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Frauenhass: Wer stoppt die Täter, Christina Clemm?

Frauenhass: Wer stoppt die Täter, Christina Clemm?
Foto: Alena Schmick
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  • Veröffentlicht: 02.10.2023
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Seit fast 30 Jahren kämpft Anwältin Christina Clemm für Opfer sexistischer und rassistischer Gewalt. Ihr Buch zeigt: Gewalt gegen Frauen hat System.

„Gegen Frauenhass“ – das ist ein deutlicher Titel und ein hartes Wort. Wie würden Sie Frauenhass definieren?

Unser Leben durchzieht die starke Prägung einer binären Geschlechterwelt, in der die Idee vorherrscht, dass Frauen den Männern in bestimmten Bereichen unterlegen sind. Die erste Ausprägung dieser – nennen wir sie Ideologie – ist Sexismus, also die Zuschreibung von Merkmalen aufgrund des Geschlechts, etwa dass Frauen emotionaler seien als Männer, besser Sorge tragen und Männer diejenigen seien, die nach außen gehen, die schlauer und wirkmächtiger sind. Das ist die Basis. Der Frauenhass gründet auf Sexismus, ist dann aber dessen aggressive Durchsetzung. Es ist eine Durchsetzung, die sich in vielen Kleinigkeiten ausdrückt und in ihrer radikalen Endform sogar bis hin zu körperlicher oder sexualisierter Gewalt geht, bis hin zur Tötung von Frauen.

Warum bringen Männer ihre Frauen, Ex-Partnerinnen um?

Oft, weil sie es nicht ertragen können, dass die Frauen sie verlassen haben oder nicht das tun, was sie wollen. Und das ist aus ihrer Sicht die angemessenere Reaktion: sie zu töten, sie nicht leben zu lassen, wenn sie keine Verfügungsgewalt über sie haben.

„Männer können diese Taten begehen, weil niemand sie stoppt.“

Oft wird gesagt, dass Gewalt gegen Frauen ein Problem männlicher Impulskontrolle sei. Sie selbst halten nichts von diesem Argument und auch nichts vom Begriff Familiendrama. Warum?

Auch im maximalen Fall, bei Femiziden ist es in der Regel nicht so, dass sie in einer akuten Situation aus dem Affekt heraus geschehen. Meist gibt es da schon eine lange Vorgeschichte der Misshandlungen und Gewalt, sodass Männer dann, wenn noch ein weiterer Auslöser hinzukommt, die Mordtat wirklich vollenden. Das Irritierende ist, dass eigentlich die Emotionalität dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wird, aber da sollen es die Männer sein, die ihre Gefühle nicht im Griff haben. Man sieht diesen Widerspruch derzeit ja ganz wunderbar beim Thema „Spanischer Fußballverband“: Der Präsident kann im Überschwang der Freude über den Sieg der Frauen-WM seine Gefühle nicht kontrollieren, sodass er eine der Spielerinnen erniedrigt, indem er sie festhält und öffentlich gegen ihren Willen auf den Mund küsst. Dasselbe würde ihm bei einem männlichen Fußballer selbstverständlich nicht passieren. Es ist absurd, da von fehlender Impulskontrolle auszugehen. Er dachte offensichtlich, dass er es sich herausnehmen kann.

Eine Ihrer Thesen im Buch lautet: Gewalt gegen Frauen – oder wie Sie betonen: als Frauen gelesene Personen – ist keine Privatsache, sie beruht auf einem System, das solche Taten sozusagen stützt. Warum ist diese Gewalt möglich?

Wenn in Deutschland kurz vor dem 25. November die aktuellen Zahlen zu geschlechtsbezogener Gewalt herauskommen, sind alle immer furchtbar erschrocken und erschüttert. Aber das ändert nichts: Männer können diese Taten begehen, weil niemand sie stoppt. Weil niemand tatsächlich die erforderlichen Maßnahmen dagegen ergreift. Weil es offenbar auch für die Täter eher hinnehmbar ist, vielleicht bestraft, manchmal auch erheblich bestraft zu werden, als auszuhalten, dass sie verlassen worden sind. Und weil sie in der Regel wissen, dass die Taten oft für sie folgenlos bleiben. Und auch das ist ein Problem: Alle in unseren Umfeldern kennen Opfer von Gewalt. Irgendwie hat jede schon einmal gehört, dass eine Verwandte, eine Freundin, eine Bekannte betroffen ist oder war. Neulich erzählte mir eine Bekannte, dass eine Frau, mit der sie als Mädchen gemeinsam in der Kita war, umgebracht worden sei. Also wir alle kennen irgendwie jemanden. Aber eigenartig: Die Täter kennt niemand. Es wird totgeschwiegen, dass es die natürlich ganz genauso in unserem Bekanntenkreis gibt. Aber die Täter kommen nicht vor, sie werden weggeschwiegen.

„Alle, wirklich alle Frauen können betroffen sein. Und alle, wirklich alle Männer können Täter sein“, heißt es in Ihrem Buch. Das widerspricht dem allgemeinen Vorurteil, dass körperliche Gewalt eher in unteren Schichten stattfindet.

Die Täter entstammen allen Herkünften, aus allen sozialen Schichten, und man kann nicht sagen, es gebe eine bestimmte Gruppe, die ihre Frauen eher misshandelt. Nur ist die Gewalt an bestimmten Stellen sichtbarer. So sind zum Beispiel die Frauenhäuser überdurchschnittlich hoch mit migrantischen Frauen belegt. Das liegt aber nicht daran, dass sie häufiger Opfer von geschlechtsbezogener Gewalt sind, sondern dass sie weniger Ausweichmöglichkeit haben als Frauen, die im Land selbst aufgewachsen sind und ein größeres soziales Umfeld haben, womöglich auch die finanziellen Mittel haben, um nicht in ein Frauenhaus fliehen zu müssen. Auch bei den Femiziden lässt sich statistisch nicht nachweisen, dass sie überdurchschnittlich oft von Männern aus bestimmten sogenannten Kulturkreisen begangen werden.

„Der Begriff „Ehrenmord“ transportiert eine kulturelle Vorstellung und dient nur dazu, das Problem wegzuschieben: Täter sind die anderen, die Fremden.“

Sie halten daher auch den Begriff „Ehrenmord“ für fragwürdig.

Der Begriff ist rassistisch konnotiert. Wenn man in diesem Kontext den Ausdruck „Ehre“ überhaupt plausibel findet – aber was soll das eigentlich sein? –, müsste man ihn auch für den weißen europäischen Mann verwenden, denn auch der handelt ja aus einem Gefühl der verletzten Ehre heraus, weil seine Frau ihn verlassen hat, weil sie, sein „Besitz“, einfach macht, was sie will. Der Begriff „Ehrenmord“ transportiert aber eine kulturelle Vorstellung und dient nur dazu, das Problem wegzuschieben: Täter sind die anderen, die Fremden. Ich will das nicht verharmlosen: Wenn größere soziale Gruppen es richtig finden oder legitimieren, Frauen zu töten, müssen wir genau hingucken. Dafür brauchen wir aber keinen Begriff wie „Ehrenmord“. Eher müssen wir Gewaltmuster analysieren und wirksame Maßnahmen ergreifen, um Tötungen zu verhindern.

Sie sind ziemlich skeptisch gegenüber der Institution Ehe. Zu heiraten bedeute potenziell die Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden, schreiben Sie. Was ist so gefährlich an der Ehe?

Die Ehe ist gefährlich, weil sie eine staatlich legitimierte und geförderte Verbindung herstellt, die es schwer macht, den Partner zu verlassen. Allein schon die finanziellen Begünstigungen, die Ehepartner erhalten – in Deutschland etwa durch das Ehegattensplitting –, vergrößern die ökonomische Abhängigkeit. Wir wissen schon so lange, dass die meiste Gewalt innerhalb der Kleinfamilie geschieht, gegenüber Kindern und gegenüber Frauen. Es ist schon erstaunlich, dass diese Institution dennoch so hochgehalten wird. Ich sage jetzt nicht, man müsse Kleinfamilien zerstören, jeder Mensch sollte die Lebensform wählen, die für sie oder ihn die beste ist. Aber ich glaube, man muss die Kleinfamilie öffnen, man muss Möglichkeiten schaffen, hineinzuschauen, um Isolation zu verhindern.

Müssten sich Gesetze ändern, etwa in der Einschätzung dessen, was als Mord gewertet wird und was als Totschlag?

Es gibt in Deutschland diesen unsäglichen Mordparagrafen, und es ist immer eine Sache der Auslegung, was als „niederer Beweggrund“ – also dann Mordtat – geahndet wird. Man könnte schon längst geschlechtsbezogene Tatmotive dazuzählen. Das große Problem ist: Wie entscheiden die Richter und Richterinnen? Wie sind die ausgebildet, was erkennen sie denn überhaupt als „geschlechtsbezogen“? Ich bin auch keine Freundin des Vorschlages, Femizid als eigenen Strafparagrafen einzuführen, denn dann müssten wir auch andere Tatbestände als eigene Gesetze einführen, wie den Mord aus Rassismus, den Mord aus Transfeindlichkeit et cetera. Das ist nicht zielführend. Eher sollte man so etwas wie „geschlechtsbezogen“ oder „rassistisch“ als niedere Tatmotive ansehen und insgesamt die Tötungsdelikte reformieren.

„Wir müssten viel mehr darauf schauen, worum es den Opfern von geschlechtsbezogener Gewalt überhaupt geht.“

Wie viel und wem nützt überhaupt das Strafrecht?

Bei Tötungsdelikten ist es klar, dass der Staat eingreifen und erheblich reagieren muss, und er macht das auch. Viel größer ist eigentlich das Problem beim Sexualstrafrecht oder noch mehr bei der sogenannten häuslichen Gewalt. Was ist denn da eine angemessene Folge der Tat? Welche Strafmaßnahmen wären sinnvoll? Was nützt es einer Frau, die von ihrem Ehemann geschlagen worden ist, wenn der eineinhalb Jahre später eine Geldstrafe bekommt, die er dann am Ende bezahlt, wenn er überhaupt zahlen kann? Wir müssten also viel mehr darauf schauen, worum es den Opfern von geschlechtsbezogener Gewalt überhaupt geht.

Was bräuchten die Opfer von Gewalt denn?

Meine Mandantinnen formulieren das meistens sehr klar: Sie wollen Sicherheit, die Gewalt muss aufhören. Sie wollen eine staatliche Anerkennung des ihnen widerfahrenden Unrechts, vielleicht wollen sie Entschädigung, und sie wollen, dass der Täter versteht, dass er nicht tun durfte, was er getan hat. Sie wollen auch, dass er dazu gebracht wird, es nicht wieder zu tun, weder ihnen noch anderen Personen gegenüber. Ich habe wirklich erstaunlich viele Mandantinnen, die Anzeige erstatten, auch aus dem Wunsch heraus, anderen Frauen diese Gewalt zu ersparen.

„Natürlich gehen die Forderungen auch an die Männer. Es reicht nicht aus, persönlich nicht gewalttätig zu sein.“

Der Ton Ihres Buches ist zugleich wütend und kühl erfahrungsgesättigt. Mit welchem Impuls haben Sie es geschrieben?

Ich arbeite seit fast 30 Jahren im Bereich geschlechtsbezogener Gewalt, und seit genau dieser Zeit empören wir uns darüber, dass so wenig geschieht. Warum ist das eigentlich so? Es gibt ein paar neue Gesetze, es gibt Bekundungen, wie schrecklich das alles sei und man müsse den Opferschutz stärken. Gleichzeitig schlägt die Gegenseite mächtig zurück, und es ändern sich ja auch die Gewaltzahlen nicht. Ich habe keine Lust mehr, zu jammern und zu bitten: „Könnten wir vielleicht ein bisschen mehr Geld für die Frauenhäuser kriegen?“ Mittlerweile denke ich: Es ist gewollt – wobei „gewollt“ zu groß klingt. Aber diese Gewalt gegen Frauen ist stabilisierend für unsere Gesellschaft. Man braucht sie, um das patriarchale System – und man wagt es ja kaum noch auszusprechen, dass wir in einem patriarchalen System leben – zu stützen. Es braucht diese Gewalt, wie es ja auch Rassismus braucht in unserem Land, um das Ganze zu stabilisieren. In meinem Buch sehe ich mir das genauer an und frage: Welche Lösungen gibt es, wenn wir die frauenverachtende Gewalt abschaffen wollen? Und natürlich gehen die Forderungen schon auch an die Männer: Hört auf! Es reicht nicht aus, persönlich nicht gewalttätig zu sein. Es reicht auch nicht aus, zu sagen: „Ich mache ein bisschen mehr Care-Arbeit.“ Wenn wir in einer anderen Gesellschaft leben wollen, dann muss es darum gehen, Privilegien abzugeben und tatsächlich zu schauen, an welchen Stellen wir aufgrund unseres Geschlechts immer noch in sehr anderen Lebensrealitäten stecken.

Sie sagen, es fehle im deutschsprachigen Raum eine wirklich wütende feministische Bewegung. Aber Sie sind wütend, oder?

Ja, ich würde schon sagen, dass ich wütend bin, aber ich weigere mich, frustriert zu sein. Ich möchte nicht eine dieser alten Feministinnen sein, die sagen: „Es wird eh alles immer nur schlechter.“ Worum geht es denn eigentlich? Wir müssen solidarisch miteinander sein, wir müssen darüber nachdenken, wie wir miteinander leben wollen. Wie können wir für alle eine Gesellschaft bauen, die sehr viel freier ist als diejenige, die wir haben? Und wie können wir gegen diesen zunehmenden Hass vorgehen? Darum geht es doch: füreinander zu sorgen, ja, wirklich sorgsam zu sein, wirklich solidarisch, sich wirklich diesem Hass entgegenzustellen.

Foto: Alena Schmick

Zur Person:

Christina Clemm ist Rechtsanwältin für Straf- und Familienrecht in Berlin. Seit fast dreißig Jahren vertritt sie Opfer geschlechtsspezifischer und rassistisch motivierter Gewalt. Sie war Mitglied der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts des Bundesministeriums für Justiz in Deutschland. Nach „Akteneinsicht“ aus dem Jahr 2020 (Verlag Antje Kunstmann) legt sie nun ihr zweites Buch „Gegen Frauenhass“ vor.

Aus dem Buch:

„Es gibt ein kollektives Trauma der Gewalt oder Gefährdung aller Frauen. Alle Frauen, alle trans Personen, alle non-binären Menschen kennen sie.“

„Das Private ist politisch, die Unantastbarkeit der Zweisamkeit gehört hinterfragt.“

„Sexualisierte Gewalt kommt überall vor, aber ganz besonders da, wo es Macht gibt.“

„Weshalb ist die Scham der Betroffenen immer noch größer als die Angst der Täter?“

„Von tausend Sexualdelikten werden acht verurteilt.“

Christina Clemm:
Gegen Frauenhass.
Hanser Verlag, 23,50 Euro