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Die stille Welt der tiefen Wasser

Schüchternheit ist eine stille Pein. Ein Versuch, sich zu überwinden. Eine Sehnsucht. In einer Welt, die den Lauten und Extrovertierten den Vorzug gibt, fragt kaum einer, was in den scheuen Menschen vor sich geht.

Die Lehrerin prüft das Einmaleins, sie will die Antworten „wie aus der Pistole geschossen“. Ihr Finger wandert durch die Reihen und zeigt schließlich auf ­Elisabeth. „Du, wie viel ist fünf mal sechs?“ Elisabeth weiß die Antwort eigentlich, aber jetzt, wo alle zu ihr hinschauen, kann sie nicht denken. Sie hat Angst, etwas Falsches zu sagen. Sie schweigt, doch in ihr drinnen ist es ganz laut. „Die Autorität von Erwachsenen hat mich eingeschüchtert“, erinnert sich ­Elisabeth M.*, die heute 48 Jahre alt ist. Als Kind war sie extrem schüchtern. Und obwohl sie sich damit zutiefst allein gefühlt hat, war sie es nicht.

VON KLEIN AUF SCHÜCHTERN
„Letztlich ist einer schüchtern, wenn er glaubt, es zu sein“, stellte der Sozialpsychologe Philip ­Zimbardo in den 1970er-Jahren fest. Laut Angaben der ­„Shyness Clinic“, einer Einrichtung in ­Kalifornien, die „soziale Fitness-Trainings“ anbietet, empfinden etwa 80 Prozent der Menschen Angst in gewissen sozialen Situationen. Eine Rede halten, auf einer Feier Small Talk führen, beim Rendezvous gut ankommen – das bringt nicht nur Schüchterne ins Schwitzen. Als Kleinkinder waren wir alle einmal schüchtern. Mit vier bis acht Monaten beginnt das sogenannte „Fremdeln“, dann fürchtet sich das Kind vor der Tante, dem Cousin und anderen wenig vertrauten Personen. Dieses Fremdeln ist wichtig für den Aufbau fester Bindungen, denn es lehrt, zwischen „Freund“ und „Feind“ zu unterscheiden. Diese Phase geht vorbei. Manche Kinder aber bleiben schüchtern bis ins Erwachsenenleben.

DER ERSTE SCHRITT
Schüchterne sehnen sich nach Verbundenheit und blockieren sich doch oft selbst dabei. Bei der Partnersuche kann das zur Herausforderung werden. „Es wird erwartet, dass der Mann den ersten Schritt macht. Frauen ziehen oft gar nicht in Erwägung, mit der Kontaktaufnahme anzufangen“, findet ­Matthias G.* Er ist Student und Hobbymusiker. Sobald er singt, tritt die Schüchternheit in den Hintergrund, aber wenn er eine Frau trifft, die ihm gefällt, fehlen ihm die Worte. Auch Philipp S.*, der als Installateur arbeitet, kennt das Problem. Wenn er in einer Bar eine attraktive Frau sieht, steht er oft wie versteinert da. Er grübelt, wie er ein Gespräch anfangen soll, und wagt es am Ende doch nicht. „Ich habe Angst, dass sie sagt: ‚Lass mich in Ruhe.‘“

SCHLUSS MIT SCHÜCHTERNHEIT
„Schüchternheit kann sich hinter den vorgegebenen Rollenbildern verbergen“, erklärt die Psychologin Margarete Eisner. Wenn Frauen zurückhaltend sind, entsprechen sie eher dem Klischee des passiven Weiblichen. Schüchterne Männer kommen beim Flirten in Konflikt mit dem Rollenbild des aktiven Mannes. Unabhängig davon lastet auf Schüchternen beider Geschlechter ein Druck von außen. Elisabeth M. klagt: „Heutzutage muss man ständig präsent sein. Das Bild nach außen zählt immer mehr, egal, was dahinterliegt.“

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

„Freunden Sie sich mit Ihrer Schüchternheit an“

Margarete Eisner, Psychologin in Berlin, erklärt, ab wann sich schüchterne Menschen Sorgen machen sollten und warum Schüchternheit auch eine Tugend sein kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Über Schüchternheit“ auch von den positiven Seiten der Schüchternheit. Was ist gut daran, schüchtern zu sein?
Margarete Eisner:
Schüchterne Menschen beobachten sich selbst und andere oft sehr genau. Dabei überlegen sie immer wieder, wie sie leben möchten, und können sich dadurch ständig ­weiterentwickeln.

Trotzdem wünschen sich schüchterne Menschen oft, ihre Schüchternheit zu überwinden. Woher kommt dieser Wunsch?
Viele schüchterne Menschen spüren ihre Befangenheit „wie ein Gefängnis im Kopf“ (Sozialpsychologe Philip Zimbardo; Anmerkung). Als seien sie Wächter und Gefangener zugleich. Sie trauen sich nicht, ihren inneren Bedürfnissen und Wünschen zu folgen, und verachten sich oft gleichzeitig dafür.

Ab wann wird Schüchternheit krankhaft?
Wenn sie das Leben stark einschränkt. Das kann bis hin zu vollständiger sozialer Isolierung führen, weil man den Vergleich mit anderen Menschen nicht mehr aushält. Das nennt man „soziale Phobie“. Dahinter steht meist ein sehr niedriges Selbstwertgefühl.

Man sagt, Freddie Mercury sei extrem schüchtern gewesen. Wieso merkt man manchen Menschen ihre Schüchternheit nicht an?
Für KünstlerInnen ist die Bühne oft der einzige geschützte Raum, in dem sie sich ganz bei sich fühlen. Wenn man in eine Rolle schlüpft, hat man die Möglichkeit, sich zu zeigen und sich zugleich dahinter zu verbergen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Alter und Schüchternheit?
Nein. Schüchternheit bildet sich in der Kindheit. Sie kann sich im Laufe des Lebens durch soziale Bindungen mildern, aber vor unbekannten Lebenssituationen wird sie sich wahrscheinlich immer neu melden.

Viele Bücher über Schüchternheit sind Ratgeber. Haben auch Sie einen Rat für Schüchterne?
Freunden Sie sich mit Ihrer Schüchternheit an und lassen Sie sich von ihr nicht abhalten, sich für Ihre Träume einzusetzen. Stehen Sie mutig zu sich, mit all Ihren Möglichkeiten und Sehnsüchten.

Margarete Eisner: Über Schüchternheit.
Tiefenpsychologische und anthropologische Aspekte.
V&R unipress, 29,90 Euro

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