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Der Engel mit der roten Nase

Die Zeit zieht sich wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Der Ausnahmezustand ist zum Alltag geworden, obwohl ich mich nach wie vor dagegen wehre. Was ich jetzt bräuchte, ist eine Perspektive. Jemand soll mir sagen, wann der Spuk ein Ende hat.

„Hallo“, sagt der Engel. Endlich taucht er wieder auf. Ich hatte ihn schon vermisst. Irgendwie hatte ich gedacht, in einer Krise stünde er verlässlicher parat. „Wo warst du?“, frage ich missmutig. „Mal hier, mal da“, sagt er und lächelt breit. Er trägt eine rote Nase. „Wenn das eine Maske sein soll, trägst du sie falsch“, bemerke ich spitz. Die Tage, an deren Ende ich schlecht gelaunt bin, mehren sich. Mir fehlt die Perspektive. Insgeheim hoffe ich, der Engel ist gekommen, um mir einen verlässlichen Fahrplan für die Zukunft zu bringen. „Hab ich nicht“, sagt er. Damit scheint das Thema für ihn beendet zu sein. Er zeigt auf die rote Nase. „Aber die hab’ ich.“ Ich runzle die Stirn, weil ich das unpassend finde. In Zeiten wie diesen geht es um Leben oder Tod oder mindestens um Gesund- oder Kranksein. Leute bangen um ihre Existenz und andere um die Fußballbundesliga. Familien schrammen in engen Drei-Zimmer-Wohnungen ohne Balkon knapp am Wahnsinn vorbei. Das alles ist gar nicht lustig. „Nein“, sagt der Engel. „Darum ja. Darum spielen wir ein Spiel. Es ist ganz einfach. Ich schenke dir etwas, und du musst dich freuen.“ Ich erkläre ihm, dass man sich nicht auf Knopfdruck freuen kann. „Im Spiel schon. Im Spiel ist alles möglich.“
„Und wenn du mir eine faule Banane schenkst? Soll ich mich dann etwa darüber freuen?“ „Ja, genau! Jetzt hast du’s verstanden. Du denkst dir aus, warum du dich über eine faule Banane freust. Warum sie ein wunderbares Geschenk ist. Also?“
„Ich mag keine Bananen“, sage ich. Er strahlt mich an. „Siehst du? Gut, dass sie faul ist. So brauchst du sie nicht zu essen!“
Er wendet sich zum Gehen. „He“, rufe ich, „und was soll das bringen?“
„Das, meine Liebe“, lächelt er, bevor er verschwindet, „findest du allein raus!“

Susanne Niemeyer

lässt sich gerne inspirieren von Pippi Langstrumpf und der polnischen Dichterin Wisława Szymborska. Vor dem Einschlafen denkt sie an etwas Schönes, denn irgendwas – da ist sie sicher – gibt es immer.

www.freudenwort.de

Foto: privat

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