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Des Osttirolers Gespür für Schnee

Die Dramen sind gleich da. Denn es ist ein Drama, wenn der Fernseher – es läuft „Grey‘s Anatomy“ – vom Waschbeckenrand in die Badewanne fällt und die Geliebte tötet. Schlimmer noch, wenn Ruben doch über das Kabel gestolpert ist, der Fernsehapparat zu seiner badenden Frau kippte. Unfassbar, nein, auch unglaublich, dass so etwas passiert. Nicht, wenn „Grey‘s Anatomy“, dieses dynamsiche Ärzteserie läuft, in der alle immer Leben retten. So erzählt der in Osttirol aufgewachsene Fotograf und Autor Bernhard Aichner sich von Katastrophe zu Katastrophe, man schlägt, wie Valentin, der, der doch längst hätte die Leitungen verlegen sollen, die Hände vors Gesicht. Suza, die im Blindenverband arbeitet, die über das Leben in der Dunkelheit nachdenkt: Ob Blinde spüren, wenn man unehrlich zu ihnen ist? Sie alle, die Aichner hier porträtiert, haben ihre eigene Dunkelheit und ihre Schattengeschichten: Da wird einer fett vor dem Fernseher, frisst sich die Fettschürze so richtig an und beschließt, abzunehmen, Polizist zu werden und sich einen Bart wachsen zu lassen. Ja, einen Bart, das geht vielleicht am leichtesten für den sechsunddreißigjährigen Walter, der zuerst Maurer, dann Türsteher und dann Polizist war. Fußball hat er in der Jugend gespielt, das ist lange her.

Wer im Auto sitzt, wer eine Bergstraße bezwingt, wer in einen Tunnel einfährt, dem und der sieht man diese inneren Katastrophen nicht an. Alles so normal. Da greift der Autor ein, lässt die Fahrzeuge aufeinanderprallen, würfelt Menschen, Körper und Schicksale durcheinander. Der, der die Maut kassiert hat, war der einzige, der ihnen auch ins Gesicht gesehen hat und sich so seine Gedanken machen konnte. Ein Lastwagen reißt das Mauthäuschen weg, versperrt schließlich den Tunnelingang. Drinnen schreit eine Frau. Suza? Wer hier getötet wurde, durch diesen Unfall, die und der denkt und fühlt weiter, das ermöglicht der Erzähler und dann ist es völlig normal.

„Einen Tag später lag er auf der Bahre des Bestatters. Sie hatten ihm das Gesicht gewaschen, seine Haut wieder in Ordnung gebracht, halbwegs. Tod durch Unfall stand in der Sterbeurkunde. Sie zogen ihn aus dem Wagen, stellten seinen Tod fest und brachten ihn weg. Ihn und Maurice. Eine Cousine organisierte die Beerdigung, nur eine kleine Gruppe von Menschen stand auf dem Friedhof.“

Es gibt hier ein Drinnen und ein Draußen: Drinnen findet die Katastrophe, das Unglück statt, draußen fällt Schnee. Walters Drinnen hat aber auch nie mit dem Draußen übereingestimmt: Schnee, weiß und unschuldig. Im Tunnel passt die Finsternis gut zur Verzweiflung der Unfallopfer, die gerade noch genügend Zeit für unnötige Streitigkeiten hatten. Ruben und Suza finden sich im Tunnel, dazwischen Maurice, tot. Dann die Sirene, dann ein Rettungswagen. Sie waren nie hier drinnen gewesen, Suza rollt ihren Koffer aus dem Tunnel. Wer Bernhard Aichner Max-Broll-Krimis kennt, wird diesen neu im Haymonverlag erschienenen Roman genießen, wer ihn bereits beim Erscheinen 2009 im Skarabäus-Verlag gelesen hat, vielleicht auch gern nochmals lesen.

 

Bernhard Aichner:
Schnee kommt. Roman.
Haymon 2014.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“