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Buchempfehlung: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Der klassische Detektivroman lebt davon, dass die Zahl der Verdächtigen begrenzt ist, ebenso der Raum des Verbrechens: Man denkt, man dachte, man überlegte. Heute kommen die PathologInnen dazu und die zaubern dann mit den DNA-Abgleichen die Verdächtigen aus ihren Leichenhüllen. Das Genre des Jugend-Detektiv-Romans hat als seinen Ahnen das Buch „Emil und die Detektive“, die Söhne und Enkel heißen/hießen dann „???“, „Knickerbockerbande“ – immer waren es mutige Kinder, Buben und Mädchen gemischt, die den Erwachsenen auf die Schliche kamen. Früher waren es die Diebe, heute sind es die Hacker, manchmal wird auch ein kleiner Hund entführt. Deepa Anappara bricht diese Regel: Kinder-Detektive aus dem Slum suchen ihre entführten FreundInnen, widerstehen der Gewalt der Erwachsenen, Religions-Konflikten und finden … Das sollte ich jetzt nicht verraten, das wäre schlechter Stil!

Slum-Detectives

Das Basti, das Elendsviertel am Rand einer nordindischen Stadt, bietet den Familien Unterschlupf und den Kindern viel Freiraum. Aber das sagen nur die, die nichts vom Elend der Kinder wissen: In nur einem Raum lebt die Familie von Jai, die Eltern rackern den ganzen Tag, Jai und seine Schwester Runu-Didi besuchen die Schule, schwänzen sie manchmal, vertreiben ihren Hunger mit Umherschlendern im Bhoot-Basar. Armut zeigt sich in vielen Szenen in diesem Buch, sie sind dezent, sie erklären, in dem sie beispielsweise von Tinten-, Schlamm- und Fettflecken erzählen.

Ich habe Ma angefleht, mich die neue Uniform tragen zu lassen, die ich diesen Winter umsonst von der Schule bekommen haben, aber Ma bewahrt sie ganz oben in einem Regal auf, wo ich nicht drankomme. Sie behauptet, nur reiche Leute würden Kleider wegwerfen, in denen noch Leben steckt. Wenn ich ihr zeige, dass mir die braune Hose nur noch bis zu den Knöcheln reicht, sagt Ma, selbst Filmstars würden heutzutage Hochwasser tragen, das wäre der letzte Schrei.

Jai genießt Fernsehsendungen wie „Police Petrol“ und „Live Crime“: Selbstverständlich ist es für ihn daher, dass er mit seinem Assistenten nach Bahadur, jenem Kind sucht, das als erstes aus dem Slum verschwunden ist. Viele folgen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, schließlich ist auch Runu-Didi weg: Die Familien haben einen Verdacht. Denn am Rande des Slums, in den Hochhäusern, wo viele Frauen für andere putzen, gibt es eine sehr reiche Lady in einem Penthouse. Die Kinder sind hungrig, aber gleichzeitig aufmüpfig, die Dialoge zeugen von großem Witz und einiger Selbstherrlichkeit, sie sind schlau, sie könnten etwas erreichen. Aktuell verschwinden in Indien jeden Tag etwa 180 Kinder in Indien, es geht um Organspenden und Missbrauch. Dieses Thema nimmt gegen Ende des Romans heftig an Fahrt auf, die Eltern werden interviewt, Armut ist auf einmal ein Thema für die Medien: Die Leute wollen ihre Kinder zurück. Sie wollen, dass die Täter ins Gefängnis kommen. Aber das wird nicht geschehen, das wissen alle.

Die Autorin Deepa Anappara

ist im südindischen Kerala aufgewachsen und hat als Journalistin in Delhi und Mumbai gearbeitet. Im englischen Norvich studierte sie Creative Writing: Für ihre Arbeiten über die Auswirkungen von Armut und religiöser Gewalt auf die Entwicklung von Kindern erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen.

Die Übersetzerin Pociao

übersetzte Gore Vidal, Zelda Fitzgerald, Pattis Smith … sie gewann 2017 den DeLilli-Übersetzungswettbewerb des Deutschen Übersetzerfonds und der FAZ.

Der Übersetzer Roberto de Hollanda

übersetzt aus dem Englischen, Protugiesischen und Spanischen.

Deepa Anappara:
Die Detektive vom Bhoot-Basar.
Aus dem Englischen übersetzt
von Pociao und Roberto de Hollanda.
Rowohlt 2020.
400 Seiten.

Christina RepolustChristina Repolust

Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss, wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.”
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