Welt der Frauen Umfrage
Schön, dass Sie unsere Website besuchen! Wir sind Ihnen sehr dankbar, wenn Sie folgende Frage beantworten: Wie sind Sie auf unsere Website gelangt?
trennlinie
Bitte eine Antwort abgeben!
Bitte Zusatzfeld ausfüllen!
Danke für Ihre Teilnahme!

03

19

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Die Frau, die 23 Menschen gerettet hat

Anna Rohrhofer war ein junges Mädchen, als der Zweite Weltkrieg gerade in seine mörderische Endphase kam. Als es darum ging, ungarische Juden vor dem sicheren Tod zu retten, zögerte sie keinen Moment. Eine Geschichte über Courage und den Glauben.

Ihre Schwester Maria, mit 18 Jahren ein Jahr älter als Anna, traf die Entscheidung in Sekundenschnelle: „Wir verstecken sie!“ Vor ihr stand Bürgermeister Leitner aus St. Michael, einem kleinen Ort im niederösterreichischen Alpenvorland. Der Nazi Leitner hatte ihr – wir befinden uns in der zweiten Aprilhälfte 1945 – soeben einen Brief vorgelesen. Der ordnete an, dass die 23 ungarischen Juden, die sich am Hof der Schwestern aufhielten, umgehend vom sogenannten Volkssturm zu erschießen seien. Wir verstecken sie? Der Bürgermeister stockte: „Dann bin ich fällig!“ – „Dann versteckst du dich eben auch! Es kann sich nur mehr um wenige Wochen, vielleicht nur um Tage drehen“, kam als Antwort prompt retour. Der Bürgermeister wandte sich um und ging. Er tauchte erst nach Kriegsende am 8. Mai 1945 wieder auf. Maria und Anna Schmid wussten, was zu tun war. Oberhalb ihres Elternhauses, der Bogenmühle, hatten sie mithilfe der jüdischen Zwangsarbeiter schon im Frühjahr einen Bunker ausgehoben. Die Idee dazu hatte Gabor Weinberger, der Sprecher der Gruppe. Weil sich die russischen Truppen näherten, drohte eine weitere Deportation nach Mauthausen. Man ahnte, dass es in der Endphase des Krieges nötig werden könnte, im wahrsten Sinn des Wortes unterzutauchen.

Acht Meter lang, zwei Meter breit, zweieinhalb Meter tief, mit Hölzern, die für den Bau einer Wehr vorgesehen waren, nach oben gut abgesichert, mit Erde, Pflanzen und Laub bedeckt, streckte sich der Bunker in eine tiefe Rille zwischen zwei Gräben. Die schmalen Luftschlitze waren mit freiem Auge nicht erkennbar. Im Schutz der Dämmerung zog die Gruppe in das unwirtliche Lager ein. Einer Frau, die laut aufschrie, hielt ein anderer der Schutzsuchenden den Mund zu. Ein paar Bretter waren nun Schlafstatt und Sitzplatz, Milch und Kartoffeln wanderten mit in das finstere, feuchte Erdloch. Maria und Anna verschlossen den Bunker von außen und gingen durch die Nacht zurück zum Elternhaus. Diesen Weg nahmen sie nun jeden Tag, besser gesagt jede Nacht. Mehrere Wochen lang. Am Ende des Krieges öffnete sich der Bunker, und alle waren gerettet. Die Ironie der Geschichte: Noch am selben Tag versteckten sich Anna, Maria und einige junge Mädchen aus der Nachbarschaft im unwirtlichen Verlies. Denn die Russen waren da.

ARBEITSKRÄFTE FÜR DEN WEHRBAU
Anna Rohrhofer, so heißt sie seit ihrer Heirat 1947, sitzt in der Stube ihres Hauses und blättert in ihren Unterlagen. Auf einem Zettel sind alle Namen der geretteten Juden verzeichnet. „Ich weiß es aber auch so, weil ich mich genau erinnere, wer in welchem Bett gelegen ist“, erzählt sie. Oberhalb der Stube waren die jüdischen Gäste untergebracht. 15 in der Mehlstube – das Ehepaar Kertesz, Herr Gönczi und Herr Kahlmann, das Ehepaar Fränkel, Frau Schwarcz, das Ehepaar Grüner mit Tochter, Frau Miklosne und Frau Kellner, Frau Kraus, Frau Zezone und der Sprecher der Gruppe Gabor Weinberger –, Joszfine Rosenberg mit vier Kindern am Gang und die Doktorfamilie Gerö in einer kleinen Kammer. Im Juli 1944 war Bürgermeister Leitner mit seinem Lastwagen bei der Bogenmühle vorgefahren und hatte sie alle dort abgeladen. Sie waren nicht ganz, was Familie Schmid sich erwartet hatte. Bei der Mühle war seit Jahren die Wehr kaputt. Täglich mussten Hunderte Liter Wasser in Eimern zum Hof gebracht werden, um Tiere und Menschen zu versorgen. Die Männer des Ortes waren zum Kriegsdienst eingerückt, die Frauen am Hof überfordert. Sie suchten Unterstützung. Bürgermeister Leitner hatte angeboten, seine guten Kontakte zur Nazi-Obrigkeit zu nützen und Hilfskräfte für den Bau herbeizuschaffen. Täglich wurden damals Juden aus Ungarn in Waggons in das nahe St. ­Valentin gebracht. Von dort sollten sie entweder in den Steinbruch von Mauthausen oder zu Zwangsarbeiten aller Art in der Region transportiert werden. Die festgenommenen Menschen waren in Ungarn schon vorselektiert worden. Alte, Kranke, Frauen und Kinder wurden in die Waggons Richtung Auschwitz getrieben, Arbeitsfähige verfrachtete man Richtung Westen. Am Verschubbahnhof Wien, das haben Recherchen von HistorikerInnen ergeben, passierte dann der Irrtum. Die Juden, die nun vor der Bogenmühle standen, wurden versehentlich Richtung St. Valentin geschickt, ihr Ziel wäre Auschwitz gewesen.

MEHR GEBEN, ALS ERLAUBT IST
Bei Familie Schmid wurden sie trotzdem aufgenommen. Die meisten waren keine körperliche Arbeit gewöhnt oder zu alt und krank dafür. Trotzdem begann man mit dem Bau der Wehr. Einmal in der Woche zog Maria Schmid mit zwei jüdischen Mädchen zum Einkauf für alle aus. Die Lebensmittelrationen waren so knapp, dass sie mit dem Erlaubten hätten Hunger leiden müssen. „Sie haben von uns jeden Tag fünf Liter Milch und Erdäpfel bekommen, vom Gemüseacker konnten sie sich alles nehmen, was sie wollten“, erinnert sich Anna Rohrhofer. Das war allerdings streng verboten, denn auch Gemüse musste abgeliefert werden. Diese Eigenmächtigkeit der Schmid-Frauen hätte für eine Bestrafung gereicht. Aber auch manche Nachbarn brachten Lebensmittel vorbei, sogar der Nazi-Bürgermeister hinterließ einen Sack getrocknete Erbsen. Das lag vielleicht auch am Geschick von Gabor Weinberger, der als Jupo (Judenpolizist) für die Gruppe verantwortlich war und sich auf gute Kontakte verstand. Diese konnte man brauchen, als es um Leben und Tod ging. Der Bunker wurde auf dem Grund und mit Wissen des Nachbarn errichtet, ein anderer Nachbar schickte später einen SS-Trupp, der die versteckten Juden suchte, in die Irre.

Mehr dazu und ein Interview mit Anna Rohrhofer finden Sie in der Printausgabe.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Seit vielen Jahren engagiert sich Josefa Maurer in ihrer Heimatgemeinde St. Peter in Niederösterreich für eine gerechtere Welt. Ein besonderes Anliegen ist es ihr auch, den Zusammenhang von sozialer Ungerechtigkeit und Krieg bewusst zu machen. Ihr religiöses Engagement spielt dabei eine zentrale Rolle. Im vorigen Jahr schrieb sie an die Redaktion: „Ich kenne da eine besondere Frau, Anna Rohrhofer. Interessiert euch das?“ Ja, tut es.

Die Bogenmühle der Familie Rohrhofer liegt zwischen St. Peter in der Au und St. Michael im niederösterreichischen Alpenvorland. In einem Graben oberhalb des Hofes hatten die ­Töchter mit den Zwangsarbeitern im Frühling 1945 einen Bunker gebaut. In ihm suchten zuerst die ungarischen Juden vor den Nazis und dann die ­Frauen vor den russischen Soldaten Schutz.

Anna Rohrhofer hat ein Verzeichnis der ungarischen Zwangsarbeiter angelegt. Vor allem Frauen und Kinder sowie ältere Menschen waren im Haus untergebracht. Für sie bedeutete es die Rettung vor der Ermordung in Auschwitz. Der Kontakt zu den Familien ist nach 1945 leider abgerissen.

Die 91-jährige Anna Rohrhofer lebt mit ihrer Familie in der Bogenmühle in St. Peter in der Au. Sie hat vier Kinder, 13 Enkel, 19 Urenkel und drei Ururenkel.