werte auf einem inneren Weg. (S. 191)

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Buch nicht lesen: Einkehr bei sich selbst, Inspiration, Interpretation von Bibelstellen, Auseinandersetzung mit aktuellen theologischen Beiträgen, Hinweise auf den „heiligen Zorn“ im Politischen wie Privaten, Güte mit sich selbst und auch mit anderen, man fühlt sich häufig in den Selbstzeugnissen des Autors „ertappt“, Klugheit, Weisheit, Humor, Belesenheit, Charme, Erotik … na ja, kann da jetzt nicht alles aufzählen!

Der Autor arbeitete als Jugendseelsorger, legte 2002 sein Priesteramt nieder und lebt seit 2003 mit seinem Lebensgefährten zusammen, er ist Referent, geistlicher Begleiter und Autor von über 40 Büchern, er ist vor allem eines: klar, präzise, Persönliches dann äußernd, wenn es zum Thema passt. www.pierrestutz.ch

Pierre Stutz:
Lass dich nicht im Stich.
Die spirituelle Botschaft von Ärger, Zorn und Wut.
Ostfildern: Patmos Verlag 2018.
206 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“