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Das Gute wird zum Bösen und das Böse zum Guten

Da stöckelt Cindy in ihre Gesangsstunde bei Yvona und bringt deren Kater Wolfgang Amadeus, von der Gesangslehrerin Yvona, Sopran, liebevoll Wolferl genannt, Leckerli mit. Damit er nicht immer jault, wenn die hoch begabte Cindy singt. „Cindy lernt singen und erlebt ein Wunder“, so der Titel des ersten Kapitels dieses Romans, der sarkastisch-hintergründig die Beschaulichkeit eines berühmten Chors aufmischt. Damit kein Irrtum aufkommt: Cindy ist die Abkürzung für Lucinda, nicht für Cinderella! Cindy singt, der Kater rührt sich nicht, Cindy bekommt derweil einen Strafzettel: Wolfgang Amadeus kann die Katzen-Snacks nicht mehr genießen, er hat seine sieben Leben verbraucht. So kommt der Roman in Gang, von Kater Wolfgang schwenkt die Autorin zu Wolfgang G. Hochreither, einem Egomanen erster Klasse: Er hält den Chorus in Schwung, wählt aus, wer ihn bei seinen ambitionierten Projekten begleiten darf und wer draußen ist. Hochreither wird als wabbliger Sandalenträger hinter dem Flügel gezeichnet, seine wulstigen Lippen wollen und werden später auch noch Cindy belästigen, sprich küssen. Die Hierarchie im Chorus ist klar: Hochreither ist oben, alle anderen sind unten, Demütigungen gibt es reichlich wie gratis.

Seit Cindy im Chorus aufgenommen ist, muss sie ihre Arbeit in der Anwaltskanzlei gut einteilen, denn Hochreither duldet kein Fehlen im freiwilligen Gesang, Cindys Chef hat das schon zu verstehen und ihre Kolleginnen erst recht. Es ist auch kein Zufall, dass Sopran-Cindy in ihrer kleinen Wohnung, in die sie mit ihren letzten Ersparnissen ein WC einbauen ließ, ihr Notebook aufklappt und „Stockholm-Syndrom“ in Google sucht: Diesen Begriff hat ihre einzige Chor-Freundin Aurelia gemurmelt, irgendwie klingt das recht griffig! Dass die 1960 in Linz geborene Autorin ihre LeserInnen ebenfalls an dieser Definition teilhaben lässt, hilft, den Kontext des Romans, seine Absicht noch deutlicher zu sehen: Wie reagieren sensible Menschen, KünstlerInnen, auf Willkür? Keine materielle Abhängigkeit, keine Entführung liegt hier vor, nur das Treffen im Chorus, die Aufführungen, manchmal vor großem Publikum.

„Weil wir, lieber Wolf, nicht wussten, wann du geruhen würdest einzutreffen und jeden Augenblick mit deinem Erscheinen rechnen konnten oder mussten. Hätte Leo oder Matteo sagen können, aber Leo oder Matteo sagen nichts dergleichen. Und auch die vierzig anderen, die seit etwa zehn Minuten auf den Beginn der kurzfristig vorverlegten Probe warten, gehorsam im Doppelhalbkreis aufgesetzt, ziehen es vor, den Mund zu halten.

Und da sind schließlich auch noch Hochreither Wulstlippen, seine schleimigen Umarmungen, sein unmäßiger Alkoholkonsum. Ja, er muss nach einer Verkehrskontrolle seinen Führerschein abgeben, aber das vertraut er nur seinen engsten Unterdrückten an: Wer wird ihn in Hinkunft chauffieren? Ja, er kann aus gesundheitlichen Gründen, Knieprobleme, momentan nicht selbst fahren.

Da treibt die Handlung auch schon auf die Vernichtung Hochreithers zu, seine Frau verlässt die Villa, es reicht, zu viele Affären, zu viele Lügen. Subtil wählt Gruber die Kapitelüberschriften, was aufs Erste an die Romane Christine Nöstlingers erinnert, die ebenfalls gezielt die Kapitelüberschriften in Richtung „Einserschüler, dämlich, alles bereits im Titel gesagt“ wählt. So steht Kapitel 24, Streich 24 sozusagen, unter dem Titel: „Es kommt immer alles raus und so auch in diesem Fall“. Das Happy-End für Aurelia, Cindy und den Allesretter Emil mag man ja auch nicht so recht glauben, aber da der Roman damit aus ist, tut man es halt. Oder auch nicht, schließlich leidet man ja selber nicht am Stockholm-Syndrom und glaubt den AutorInnen wirklich alles! Wohl gesetzter Sarkasmus, treffsichere Skizzierung kaputter Menschen, Alltagsszenen, die wir alle täglich wahrnehmen könnten, wenn wir hinschauten oder –hörten. Fazit: In diesem Chor ist nichts wie im Himmel, Chöre sind keine Paradiese und SängerInnen keine Engel.

 

Sabine M. Gruber:
Chorprobe. Roman.
Wien: Picus 2014.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“