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03/24

„Die Hoffnung hilft uns zu leben“

„Die Hoffnung hilft uns zu leben“
Foto: Shutterstock

Der russische Angriffskrieg hat geflüchtete ukrainische Frauen vor vielfältige Herausforderungen gestellt. In Österreich stellt die Integration am Arbeitsmarkt für sie dabei die größte Hürde dar. Wie sieht es in anderen Zufluchtsländern aus? Ein Lokalaugenschein aus Warschau

„Wir können uns im Ukraine-Hub in Warschau heute Nachmittag für ein Interview treffen“, schreibt Anna Bobanych aus Lviv in einer Facebookgruppe, „dort habe ich auch eine Betreuung für meinen Sohn.“ Die 40-Jährige ist eine von rund einer Million Geflüchteten aus der Ukraine, die nach der russischen Invasion in Polen Zuflucht gefunden haben. Die große Solidarität der polnischen Bevölkerung gilt in Europa als beispiellos.

Ukrainische Frauen sind mit Kindern in den überwiegenden Fällen allein gekommen und stehen so nun vor besonderen Herausforderungen. Ein großer Teil der Kommunikation in der polnischen Diaspora findet auf Social-Media-Plattformen statt, wo sich Frauen in Facebookgruppen wie „Ukrainische Mama in Warschau“ oder „Ukrainerin in Warschau“ etwa zu Themen der Integration in Polen austauschen. Hier habe ich auch Anna kennengelernt, die als Psychologin bei einer humanitären Organisation in der polnischen Hauptstadt arbeitet und bei einer Hilfshotline den in der Heimat verbliebenen Ukrainerinnen und Ukrainern hilft.

Entscheidender Faktor Sprache

Nach einer geglückten Flucht ist für erwerbstätige Frauen die Beschäftigung am Arbeitsmarkt ein erster Schritt zur Integration. Sprachkompetenz und die Anerkennung der Ausbildungen sind hierbei entscheidende Faktoren. Dass sich das in vielen Fällen als schwierig erweisen kann, bestätigt auch eine erst 2023 durchgeführte Onlineumfrage des Österreichischen Integrationsfonds: Von rund 1.000 befragten Frauen aus der Ukraine gab knapp die Hälfte an, dass ihre Erwerbstätigkeit in Österreich nicht ihrer Qualifikation entspreche, 56 Prozent sind 2023 immer noch auf Arbeitssuche. Während der Großteil von ihnen noch nicht die ausreichenden Deutschkenntnisse hat, um am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, müssen bei 30 Prozent auch Kinder in ihrer Unterkunft betreut werden. Kann es nun in einem Nachbarland der Ukraine, wie etwa Polen, leichter sein? Schließlich ist das Polnische dem Ukrainischen als ebenfalls slawische Sprache ähnlich, was Spracherwerb und Verständnis zumindest erleichtert.

„Es gibt ein bestehendes stereotypes Bild einer ukrainischen Frau in der polnischen Gesellschaft, nämlich als Haushaltshilfe, Abwäscherin oder Hilfsarbeiterin.“

Viele Westukrainerinnen und Westukrainer emigrieren seit Jahrzehnten für bessere Arbeitsaussichten ins EU-Land Polen. Arina Shadiy, eine ukrainischstämmige Mitarbeiterin der Stiftung „Polnisches Migrationsforum“ in Warschau, gibt Auskunft. Sie ist bereits 2017 von Lviv nach Warschau gezogen und hilft hier geflüchteten Frauen bei der Jobsuche. Sie sieht die Situation jedoch nicht so positiv und führt dafür mehrere Gründe an: Es mache einen Unterschied, ob eine Frau aus der Westukraine oder aus der Ostukraine komme, da die Westregion auch historisch näher an Polen liege, die Ostregion näher an Russland. „Da gibt es auch kulturelle Unterschiede.“ Für eine Frau aus Lviv sei es leichter, in Polen eine Arbeit zu finden, doch wie soll sich eine Frau aus einer östlichen Stadt wie Donetzk zurechtfinden? Auch gebe es ein bestehendes stereotypes Bild einer ukrainischen Frau in der polnischen Gesellschaft, nämlich als Haushaltshilfe, Abwäscherin oder Hilfsarbeiterin. Die „gläserne Decke“, die auch in der polnischen Gesellschaft bestehe, mache es für sie zusätzlich schwer, sich trotz höherer Bildung am polnischen Arbeitsmarkt zu behaupten. „Wie lange will sie bleiben? Welche Arbeit kann ich ihr geben, sollte sie doch in die Ukraine zurückkehren?“ sind Fragen, die sich polnische Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber stellen, bevor es zu einer Anstellung kommt.

Da viele Frauen mit Kindern allein gekommen sind, müssen sie sich auch um deren Betreuung kümmern. Bereits bei der Anmeldung im Kindergarten muss eine Mutter vorweisen, dass sie einen Arbeitsplatz hat. Ist das Kind schulpflichtig, ergibt sich ein anderes Problem, denn die Unterrichtszeiten des polnischen Schulsystems können stark variieren, sodass sie sich nur schwer mit den eigenen Bürozeiten oder Arbeitszeiten in der Gastronomie vereinbaren lassen. Eine Fremdbetreuung der Kinder könne sich nicht jede Frau leisten und wenn doch, dann bestehe ihr Alltag hauptsächlich aus Arbeit, die Freizeit komme zu kurz und fürs Erlernen der polnischen Sprache als für den Arbeitsmarkt wichtiger Schlüsselkompetenz bleibe kaum bis gar keine Zeit.

Zu billigen Arbeitskräften mutiert

Anna aus Lviv formuliert ihre Ansichten noch drastischer: „Für uns Ukrainerinnen geht es weiterhin ums Überleben, auch ums finanzielle Überleben, denn die Hälfte meines Gehalts gebe ich für die Miete meiner Unterkunft aus.“ Nachdem sie ihre Heimatstadt verlassen hatte, wurde sie mit ihrem 10-jährigen Sohn von einer kanadischen Familie in Warschau aufgenommen. Zwei Wochen später hatte sie glücklicherweise schon ein Vorstellungsgespräch, das ihr von FreundInnen vermittelt wurde. Dass sie bereits ein wenig Polnisch konnte, war ein Vorteil, doch in ihrem alten Arbeitsumfeld, dem Marketing, kann sie in Polen nicht Fuß fassen. „Dafür fehlen mir die Kenntnisse, um beispielsweise auf Polnisch einen Text zu verfassen oder um Kontakte mit polnischen Kundinnen und Kunden aufzubauen. Den Beruf, von dem ich zu Studienbeginn in der Ukraine träumte, kann ich hier nicht mehr ausführen.“ Eine Anerkennung ihrer Ausbildung sei in Polen langwierig und manchmal auch gar nicht möglich. Nach dem Marketing-Studium hat sie noch eine Ausbildung als Psychologin absolviert, doch auch in diesem Beruf könne sie in Warschau nicht in der gleichen Position arbeiten wie die Einheimischen. „Ich kenne die Mentalität der Leute hier nicht. Wie soll ich ihnen dann helfen können? Wir sind zu billigen Arbeitskräften geworden“, stellt Anna bitter fest. 

Viele Ukrainerinnen leiden unter Depressionen, berichtet sie, unter anderem, weil sie sich am Arbeitsmarkt nicht einbringen können. Viele seien zusätzlich von der Flucht ausgebrannt und hätten kaum Kraft, einer Arbeit nachzugehen. Es gebe auch wenige Möglichkeiten der Kinderbetreuung, denn FreundInnen und Familie, die helfen könnten, sind in der Ukraine geblieben oder haben das Land ebenso verlassen und leben nun woanders. Nun müssen neue Freundschaften unter den Müttern geschlossen werden, um einander zu helfen, die Nachfrage ist groß, wie die Anzahl der Gruppen auf Facebook zeigt. Sie tauschen sich über ukrainische Kinderbücher aus, suchen nach Plätzen in Kindergärten oder bitten um Empfehlungen für einen Physiotherapeuten, der Ukrainisch spricht. 

Hoffen für die Kinder

Vielen Menschen in Österreich, die Ukrainerinnen und ihre Kinder aufgenommen haben oder bei der Integration helfen, fällt eines auf: die Stärke der ukrainischen Frauen. Das beweist auch Anna, wenn man sie fragt, ob denn diese Krise auch eine Chance bedeuten kann. Sie lacht, und ihr Blick strahlt trotz der schwierigen Lebensumstände Hoffnung aus: „Ich bin so stolz auf meinen Sohn. Er ist mental ein anderer als nach unserer Ankunft in Warschau. Er findet neue Freunde, er lernt eine neue Sprache, und er besucht viele tolle Angebote für Kinder in seinem Alter. Das ist eine Motivation für mich als Mutter, arbeiten zu gehen. Ich möchte ihm eine andere Welt zeigen und ihm eine gute Lebensqualität ermöglichen. Er kann den Schulunterricht auch online besuchen, und ich habe die Möglichkeit, ebenso online zu arbeiten. Ich hätte große Lust, nun noch mehr Länder kennenzulernen. Für mich ist meine Situation zur Chance geworden.“

Foto: Eurotours

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Projekts „eurotours“ 2023 entstanden und wurde aus Bundesmitteln finanziert.

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  • Veröffentlicht: 25.10.2023
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