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„Das ist schon ein Wunder“

Liese Scheiderbauer überlebte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester das KZ Theresienstadt. Über ihre Vergangenheit hat sie nie viel geredet, heutige politische Entwicklungen rufen bei ihr Entsetzen hervor.

Dass wichtige Entscheidungen ihres ­Lebens mit ihren Erfahrungen zu tun haben, die sie als Kind im Konzentrationslager Theresienstadt machen musste, gesteht sich Liese Scheiderbauer, geboren 1936 in Wien, erst jetzt ein. Ihre erste wissentliche Erinnerung hat sie an ihren Vater Paul Pollak, sie war damals drei Jahre alt. „Mein Vater kam aus Buchenwald zurück. An diesen Moment kann ich mich gut erinnern: dass er einen rasierten Kopf hatte, ganz dünn und wahnsinnig verschreckt war.“ Per Schiff wollte er von Genua aus an einen Ort reisen, an dem Juden Sicherheit versprochen wurde: Schanghai. Aber man ist Betrügern aufgesessen, das Schiff gab es gar nicht. Pollak wurde in Italien interniert und von dort im April 1944 nach Auschwitz deportiert. „Mein Vater hat Buchenwald und Auschwitz überlebt. Wir, meine Mama, meine Schwester Helga und ich, haben Theresienstadt überlebt. Das ist schon ein Wunder.“

STÄNDIGER HUNGER
Sie kann sich noch an eine große Kaserne erinnern, wo die kleine Familie am Anfang untergebracht war: auf dem Dachboden in drei Stockbetten. Ihre Mutter musste arbeiten, sie blieb allein und fand irgendwo Zündhölzer. „Da hab ich gezündelt. Dann wurde beschlossen, ich komme ins Kinderheim. Dort war ich dann zwei Jahre.“

Eine bleibende Erinnerung ist auch das ständige Hungerfühl. „Ich habe manchmal geweint vor Hunger.“ Zwei Monate bevor sie mit ihrer Mutter und Schwester nach Theresienstadt gekommen ist, war dort die zuvor deportierte Großmutter gestorben. „Sie ist verhungert.“ Ihre sieben Jahre ältere Schwester Helga, die in der Landwirtschaft gearbeitet hat, erinnere sie heute noch daran, dass sie damals sogar rohe geschälte Zuckerrüben gegessen habe. „Weil man einfach alles gegessen hat, was man bekommen hat.“

Die Rote Armee hat das Lager am 8. Mai 1945 befreit, dann gab es Lastwagen voller Graupen, über die Scheiderbauer noch heute mit erkennbarem Ekel spricht. Dass es im Lager zu wenig zu essen gab, sah man ihnen nach der Befreiung an: Ihre Mutter habe damals nur noch 46 Kilo gewogen. Sie selbst habe die gleiche Kleidung wie drei Jahre davor bei ihrer Ankunft in Theresienstadt getragen, weil sie ohnehin nicht gewachsen ist. In Wien hat sie dann mit neun Jahren ihren Vater zum ersten Mal „so richtig gesehen“, aber: „Er hat mir nicht gefallen. Rein äußerlich. Er war klein und verhungert, er hat gezittert. Das war nicht der Held, von dem meine Mama erzählt hat.“

ERSTER SCHULBESUCH
Außerdem gab es ein anderes Ereignis, mit dem die damals Neunjährige ganz und gar nicht einverstanden war: „Kaum war ich in Wien, haben sie mich in die Schule gesteckt. Das hat mir auch nicht gefallen“, erzählt sie lachend. Das Mädchen, das noch nie zuvor eine Schule besucht hat, kam gleich in die für sie altermäßig passende dritte Klasse Volksschule. Aber schon als Kind wollte sie nur eines: tanzen. Später hat sie die Schule abgebrochen, eine Akademie besucht und sich auch beruflich für das Tanzen entschieden. „Das Glück für meine Seele war, dass ich nach Theresienstadt getanzt habe. Ich bin mit neun oder zehn Jahren in eine Gemeinschaft gekommen, wo Religion nichts gegolten hat, sondern wie hoch du deine Beine schmeißen kannst.“ In der Familie ist über die Erlebnisse in der Zeit zwischen 1938 und 1945 nicht viel gesprochen worden. „Meine Eltern haben gesagt: ,Es muss niemand wissen, wie deine Vergangenheit war.‘ Das habe ich zur Kenntnis genommen. Ich habe nicht darüber geredet.“

NICHT DARÜBER REDEN
Auch während ihrer Zeit in der Akademie hat Scheiderbauer nie über ihr Schicksal gesprochen. Als sie nach Salzburg engagiert wurde, habe ihr die Ballettmeisterin gesagt: „‚Es muss niemand wissen, dass du eine Jüdin bist.‘ Meine Reaktion war: ,Na gut, dann sag ich es nicht.‘“ Damals habe sie nichts gesagt und viele Jahre später auch nicht. „Ich habe absolut nicht jüdisch ausgeschaut. Ich habe Wienerisch gesprochen. Ich habe bis zu den 90er-Jahren nicht daran gedacht. Ich habe nicht daran denken wollen. So etwas kann man ausschalten“, erklärt sie ihr Verhalten heute. Das aktuelle politische Geschehen verfolgt sie mit Interesse, aber mit wachsendem Entsetzen.

HEUTE GEHT ES GEGEN ANDERE
„Es ist absolut furchtbar und schrecklich. Angesichts der jetzigen Regierung in Österreich bin ich froh, dass ich schon 82 Jahre alt bin und bei klarem Verstand das Ende dessen, was absehbar ist, nicht mehr erlebe.“ Ob sie glaube, dass so etwas wie eine Judenverfolgung noch einmal passiert? „Ich glaube nicht, dass es in Österreich noch einmal eine Judenverfolgung gibt. Weil es zu wenige sind. Heute geht es gegen andere.“

Noch Wochen später beschäftigt Liese Scheiderbauer eine Begegnung, die sich vor Kurzem bei einem Einkauf mitten in Wien zugetragen hat. Sie schildert, wie ein kleines, dunkelhaariges Mädchen zu einer Musik, die aus einem Geschäft drang, getanzt habe. „Ich bin stehengeblieben und habe gesagt: ,Das ist entzückend!‘ Ein Mann, so um die 60 Jahre, mit Bierbauch und mit einer Frau am Arm mit Kostüm und hohen Absätzen, sagt zu dem Kind: ,Ab mit dir auf den Mistplatz und verbrennen!‘ Ich habe ihn gefragt: ,Was haben Sie da gesagt?‘ Er wiederholte das auch noch und seine Frau nickte mit dem Kopf.“ Sie habe sich dann geweigert, mit den beiden den gleichen Aufzug zu benutzen. „Mehr ist mir in dem Augenblick leider nicht eingefallen. So weit ist es schon, dass man Kinder wieder verbrennen will.“

Das Glück für meine Seele war, dass ich nach Theresienstadt getanzt habe
Liese Scheiderbauer

Der Text ist gekürzt entnommen aus:

Alexandra Föderl-Schmid, Konrad Rufus Müller:
Unfassbare Wunder
Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel
Böhlau Verlag, 36,00 Euro

Buchvorstellung: Mai, 19 Uhr, Haus der Geschichte
Neue Burg, Heldenplatz, 1010 Wien

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