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Buchempfehlung: Fliegenpilze aus Kork

Resilienz in unsicheren Verhältnissen

Der Roman erschien 2017, er begeisterte und begeistert mich. Ich beschäftige mich mit Resilienz, Überleben in schwierigen Verhältnissen, und frage mich immer: Was lässt Kinder im Kontext nicht ganz stabiler, aber überaus liebevoller Erwachsener gedeihen, glücklich sein, lieben? Das Buch gab mir einige Antworten auf diese Fragen. Daher mache ich jetzt eine Ausnahme und stelle ein Buch aus dem Jahr 2017 vor: Tauchen Sie mit mir ein in das liebevolle Chaos eines Vaters mit seiner Tochter, später mit zwei Töchtern, das auch Schmerzhaftes und Wütendes bietet.

Wandel einer bedingungslosen Kinderliebe

Der Roman hat eine klare, einsichtige Struktur. Er beginnt mit „Geboren werden“ – „Eins werden“ – „Zwei werden“ – vielleicht ist sogar die Interpunktion „Geboren werden.“ wichtig. Er endet mit „Zwanzig werden“. Man kennt sich also aus und folgt den kurzen Episoden der Ich-Erzählerin: Zu Beginn lebten die Eltern noch zusammen, als sie zwei Jahre alt wird, trennen sie sich. Nach der Trennung sieht ihn das Mädchen lange nicht, er kauft in Griechenland für seiner Exfrau ein oranges Kleid, will es ihr schenken, sie nimmt es nicht an, danach hängt es viele Jahre in dem Kasten des Vaters und riecht fremd. Sogleich könnte man ein passendes Foto komponieren oder das Bild dieses Kleides zu malen beginnen: Die wenigen, treffgenauen Sätze bilden den Rahmen, die eigene Phantasie taucht den imaginären Pinsel in Farbe, Traurigkeit kann man auch in orange malen und Verlorenheit und ein wenig Hoffnung wohl auch. So liest man das Leben an den Vater-Tagen der 5-Jährigen

Als er schläft, klettere ich von meiner Matratze und hänge seine Wäsche auf. Er bemerkt die Wäsche in der Früh. Ich sage: ‚Das waren die Heinzelmännchen.’ Ich habe kein Bett bei ihm, aber eine Matratze, die er auf den Boden legt, wenn ich komme.

Die Tochter macht mit, widerspricht selten, ganz anders als das „neue“ Kind, die kleinere Tochter, die sich gegen seine übertriebenen Ausflugsziele und seine sonstigen außergewöhnlichen Ideen lautstark wehrt. Das ist neu für den Vater und verändert auch die Beziehung zur ersten Tochter. Er ist dünn, er raucht viel, hat gelbe Zähne, sammelt Dinge, hat sonderbare Mitbewohner, aber alles ist im Rahmen, keine Übergriffe, keine Gewalt. Er schüttet Kaffee in sich rein, hält irre Monologe, die Tochter muss physisch anwesend sein, das reicht ihm. Der Erzählton kommt selten ins Schwanken, er ist analytisch, beschreibend, selten emotional.

Bei „Vierzehn werden.“ zitiert sie ihren Vater so und das kann nicht jede! Die Veränderungen werden stärker und offensichtlicher.

Er schmiedet neue Pläne für mich. Er sagt, ich soll eine Friseurinnenlehre machen. Damit er nicht so lange Alimente zahlen muss. Ich bin ihm auf Dauer zu teuer.

Wer jetzt denkt, hier werde die Tagespolitik in Österreich ausgespart, irrt: Demonstrationen werden besucht, Wahlpartys danach ausgewählt, wie gut das Buffet dort ist. Der Vater wählt die SPÖ, die kleine Schwester erklärt es damit, dass der Häupl ein gütiger Mann sei. Im Zelt der FPÖ vorm Wiener Rathaus gibt es blaue Luftballons, Schweinsbraten, Krauftfleckerln, Gulasch, Knödel und Sauerkraut, Ursula Stenzel – das sieht der Vater mit seinen beiden Töchtern auf einem Bildschirm, zu Austropopliedern eine die Österreichfahne schwenkende Ursula Stenzel. Je älter die Protagonistin und Ich-Erzählerin wird, desto stärker kommuniziert sie mit ihrem Vater per SMS, seine Antworten werden surreal, was nicht nur an der Tastatur seines Handys liegt, er verliert sich, verliert an Kontur: Wenn er lacht, sieht man, dass er nur noch wenige Zähne hat. Die Kunst der literarischen Leerstelle hat mit diesem letzten Satz ihren Höhepunkt erreicht.

Was Sie versäumen, wenn Sie dieses Romandebüt nicht lesen

Resilienz, Kindheit, Vater-Tochter-Beziehung, prekäre Verhältnisse, Familiengeschichten, Politik, Autonomie, Mut, Entwicklungsroman, Hoffnung, dass es keine Schöner-Wohnen-Umwelt braucht, um ein feiner Mensch zu werden, Liebe, Halt, Haltlosigkeit, Überforderung einer angepassten Tochter.

Die Autorin Marie Luise Lehner

1995 geboren, lebt in Wien und Linz. Studiert am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst und Drehbuch an der Filmakademie Wien. Ihre Erzählungen wurden mit dem Kolik-Preis ausgezeichnet, 2017 erhielt sie für ihr Romandebüt „Fliegenpilze aus Kork“ den Alpha Literaturpreis.

Marie Luise Lehner:
Fliegenpilze aus Kork.
Kremayr & Scheriau.
192 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
www.sprachbilder.at

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