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10/22

Buchempfehlung: „Die Königsbraut. Das fremde Kind“

Buchempfehlung: „Die Königsbraut. Das fremde Kind“

Wenn die geniale Nora Gomringer, Lyrikerin, Perfomerin und Kolumnistin das Vorwort zu den genialen Kunstmärchen E. T. A. Hoffmanns, die von Sophie Reiher mehr als nur „nacherzählt“ werden, schreibt, ist man etwas Großem auf der Spur: Kunstmärchen, Poesie, Verwirrspiel und Faszination.

Discokugel im Spiegelkabinett

In der Märchenwelt, im Volks- wie im Kunstmärchen, ist ja immer schon viel möglich gewesen. E. T. A. Hoffmann versteht diese magische Welt detailreich auszugestalten, lässt die zwei Kinder Herrmann und Adelgunde an der Hand ihrer feinen Eltern auftauchen: Selbst die Geschenke dieser feinen Leute taugen nichts, das haben die beiden Landkinder Felix und Christlieb schnell herausgefunden. Als die beiden dem „fremden Kind“ begegnen, beginnt das Spiel der Verwirrung und Verzerrung. Die Geschwister werden sich darüber nicht einig, wie das fremde Kind, mit dem sie gern spielen, wirklich ist. Kindliche Phantasie, strenge Erziehung von Kindern versus Aufwachsen in Freiheit und in der Natur prallen hier aufeinander und liefern den Stoff, aus dem die Kunstmärchen sind.

Auch im Märchen „Die Königsbraut“ begegnen einem aufregende, geheimnisvolle wie seltsame Charaktere: Hier sind es Anna von Zabelthau und ihr Zukünftiger, Amandus von Nebelstern. Dass der Gemüsekönig Daucus Carota mitmischt, will das junge Glück zerstören. Anna von Zabelthau, Ännchen genannt, findet einen auf eine Karotte gesteckten Ring im Gemüseacker. Dass sich Ännchen Tag für Tag stärker in eine Rübe verwandelt, dass nur mit der Kraft der Liebe der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden kann, davon erzählt E. T. A. Hoffmann in sechs Kapiteln, nie wird hier das bewusste Konstruieren des Textes verschwiegen. Im Gegensatz zu vielen Volksmärchen, kommt dieses Kunstmärchen mit vier Personen aus, deren Entwicklung die Handlung bestimmt. Die ebenfalls bewusst erzeugte Komik trägt ebenfalls zum Lesevergnügen bei: Die Parodie auf den Weisen, den Gelehrten, der doch nur ein tölpeliger Scharlatan ist, verheißt großes Lesevergnügen.

Sophia Reyer

Die Autorin, die die zwei Kunstmärchen von E. T. A. Hoffmann neu erzählt: 1984 in Wien geboren, promovierte Philosophin, arbeitet am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, komponiert Musik, schreibt Drehbücher, Lyrik und Prosa; 2021 wurde sie für ihren Roman „1431“ für den Österreichischen Buchpreis nominiert.

E. T. A. Hoffmann: 1776 in Königsberg geboren, 1822 in Berlin gestorben, zählt zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern der Romantik. Er war zudem Jurist, Komponist, Kapellmeister, Karikaturist. Seine bekanntesten Werke sind „Die Serapionsbrüder“ (1819/1821), darin auch enthalten „Die Bergwerke zu Falun“, „Nußknacker und Mausekönig“, „Das fremde Kind“, „Die Königsbraut“ sowie u. a. „Das Fräulein von Scuderi“.

Die Königsbraut. Das fremde Kind.
Erzählt von Sophie Reyer,
illustriert von Poul Dohle.
Herder Verlag 2022.
ISBN 978-3-451-03371-1

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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