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Buchempfehlung: „Das Flüstern der Feigenbäume“

Buchempfehlung: „Das Flüstern der Feigenbäume“

Elif Shafaks neuer Roman „Das Flüstern der Feigenbäume“ erzählt eine zyprische Romeo-und-Julia-Geschichte. Gewidmet hat die Wahl-Londonerin ihr Buch den „Immigranten und Exilanten überall auf der Welt“.

Insel der Erinnerungen

Der Feigenbaum, der in einem Garten in London, bangt, zu erfrieren, weiß, wie man erzählt: Die Feige erinnert sich an goldene Strände und den klaren Himmel, wenn sie an ihre Heimat Zypern denkt. Dort stand sie in der Taverne, sah deren Besitzer, zwei Männer, die ihre Liebe zueinander möglichst geheim zu halten hatten, sah die Gäste, die Stimmen und die Stimmungen. Elif Shafak verwebt die Erinnerungen dieses Migrations-Baumes – er wurde als dünner Ast in einem Koffer unter Wäschebergen von Zypern nach England geschmuggelt – mit den Erzählungen der Menschen, ihren Träumen und Sehnsüchten.

Es ist ein im kalten London vom Frost bedrohter Feigenbaum, der den Leserinnen und Leser die Geschichte Zyperns, die Geschichte zweier Liebender, die Geschichte von Treue und Verrat erzählt. Doch zu Beginn dieses Romans mit seinen zahlreichen Erzählsträngen, Rückblenden, inneren Monologen und geschichtlichen Bezügen, ist der Feigenbaum sorgenvoll, schließlich will ihn Kostas Kazantzakis , der ihn einst als kleinen Zweig von Zypern nach London schmuggelte, heute vergraben, um ihn zu retten. Kostas, der damals noch junge Grieche, hat die Liebe seines Lebens, die Türkin Define, stets in der Taverne namens „Die glückliche Feige“ heimlich getroffen: So lebten die beiden ihre große, unbeirrbare Liebe auf Zypern, jener Insel, die zwei Sprachen, zwei Schriften, zwei Gedächtnisse nie vereinen konnte.

„Eine Landkarte ist eine zweidimensionale Darstellung mit willkürlich gewählten Symbolen und eingezeichneten Linien, die darüber entscheiden, wer Feind und wer Freund ist, wer unsere Liebe, wer unseren Hass verdient und wer uns gleichgültig zu sein hat. Kartografie ist eine andere Bezeichnung für die Geschichten der Sieger. Für die Geschichten der Besiegten gibt es keine Kartografie.“
Seite 10

Während Kostas und die Feige im Garten Erinnerungen pflegen, wühlt der Geschichtsunterricht in der letzten Stunde vor Weihnachten, in dem es um Interviews mit Familienmitgliedern zum Thema Migration und Generationenwechsel geht, die 16-jährige Ada Kazantzakis so stark auf, dass sie laut wie anhaltend zu schreien beginnt. Wen soll sie fragen, jetzt, nach dem Tod der Mutter, dem Fehlen der Verwandten aus Zypern bei ihrer Beerdigung: Wer soll ihr von Zypern, den türkischen wie griechischen Großeltern, Onkeln und Tanten erzählen?

Tiefer und tiefer führt die Autorin in die politischen Umstände ein, lässt Define zu einer unermüdlichen und hartnäckigen Aufdeckerin, die im wahrsten Sinne in der Vergangenheit gräbt, werden: Familien, türkische wie griechische, sollen ihre ermordeten Männer, Töchter und Söhne endlich bestatten und betrauern können. Ada, die ihre Mutter noch immer schmerzlich vermisst, erfährt beim Besuch ihrer Tante Meryem, der Schwester Defines, mehr darüber, wie sich ihre Eltern kennen- und lieben lernten, sich von einander trennten und einander schließlich wieder begegneten: Die politischen Ereignisse haben Kostas und Define geprägt, daran konnte auch ihre neue Heimat London nichts ändern. Ada versteht sich, ihr Schreien während des Unterrichts, mit jedem Gespräch mit Meryem besser: Wo laut geschwiegen und verschwiegen wird, muss die nächste Generation laut schreien!

Was Sie verpassen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen:

Das Innenleben einer Feige, Gedanken über Heimat, Migration, Krieg, Zwiespalt, Gewalt, Liebe, Impulse zur Kraft des Erzählens, Mosaiksteinchen über Aberglauben, Schrulligkeiten, Geschichtsbewusstsein und Hartnäckigkeit, eine große Geschichte, die sich sehr bescheiden anlässt und Seite um Seite politischer wird.

Die Autorin Elif Shafak

ist 1971 in Straßburg als Tochter einer Diplomatin – deren Vornamen Safak die Autorin zu ihrem Pseudonym wählte – und eines Soziologieprofessors geboren, ist ein mehrfach ausgezeichnete türkisch-britische Autorin, deren Werke in über 40 Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt mir ihrer Familie im Großraum London, sie hat vor Jahren Istanbul verlassen.

Elif Shafak
Das Flüstern der Feigenbäume
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger.
Kein & Aber Verlag 2021.
495 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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