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Die Schwierigkeit des Nichtstuns

Samstagabend ist normalerweise die Zeit für Verabredungen zum Essen, Cocktailtrinken und Partymachen. Heute mache ich nichts, und das ist gar nicht so einfach.

Jedes Wochenende ist irgendetwas los. Jemand hat Geburtstag, es gibt ein Straßen- oder Stadtteilfest, ich gehe mit den Freundinnen essen und/oder Cocktailtrinken oder wir fahren aufs Land und genießen wieder einmal Mamas fabelhafte Kochkünste. Wanderungen, Radausflüge und der ein oder andere Kurztrip waren immer dabei, vor allem jetzt im Frühling. Derzeit reise ich höchstens nach Balkonien. Statt Meeresrauschen höre ich den Rasenmäher oder wahlweise den Staubsauger des Nachbarn. Statt Sand an den Füßen spüre ich Pollen in der Nase. Hatschi! Jetzt könnte ich frustriert sein und darüber jammern, dass ich niemanden treffen und mit keinem feiern darf. Das beschäftigt ja auch irgendwie. Und macht Spaß. Aber ich setze mich lieber gemütlich auf unsere Lounge und lasse die Sonnenstrahlen meine Füße umspielen. Neben mir wartet ein Schmöker, der schon lange gelesen werden will. Aber ich schlage das Buch nicht auf, sondern schaue hinauf in den Himmel. Keine einzige Wolke zu sehen. Ich atme ein, ich atme aus. Prompt meldet sich die innere Hausfrau. Habe ich nicht noch etwas zu tun? Die Küche gehört aufgeräumt, das Badezimmer geputzt, und eigentlich müsste ich auch wieder mal staubsaugen. Wie viel saubere Wäsche habe ich eigentlich noch? Und was koche ich heute? Die Aufgabenliste für das Wochenende scheint unendlich lange. Meine innere Hausfrau gibt keine Ruhe, bis alles erledigt ist. Doch heute will ich sie zum Schweigen bringen. „Chill deine Basis“, wie die Jugendlichen von heute sagen. (Sagen sie das überhaupt noch?) Doch sie will nicht. „Steh jetzt auf und mach etwas Produktives“, sagt sie. „Aber schau, der Himmel ist so schön blau. Und die Bäume leuchten in den verschiedensten Grüntönen!“, erwidere ich und zeige hinauf. Sie rollt mit den Augen. „Bist du ein Hans-guck-in-die-Luft? Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“, rügt sie mich und versucht, mich zurück in die Wohnung zu scheuchen. Stur bleibe ich sitzen und frage mich, wann ich verlernt habe, zu faulenzen. Ohne schlechtes Gewissen einfach mal nichts zu tun. Schon vor der Coronakrise fiel mir das unglaublich schwer. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, diese Fähigkeit zurückzuholen und ein Ritual daraus zu machen. Ein Gläschen Wein, leise Musik und zuschauen, wie die Sonne untergeht. Einatmen, ausatmen, sein. Und alles andere sein lassen. „Na gut“, gibt die innere Hausfrau nach, „aber morgen …“ Ich drehe die Musik lauter bis ich sie nicht mehr höre und nippe an meinem Wein. Morgen wird erst morgen sein.

Lisa-Maria Langhofer

lässt sich gerne inspirieren von guten Büchern, schlechten Filmen (manchmal auch umgekehrt), den Menschen, der Natur und dem Regen & denkt vor dem Einschlafen noch gerne an drei gute Dinge, die heute passiert sind.

Foto: privat

Foto: AdobeStock

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