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01-02/24

Eine Frau, eine Stimme

Eine Frau, eine Stimme
Foto: Sarah Katharina Photography

Harte Arbeit, großer Ehrgeiz und ein bisschen „Gottesgabe“: wie Elīna Garanča ihren Weg ging. Ein Rückblick auf die Covergeschichte der Ausgabe 01/02 2023.

Schon, wie sie die Tür ihrer Wohnung öffnet, hat etwas von einem Auftritt. Der selbstbewusste Schritt, die weiche Geste ihrer Hand, gepaart mit klaren Worten und starkem Blick. Elīna Garanča ist das, was man eine Persönlichkeit nennt. Sie bittet mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, während sie noch mit einer Gesangsschülerin arbeitet. Nur eine Schiebetür aus Milchglas und Holz trennt mich räumlich von Diva und jungem Talent. Während ich das Podcast- Set aufbaue, darf ich einer Lehrmeisterin lauschen, von der GesangsanwärterInnen vermutlich träumen. Mit klaren Worten führt sie ihre Schülerin an eine Melodie heran, erklärt ihr, wie und wo sie „aufmachen“ müsse, um den Tönen Raum zu geben. Hin- und hergerissen ist man zwischen Ehrfurcht ob dieser Leistung und dem Gefühl, dass hier eine Meisterin ihres Fachs einfach nur ihr hart erarbeitetes Wissen weitergibt.

Als Elīna Garanča endlich für unser Gespräch das gediegene Wohnzimmer betritt, schafft sie im Nu eine Atmosphäre auf Augenhöhe. Eine Kombination aus Nahbarkeit und rhetorischem Nachdruck ist zu spüren, der bedeutet, alles zu dürfen – außer zu trödeln. „Ich habe 25 Jahre nichts anderes getan, als mich mit meiner Stimme zu beschäftigen“, leitet die gebürtige Lettin unser Gesprächsthema ein. Dabei war es bei Weitem nicht offenkundig, dass die kleine Elīna den Weg in Richtung Kunst und vor allem in Richtung Bühne und Gesang einschlagen würde. Sie ist das Kind musikalischer Eltern: der Vater ein Chordirigent, die Mutter eine in Lettland äußerst bekannte Mezzosopranistin. In dem damals kommunistischen Land bildete der Bauernhof der Großeltern einen wirtschaftlichen und menschlich soliden Grundstock. An den Wochenenden und in den Ferien war das Anpacken somit von Kindesbeinen an eine Selbstverständlichkeit. „Der Bauernhof hat mich geprägt“, erklärt sie. „Meine Eltern und Großeltern haben mir gezeigt, was Arbeit ist und dass man Visionen braucht. Sie haben gesagt, tu alles, was du kannst, bis du an deinem stärksten Punkt angekommen bist, danach kannst du es genießen.“

Foto: Sarah Katharina Photography
„Hosenrollen waren okay, ich wollte nicht dauernd sterben wie die Soprane.“

Hosenrollen und große Opernhäuser

Harte Arbeit, großer Ehrgeiz und ein bisschen „Gottesgabe“ nennt Elīna Garanča die Erfolgszutaten ihrer Karriere, verrät auf Nachfrage jedoch, dass ihre geliebte Mutter ausgerechnet diejenige war, die ihr eine Gesangskarriere nicht zutraute oder zutrauen wollte. Warum sie trotzdem ihren Weg machte? „Wissen Sie, ich bin stur!“, sagt die 46-jährige Mutter zweier Kinder. Ihr Lachen am Ende des Satzes nimmt ein. Und weiter: „Die Stimme hat mir immer Spaß gemacht, ich konnte gut in Ensembles singen. Als ich wahrgenommen habe, dass da etwas geht, habe ich Blut geleckt. Mit 15, ich war ein junger, wilder Teenager, saß ich im Park und sagte mir: Eines Tages werde ich berühmt sein! Ich wusste, dass ich eine Stimme habe, aber nur mit Mikrofon. Whitney Houston war ein Vorbild.“

Doch auch dem Schicksal teilt sie eine Rolle zu: „ Viele Zufälle, die richtige Zeit vielleicht, richtige Menschen … mal braucht es einen Brad Pitt, dann einen Johnny Depp, ich hatte auch Glück, als Elīna Garanča gesehen zu werden.“ Die erste Gesangslehrerin war ihre Mutter. Noch während des Studiums an der Lettischen Musikakademie bot die Oper im thüringischen Meiningen Elīna Garanča ein festes Engagement an. Seit 2004 sang sie nur noch Hauptrollen, oft an den führenden Opernhäusern der Welt, darunter Covent Garden, Scala, Met.

Dass ein Mezzosopran bekanntlich oft mit einer Hosenrolle bedacht wird, störte die junge Elīna nicht: „Partien und Geschichten, die du singst, sind auch eine psychologische Bewältigung des eigenen Lebens. Hosenrollen waren okay, ich wollte nicht dauernd sterben wie all die Soprane … Ich war immer schon burschikos und habe lieber Hosen getragen, war mit den Jungs unterwegs. Ich wollte nicht immer wieder eine Frau spielen. In die Welt der Männer einzutauchen, war spannender, ich war dann mit Vergnügen der Mann, den ich vielleicht auch gerne gehabt hätte.“

„Du bist die Stimme, du wirst bewertet“

Immer im Rampenlicht zu stehen, ist im KünstlerInnenberuf Fluch wie Segen. Wurde damals auch einmal Kritik an Elīna Garanča laut, musste sie lernen, damit umzugehen. Der Preis für eine Karriere? „Wir Künstler sind Narzissten im positivsten Sinne. Wir wollen bewundert werden. Das ist ein starkes Gefühl, wenn alle an deinen Lippen hängen, wenn du als Unbekannte auf die Bühne gehst. Irgendwann gibt es aber auch Kritik, die deine Arbeit von einem halben Jahr einfach zerschlägt. Vielleicht warst du krank, vielleicht war der Dirigent nicht der Richtige, vielleicht hattest du einen schlechten Tag? Egal. Du bist die Stimme und du wirst bewertet.“

Und die Sängerin erklärt weiter: „Ich sage immer zu meinen Studentinnen: Wenn einer schlecht über dich schreibt, dann ist es egal. Wenn drei oder vier das Gleiche über dich schreiben, dann ist da was dran, dann musst du arbeiten. In meinem Fall habe ich die höchsten Erwartungen der Eltern und meine eigene Strenge immer als oberste Linie gesehen.“ Geduld sei in ihrem Prozess des Werdens niemals ihre Stärke gewesen, sagt sie: „Ich habe keine Geduld, das ist vielleicht meine schlechteste Eigenschaft. Ich schneide Brot schnell, ich schlage Eier schnell, und alle jagen hinterher, aber nicht, weil ich die Erste sein will, sondern weil ich einfach langsam nicht kann. Und auch beim Autofahren: Ich bin keine schnelle Autofahrerin, aber die anderen fahren so langsam!“

Dabei sei es immer das Wichtigste, ein Ziel vor Augen oder eine klare Vision zu haben: „Ich bedauere das sehr: Viele junge Menschen haben keine Vision mehr, was sie in 15 Jahren machen wollen. Aber mit 20 nicht zu wissen, wo man mit 30 sein möchte, ist schon sehr schade.“ Elīna Garanča war stets ganz anders. Gewonnene Gesangswettbewerbe, besondere Engagements an immer prestigeträchtigeren Opernhäusern sowie zahlreiche Preise säumen ihren Weg bis heute. 2013 wurde sie zur österreichischen Kammersängerin ernannt. Als ihren großen Durchbruch handelt man die Rolle der Carmen, in der sie in der Metropolitan Opera New York zu sehen und zu hören war, vor fast 4.000 ZuschauerInnen im Saal sowie weiteren 240.000 in den Kinos weltweit.

Plötzlich war die Stimme weg

Einen schweren Einschnitt ihres persönlichen Weges bildete 2015 der Abschied von ihrer Mutter Anita Garanča. „Physiologisch sind Lach- und Weinmuskel der gleiche, die Stimme und der Körper waren erschöpft, ich konnte damals nicht singen“, blickt die Sängerin zurück. „Ich wollte diese Zeit aber nicht einfach wegstecken, auch alle Freunde haben mir geraten, die Trauerzeit zu nehmen, damit es mich nicht später irgendwann einholt. Monate waren das. Erst als ich wieder die Muße hatte, mich von der Musik streicheln zu lassen, konnte ich wieder auf sie zugehen. Nur kurz nach dem Tod meiner Mutter war noch ein Stück zu singen, bei dem mein Gesangspartner mit offenen Augen starb. Genau wie meine Mutter. Das war schwer zu verschmerzen.“ Doch die Stimme kam zurück und mit ihr auch ein Mehr an Lebensweisheit und Abgeklärtheit, was die Lebensphasen einer Frau betrifft.

Konfrontiert man Elīna Garanča mit ihrer Beliebtheit beim Opernpublikum und ihrer Vorbildwirkung für Frauen, kontert sie gelassen: „Ich bin durch viele Perioden meines Lebens gegangen. Anfangs möchte man ein Idol sein, wenn die Kinder aber geboren sind, dann genießt man, dass es nicht mehr das Wichtigste auf der Welt ist, wie man aussieht. Erst jetzt verstehe ich, was ich alles bin und kann. Ich bin Mutter, ich bin erfolgreiche Künstlerin, ich bin natürlich älter, deshalb bin ich auch angekommen. Nach so vielen Jahren erfolgreicher Arbeit sehe ich: Ich bin gewachsen, meine Lebenserfahrung ist groß, ich kann mir als Privatmensch etwas leisten, auch eine Meinung. Ich sage entweder, was ich denke, oder ich schweige. Ich bin sehr geradeaus. Die Zeit ist mir zu schade, um drumherumzureden.“

Seit mehr als 20 Jahren ist die Mezzosopranistin mit ihrem Mann Karel Mark Chichon, einem britischen Dirigenten, verheiratet. Über ihre beiden Töchter Catherine Louise und Cristina Sophie Chichon sagt sie: „Eine meiner Töchter hat dieses Etwas der Bühnenmenschen, sodass man sie gerne ansieht. Ich weiß nicht, was sie daraus einmal machen wird. Aber ich möchte gar nicht, dass sie auf die Bühne geht.“ Um fremde junge Talente nimmt sie sich aber in ihrem Projekt „ Zukunftsstimmen“ gerne an. „Ich denke, ich habe das pädagogische Talent meiner Eltern geerbt, und ich möchte nicht, dass alles, was ich erlernt habe, irgendwann von dieser Welt verschwindet.“

„Vielseitig zu sein und viel zu können, ist unsere Gabe, aber nicht unsere Aufgabe.“
Foto: Sarah Katharina Photography

Botschaft an alle Frauen

Frauen will sie mitgeben, dass wir etwas Besonderes sind, aber dass wir uns nicht immer so todernst nehmen sollten. Und: „Vielseitig zu sein und viel zu können, ist unsere Gabe, aber nicht unsere Aufgabe.“

Podcastfolge mit Elīna Garanča

Hören Sie als lebendige Ergänzung zur Covergeschichte auch den Podcast: Sabine Kronberger im Gespräch mit Elīna Garanča über Stimme, Werdegang und Visionen.

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  • Veröffentlicht: 06.02.2024
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