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Ein wenig Ostern …

Wir haben unsere Leserinnen eingeladen, ihre Erfahrungen, Erlebnisse oder Bilder unter dem Motto „Was ich gerade jetzt schätze“ mit uns zu teilen.

Ich geh am Ostersonntag, wie fast jedes Jahr, am Morgen den Kreuzweg zum Tannberg hinauf. Die Sonne ist schon aufgegangen. Ich bin zu spät wach geworden. Egal. Es tut gut, in Stille diesen Weg zu gehen. Vielleicht ist es Maria Magdalena damals auch so gegangen. Sie ist diesen letzten Weg Jesus nachgegangen, weil sie es nicht glauben konnte, dass er nicht mehr lebt. Meine Gedanken kommen und gehen betend. Dazwischen höre ich die Vögel besonders laut singen. Aufgeblühte Sträucher säumen meinen Weg. Ein riesengroßes Kreuz am Ende des Weges, oben am Tannberg.
Ich öffne die Glastür der Kapelle. Lasse sie offenstehen, die Sonne scheint herein und wärmt den kleinen Raum.
Ich nehme Platz. Liebevoll geschmückter kleiner Raum. Berührt lasse ich das große Ostergesteck auf mich wirken. Gelb und weiß, strahlend schön. Davor die Osterkerze. 2020.
Meine Tränen brechen hervor. 2020.
Dieses Jahr 2020, erst so kurz, hatte schon so viel in mein Herz gelegt. Bilder schieben sich in meine Gedanken. Meine Magdalena, die tränenüberströmt im Krankenhausbett liegt nach dem Notkaiserschnitt. Ich drücke sie und weine mit ihr – glühende Tränen. Die kleine Frieda, die nur vier Tage lebte. Herr Gott, ein Tod am Kreuz mitten in unserer Familie!
Ein Hadern, ein Zweifeln, aber irgendwann auch ein Vertrauen, dass das Richtige geschieht.  Frieda, gesegnet von ihren Eltern. Theresa schimpfend, dass es unfair ist, keine große Schwester mehr zu sein. Träume tief begraben.
Auferstehung? Aus diesem Leid auferstehen? Jeden Tag ein Versuch. Tränen der Hilflosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, der Enttäuschung, der Wut, der Ungerechtigkeit, der Verzweiflung bedecken mein Gesicht.

Meine Mutter im Altenheim, darf nicht besucht werden. Sie steigt in diesem Moment in meine Gedanken. Es tut mir so leid, dass ich nicht bei ihr sein kann. Der Schmerz drängt in Tränen an die Oberfläche. Wird sie mich noch erkennen, wenn ich nach zwei Monaten wieder einmal zu ihr darf? Darf ich da überhaupt schon? Wird sie bis dorthin überleben? Sterben am Kreuz? Allein? Ich habe ihr versprochen, dass ich bei ihr sein werde, wenn sie stirbt. Sie will nicht allein sterben. Kannst du das wenigsten jetzt für mich tun, Herr Gott? Sie leben lassen, bis wir alle wieder vereint sind um sie. Sie vergisst alles. Ist das nicht zurzeit ihre Auferstehung, dass sie nicht mehr weiß, ob ich heute da war oder nicht? Ich brauche das Aufstehen aus diesem Leid. Heute ist mir das nicht möglich, aber vielleicht in einem Monat.
Am Samstag hat sie Geburtstag. Sie muss ihn allein feiern. Vielleicht mit den MitbewohnerInnen, dem Pflegepersonal. Geburtstag feiern war ihr immer so wichtig. In der Großfamilie zusammenhalten. Alleinsein ist das Schrecklichste für meine sudetendeutsche Mutter. Vertrieben, allein zurückgelassen von ihrer Familie. Gut gemeint, dass wenigstens eine nicht Hunger leiden muss in dieser ungewissen Zukunft, der ihre Eltern zustreben mussten.

Meine Tränen fließen unaufhörlich.
Ein längst eingetretener Mann singt: Der Stein ist weg …
Eine Verheißung auch für mich? Noch ist er da, der Stein. Tonnenschwer.
Er singt weiter, ich wische mir meine Tränen immer wieder von meinen Wangen. Er verlässt irgendwann die Kapelle.
Ich sitze allein mit meinen Schmerzen, meinen Tränen, meinen Bildern.
Plötzlich spüre ich die Sonne in meinem Rücken: „Ich stärke deinen Rücken“ – fällt in meine Gedanken. Du stärkst mir meinen Rücken? „Ich stärke dir deinen Rücken.“
Diese Zusage ist warm spürbar, erlebbar, fühlbar. Erfüllt mich.
„Ich stärke dir deinen Rücken.“ Streicht wie Balsam über meinen Rücken.
Die Tränen versiegen allmählich. Ein Gefühl der Geborgenheit hüllt mich ein.
Der Stein ist noch da, aber er verschließt den Eingang nicht mehr.
Ein wenig Auferstehung ist geschenkt.

Foto: AdobeStock

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