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Buchempfehlung: Himmelwärts

Es ist immer gut, etwas zum Tauschen zu haben

Sylvia kennt das Jagen aus ihrem früheren Leben als Fuchs, sie ist findig, wendig, schnell. Die Menschenhaut hat sie sich von einer Wäscheleine geklaut, den Instinkt behalten, das Staunen über die Angriffe der so genannten Menschen erstaunen sie bei Tag in der Arbeit, in der Nacht beim Tanzen im „Himmelwärts“.

So viele bunte Vögel hier, und sie mitten im Hühnerstall. Peter bemerkt ihren Blick und schiebt ihr Erdnüsse hin. ... Damit sie keinem ein Ohr abbeißt, kann ja passieren.

Sylvia arbeitet als Spendensammlerin für eine NGO namens GlobaCare-Spenden und spürt mit ihrem Jagdinstinkt immer die auf, die in ihrem Bau so verletzlich sind. Ihr Tipp aus vielen „Hausbesuchen“ und Beutebeobachtungen: Läute am besten an jenen Türen, an denen bereits die Heiligen Drei Könige ihre Zeichen hinterlassen haben. Im „Himmelwärts“ geht es Abend für Abend rund, ihre Freunde springen und tanzen wild mit ihr, auch sie sind gut getarnt. Da ist beispielsweise Jonathan, den sie besonders mag: Sein Rücken ist warm, sein Geruch neu, er riecht jetzt immer ein wenig nach Huhn. Außerdem ist er frustriert, immer mehr Heimbewohner*innen werden abgeschoben, jetzt muss er nur mehr Kleidungsspenden abholen und aussortieren.

Sie war immer auch Beute, nie nur Jägerin. Sie ist es gewohnt. Sie hat gedacht, das würde sich ändern, als Mensch. ... Eigentlich ist sie zu GlobalCare gegangen, um etwas geschützter zu sein. Unsichtbarer. Das haben ihr alle gesagt, dass man beim Spendensammeln fast verschwindet als Person, weil einem ohnehin niemand in die Augen sehen will, weil sich alle wegdrehen von dir, von dem, was du willst.

Reales vermischt sich mit surrealen Zwischentönen, Jonathan bringt ein Röntgenbild mit, da sieht man seinen vermeintlichen Tumor am Rücken: Es sind Flügel. Er weint, Flügel zu kriegen, tut weh. Sylvia kennt Verwandlungen, aber sie sei, so erklärt sie Jonathan, nur in eine Haut geschlüpft, sie kenne kein Tier, das zuerst ein Mensch gewesen sei. Die, die ohne Papiere durch den Roman huschen, die, die laut auftanzen, die, die von Brasilien schwärmen: All diese Menschen treffen sich im „Himmelwärts“. Jonathan überlegt, sich beim Asylamt zu bewerben, da müsse man nicht viel können.

Die schicken LGBT-Flüchtlinge zurück, weil sie ihnen nicht tuntig genug ausschauen oder weil sie keine Schwulenpornos auf dem Handy haben, was immer die da drunter auch verstehen. Das kann ich nur besser machen.

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen

Alltagsfluchten, Phantastisches, Sozialkritik, surreale Dialoge, Schärfung der eigenen Jagdinstinkte, Zärtlichkeit, viel Solidarität zwischen den Gästen des „Himmelwärts“ – das ja eigentlich überall sein könnte.

Die Autorin Elisabeth Klar

1986 in Wien geboren, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Transkulturellen Kommunikation, Softwareentwicklerin, Leiterin von Literaturworkshops für Kinder und Jugendliche. Für ihren Debütroman „Wie im Wald“ erhielt sie den Förderpreis der Stadt Wien, stand auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises 2015.

Elisabeth Klar:
Himmelwärts.
Roman.
Residenz Verlag 2020.
160 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
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