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Buchempfehlung: Die Wahrheit der anderen

Alles ist eine Erzählung

Das Foto entstand eher durch Zufall: Die junge Frau stolpert, sie trägt einen blauen Seidenschal, an ihrer Schläfe klebt Blut. Der Ich-Erzähler, ein junger, wenig erfolgreicher Journalist, der Wien eigentlich verlassen will, landet mit diesem Handy-Foto der Demonstration einen Treffer. Jetzt muss er dranbleiben, über die Flüchtlinge, die hier demonstrierten, berichten. Nein, nicht berichten, er muss etwas erzählen, egal, ob es die junge Frau will oder nicht. Die Wahrheit verändert sich, der Schal der jungen Frau war doch nicht blau? Oder war er grün? Oder wo liegt die Wahrheit? Wer erzählt sie?

Veena Shahida ist weitgehend unbekannt, sie hat Asyl beantragt und will in den Medien nicht zu einem Opfer stilisiert werden. Sie will ihre Ruhe und sie will Asyl. Dabei unterstützt sie Birgit Toth, eine schwer kranke Anwältin. Dass der junge Journalist mit seinem Handy-Foto ausgerechnet sie zum Opfer von Polizeigewalt stilisiert, empört sie: Nein, ein Opfer ist sie nicht, will sie nicht sein, mit den Demonstranten am Minoritenplatz hat sie nichts zu tun. Kirchenasyl, Rechtsstaatlichkeit, Tabletten mit Nebenwirkungen – daraus entstehen Szenen, die alle um die Wahrheit kreisen. Nahezu verbissen auf der Suche nach der Wahrheit um sich selbst kreisen. Nichts ist, wie es scheint. Die Anwältin ist nicht verwirrt, sie ist krank, sie will ihre Mandantin retten, nicht verfolgen. Und ja, sie führt intensive Gespräche mit ihrem verstorbenen Mentor, aber wer braucht das nicht? Auch der Ich-Erzähler Uwe Tinnermans, Sohn aus reichem Hause, redet mit seinem Mentor, Chefredakteur Brandt, der seine besten Artikel und wohl auch Zeiten schon lange hinter sich gelassen hat, zynisch über Internet bzw. Twitter befindet, aber noch immer weiß, wenn es eine gute Story zu erzählen gibt, die Wahrheit ist biegsam, der junge Journalist Uwe ist es wohl auch.

Die Dialoge sind kurz, das Erzähltempo rasant, die Protagonisten eilen durch Wien, in der Kirche versammeln sich die protestierenden Flüchtlinge, der Pfarrer sichert Unterstützung zu. Toth will ihre Wahrheit verstanden wissen und taucht in der Redaktion auf.

Dieses Mädchen da, das ist nicht meine Mandantin. Sie erzählen in Ihrer Zeitung von einer kämpferischen Jungfrau, mit flammendem Schwert für eine gerechtere Sache und so weiter. Von einer, die sich nicht unterkriegen lässt, die stark ist, die ihren armen Leidensgenossen hilft. Ich erzähle in meinem Verfahren von einem Hascherl. Das passt nicht zusammen. Meine Geschichte ist anders und meine ist wichtiger.

Veena Shahida wird abgeschoben, der Hungerstreik in der Kirche, die Eskalation der jungen Pakistani schließlich beendet. Man will für Ruhe sorgen, für Ordnung, für Klarheit. Und ja, jener Asif-Khan, dessen Tod der Auslöser der Demonstration war, war doch schlicht und einfach betrunken gewesen. Mit zu viel Alkohol im Blut ist er aus dem Fenster gefallen, ein bedauerlicher Unfall! Ja, so war es. So wahr dem Pressesprecher des Innenministeriums und den Polizisten irgendein Gott doch helfen möge.

Für die paar Figuren, die noch dort sind, finden wir schon eine Lösung, ein gutes Ende. Vielleicht lassen wir sie aber noch ein wenig, wo sie sind. Viellicht sind sie ja noch brauchbar. Bis zu den Wahlen im Herbst ist es ja nicht mehr weit.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen

Gedankenexperimente, Ironie in feinen Dosen, Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Realitäten u. a. im Asylrecht und -gesetz, Voyeurismus, Ethik und Journalismus, Narzissmus, Versagen und ja, es geht um Geflüchtete und Abschiebungen.

Der Autor Daniel Zipfel

1983 in Freiburg im Breisgau geboren, lebt und arbeitet in Wien als Autor und Jurist in der Asylrechtsberatung, zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u. a. 2015 für sein Romandebüt „Eine Handvoll Rosinen“ die Buchprämie der Stadt Wien und des Bundeskanzleramts Österreich.

Daniel Zipfel:
Die Wahrheit der anderen.
Roman.
Kremayr & Scheriau 2020.
224 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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