05

18

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Erzähl die wirkliche Vergangenheit!

Wer Fanny liest, bleibt an ihrer Seite. Fanny erzählt, sie denkt, sie erinnert sich und dabei trägt sie stets ihren Vornamen, mehrmals pro Seite wissen die Leser*innen, mit wem sie es in diesen Miniaturen zu tun haben. Fanny ist allgegenwärtig, sie ist gnadenlos in ihren Erinnerungen und in ihrem Stolz, sie knickt nicht ein, sie ist eine alte Frau, die noch so viele Kindheitsszenen lebendig vor sich hat.

Wer in 30er-Jahren auf dem Bauernhof zur Welt kommt, lernt Montessori-Material erst gar nicht kennen, Achtsamkeit, welch Idee! Nein, im Ernst, die Fanny, die ist eine Besondere! Die geht nicht unter, weiß, dass der Bruder das geliebtere Kind ist und verkriecht sich unter die Eckbank. Fanny ist eine wunderbare und ja, achtsame Beobachterin, der nichts entgeht. Fanny ist eine schöne Frau, sie erlebt den Untergang ihrer Familie mit, nachdem der Bruder im Krieg „gefallen“ ist, der Hof ohne Erbe ist – Fanny kommt natürlich dafür nie in Betracht – verkaufen die Eltern das Anwesen. Genauer hingeschaut, muss ich schreiben: Die Eltern müssen verkaufen, da nutzt auch der Schwiegersohn, dieser Schulmeister nichts. Ob ihn Fanny liebt? Sie geht aufrecht, hat sich immer im Griff, verliert nie die Fassung und weiß sich von ihrem Stolz gut beschützt. Fanny hat die Mutter, den Vater und den Bruder beim Arbeiten immer genau beobachtet, jetzt, in der Nacht, erinnert sie sich an all diese Szenen, denkt auch an ihren verstorbenen Ehemann, den Schulmeister.

Fanny stand im Keller, vor dem Tisch, der die Werkstatt ihres Sohnes war. Sie wünschte sich, Toni wäre schon erwachsen und die Geheimratsecken hätten sich bereits gebildet. Sie hätte gewollt, die unsichere Zeit wäre vorüber, Toni unterrichtete am Gymnasium und wie als Schüler käme er am Nachmittag nachhause. Sie würden gemeinsam essen, und er müsste dann vielleicht noch Schularbeiten korrigieren oder würde in die Werkstatt hinuntergehen. (S. 111)

Fasziniert von diesen Nachtszenen, diesen kompromisslosen Erinnerungsstücken, könnte man leicht übersehen, was Fanny quält: Der Durst in der Nacht, das Rascheln der Gummiauflage ihrer Matratze, all die Geräusche, die davon erzählen, wie alt und wie hilfsbedürftig, auch unkontrollierbar, ihr Körper geworden ist. Der Geist freilich, der ist frei. Dass Fanny auch Großmutter ist, dass es ihre Enkeltochter ist, die sie ermuntert, die Geschichten von früher, aber nicht die Märchen von früher, sondern das echte Damals zu erzählen, versteht man ab Romanbeginn und vergisst mit jeder von Fannys Nachtwachen mehr und mehr. Aber Fanny ist die Ahnin, die der Enkeltochter erzählt und uns Leser*innen nicht wegscheucht von ihrem Bett, aus ihrem Zimmer. Fanny atmet. Sie schaut aus dem Fenster.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Einsichten, Erinnerungen, Fanny täglich zu begegnen, in ihren Gedanken zu lesen, Rückblicke, starke Frauen, Kindheitsbilder, Ekel vor Posern, Liebe zu Menschen wie Fanny, Verständnis für die Fanny und ihr Schweigen.

Die Autorin: 1984 in Salzburg geboren, Studium der Germanistik, Gender Studies und Philosophie; sie lebt heute in Wien. Mit „Der Schädel von Madeleine“, war ihr erster Erzählband, für den vorliegenden Roman erhält sie heuer den Literaturpreis der Stadt Bremen. Ihre Diplomarbeit hat sie über den Salzburger Autor Walter Kappacher geschrieben.

Laura Freudenthaler:
Die Königin schweigt.
Roman.
Graz – Wien: Droschl 2017.
206 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“