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Der Zeitladen, Teil 2

Vor Kurzem habe ich mir Zeit gekauft. Zu meinem Lieblingsprodukt ist „Auszeit von Corona“ geworden, Vollrausch inklusive.

„Auszeit von Corona“ in einem Fünf-Liter-Fass und je ein Briefchen „Urlaubszeit mit Extra-Sonnenstunden“ sowie „Familienzeit“ und „Zeit für Freunde“ – das habe ich mir vor Kurzem in dem neu eröffneten Zeitladen um die Ecke gekauft. Der schrullige Verkäufer hatte nicht unrecht, „Auszeit von Corona“ macht tatsächlich süchtig. Entgegen seiner Anweisung habe ich es nicht nur gelegentlich inhaliert, sondern fast täglich geschnupft. In Wasser aufgelöst und wie Limonade getrunken. Vor dem Frühstück, zum Mittagessen und am Wochenende statt des üblichen Gläschen Weins eingenommen. Der Vorrat sollte eigentlich locker für ein Jahr reichen, doch irgendwie habe ich bereits ein Drittel davon verbraucht. Das Problem ist, dass die Wirkung nur etwa eine Stunde anhält, das heißt, man muss ständig „nachladen“. Wenn ich das Mittel intus habe, laufe ich freudestrahlend durch die Straßen, umarme Menschen ebenso wie Straßenlaternen und trage dabei natürlich keine Maske. Ich muss mir 60 Minuten lang keine Gedanken über eine Ansteckung machen, egal in welche Richtung. Ich zahle im Supermarkt mit Bargeld, ignoriere in der Apotheke den Babyelefanten und kuschle mich im Wirtshaus dicht an die anderen Gäste. Das Begrüßungsküsschen wird intensiv zelebriert und wenn ich über einen Witz lache, ist es mir schnurzpiepegal, ob ich dabei spucke.

Der Stoff ist klasse, doch langsam überlege ich mir, ob ich nicht einen Gang zurückschalten sollte. Nicht wenige Experten reden von einer möglichen zweiten Coronawelle. Das „Auszeit“-Fässchen war nicht ganz billig, wenn ich es jetzt schon verbrauche, habe ich später nichts mehr. Und wenn die Nachfrage in etwa so steigt wie jene nach Klopapier, dann gute Nacht. Ich entscheide mich, den Trip zu beenden und auf Entzug zu gehen. Oder, genauer gesagt, werde ich mir eine Tablette „Urlaubszeit mit Extra-Sonnenstunden“ einwerfen und mich auf die Malediven träumen. Oder nach Kroatien. Oder doch an die Algarve nach Portugal? Mal sehen. Vielleicht wird es eine Rundreise durch Neuseeland. Eine Tablette reicht für eine Woche, da geht sich schon einiges aus. Dann habe ich immer noch „Familienzeit“ und „Zeit für Freunde“ – das sollte mir wichtiger sein als ein ständiger Rausch, der mich kurzfristig von dem Virus erlöst. Die beiden Briefchen sind zwar nur Proben, aber gerade deshalb werde ich sie in vollen Zügen genießen. Und vielleicht demnächst wieder einen Abstecher zum Zeitladen machen, um mir mehr davon zu besorgen. Egal, wie viel es kostet.

Lisa-Maria Langhofer

lässt sich gerne inspirieren von guten Büchern, schlechten Filmen (manchmal auch umgekehrt), den Menschen, der Natur und dem Regen & denkt vor dem Einschlafen noch gerne an drei gute Dinge, die heute passiert sind.

Foto: privat

Foto: iStock

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